„Abhängigkeit von China reduzieren“

Eine funktionierende Logistik ist elementarer Bestandteil einer reibungslosen Lieferkette. Foto: Adobe Stock/Marco 2811

Deutsche Unternehmen haben in der Vergangenheit oft sehr komplexe globale Wertschöpfungsketten aufgebaut. Geopolitik-Experte Stefan Mair erklärt, wie sie Abhängigkeiten verringern und ihr Unternehmen damit widerstandsfähiger machen können.

Beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer sprechen Sie über die Zeitenwende in der deutschen Außenpolitik. Wie sollten sich deutsche Unternehmen aufstellen, um erfolgreich zu bleiben?

Dr. Stefan Mair: Deutsche Unternehmen waren in den vergangenen 30 Jahren sehr erfolgreich damit, komplexe globale Wertschöpfungsketten aufzubauen. Sie waren ein wesentlicher Grund für ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit. In den vergangenen Jahren hat sich aber verstärkt gezeigt, wie anfällig diese Wertschöpfungsketten sind und wie verwundbar dadurch deutsche Unternehmen werden: durch Naturkatastrophen, durch eine weltweite Pandemie, aber eben auch durch geopolitische Konflikte. Eine der großen Herausforderungen für Unternehmen wird es sein, diese Wertschöpfungsketten zu restrukturieren und sie damit widerstandsfähiger zu machen.

Wie könnte das aussehen?

Mair: Durch Diversifizierung, Regionalisierung und Reintegration von Wertschöpfungsketten. Diversifizierung bedeutet hier die Verringerung der Abhängigkeit von einzelnen Märkten durch die Erschließung neuer, die stärkere geografische Verteilung von Investitionsstandorten und die Gewinnung zusätzlicher Zulieferer. Regionalisierung bezieht sich auf die weitgehende Unabhängigkeit regionaler Wertschöpfungsketten voneinander, und Reintegration hat sowohl eine räumliche als auch betriebswirtschaftliche Dimension, um Wertschöpfungsketten zu verkürzen und weniger komplex zu gestalten: Reintegration durch Re-Shoring und Near-Shoring wie auch die Reintegration von Produktionsprozessen in ein Unternehmen.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat im vorigen Jahr mehr Handlungsfähigkeit und ein souveränes Europa gefordert. Wie kann dieses Ziel umgesetzt werden?

Mair: Hier kann man sich durchaus ein Beispiel an der Handlungsfähigkeit Europas in der Außenwirtschaftspolitik nehmen. Da dieses Politikfeld aufgrund des Binnenmarktes vergemeinschaftet ist, hat hier Europa die Möglichkeit, sich gegen äußeren Druck zu wehren, selbst Druck über Sanktionen auszuüben und beispielsweise über Freihandelsabkommen zu gestalten. Würden uns auch in der Außen- und Sicherheitspolitik Schritte in Richtung Vergemeinschaftung gelingen, wäre schon viel gewonnen: zum Beispiel durch die Einführung qualifizierter Mehrheitsentscheidungen, einer stärkeren Abstimmung bei Rüstungsprojekten und durch die Schaffung eines europäischen Sicherheitsrats.

Unternehmen sind angesichts der aktuellen Zeitenwende gefragt zu handeln – unter anderem in Hinblick auf Abhängigkeiten zu Russland und China, in ganz anderer Form auch zu den USA. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, sich hier zu lösen?

Mair: Vor allem durch Diversifizierung und Regionalisierung von Märkten und Wertschöpfungsketten. Hier darf aber auch die Politik die Unternehmen nicht alleine lassen. Eine Zeitenwende ist auch in der Außenwirtschaftspolitik notwendig, indem vor allem Freihandelsabkommen schneller und entschlossener verhandelt und ratifiziert werden.

Besonders gefährlich ist die Abhängigkeit von China. Hätte man sich hier schon früher lösen sollen und können?

Mair: Ich kann alle Unternehmen verstehen, die in den letzten Jahrzehnten eine wirtschaftliche Beziehung zu China aufgebaut oder ausgebaut haben. Die Größe des Marktes und die Wachstumsdynamik sind dort so stark wie nirgendwo anders. In Hinblick auf die aktuelle Lage wäre ich jedoch auf absehbare Zeit mit Investitionen vorsichtig, würde die Abhängigkeit vom chinesischen Markt reduzieren und weitere Zulieferer aus anderen Ländern suchen.

Erste Firmen richten sich Richtung Südeuropa aus. Bietet die Region genügend Perspektiven, um ein reduziertes Asiengeschäft zu kompensieren?

Mair: Südeuropa ist hier nicht das zentrale Problem, da die meisten dieser Länder dem EU-Binnenmarkt angehören. Viel mehr Aufmerksamkeit erfordern Südosteuropa, der Nahe und Mittlere Osten sowie Nordafrika. Diese Länder haben durchaus hohes Wachstumspotenzial und könnten aufgrund ihrer geographischen Nähe attraktive Investitionsstandorte sein. Dass diese Potenziale bisher von den Unternehmen nur eingeschränkt genutzt wurden, liegt vor allem an der hohen politischen Instabilität dieser Regionen. Hier ist also erneut die Politik gefordert, einen Stabilisierungsbeitrag zu leisten.

Interview: Teresa Zwirner

 

Zur Person:

Dr. Stefan Mair ist Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit und geschäftsführender Vorsitzender der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).