„Jede Krise führt zu einem Innovationsschub“

Teamwork: Um im Wettbewerb zu bestehen, müssen Prozesse und Produkte ständig verbessert werden. Foto: Adobe Stock/Blue Planet Studio

Steht das „Geschäftsmodell Deutschland“ vor dem Aus? Wirtschaftsweise Monika Schnitzer rät Unternehmen, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen und ihre Resilienz zu stärken.

Beim Gipfeltreffen für Weltmarktführer sprechen Sie über das Thema, welche Zukunft das Geschäftsmodell Deutschland hat. Wie steht Deutschland Ihrer Meinung nach aktuell im internationalen Vergleich da?

Monika Schnitzer: Deutschland setzt als Exportland bisher stark auf sein verarbeitendes Gewerbe. Schon bisher mussten deutsche Unternehmen mit Unternehmen in Niedriglohnländern konkurrieren, was ihnen durch effiziente Produktionstechnologien und hochwertige Produkte erfolgreich gelungen ist. Künftig werden sie auch die höheren Energiekosten ausgleichen müssen. Das wird die Unternehmen zwingen, ihre Prozesse und Produktstruktur weiter zu verbessern und anzupassen. Gerade die Digitalisierung bietet dafür Chancen, die von einer großen Zahl von deutschen Unternehmen noch lange nicht ausgereizt sind.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Innovationen und Wettbewerb. Wo sehen Sie in Zukunft die größten Innovationsmöglichkeiten?

Schnitzer: Jede Krise führt zu einem Innovationsschub. Das haben wir in der Pandemie bei der Entwicklung der Impfstoffe erlebt, das werden wir auch in Folge der Energiekrise erleben. Die Energiewende und die Digitalisierung werden zu vielfältigen Innovationsmöglichkeiten führen, die von den deutschen Unternehmen hoffentlich genutzt werden.

Wie wird sich der Wettbewerb zwischen Unternehmen, aber auch zwischen den Nationen in den kommenden Jahren verändern?

Schnitzer: Die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen werden dazu führen, dass sich die Europäische Union strategisch unabhängiger machen wird. Für Unternehmen bedeutet das, sowohl ihre Lieferketten, aber auch ihre Absatzmärkte stärker zu diversifizieren, um Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern und Regionen zu reduzieren.

Das vergangene Jahr war geprägt durch Krisen: Wie kann die Politik darauf reagieren, um diese langfristig gut zu bewältigen?

Schnitzer: Eine solche Häufung von Krisen ist ungewöhnlich, kann aber nie ausgeschlossen werden. Wichtig ist, auf solche Krisen vorbereitet zu sein, durch klare Verantwortlichkeiten im Krisenmanagement, Notfallpläne für unterschiedlichste Szenarien, adäquate Lagerhaltung und regelmäßige Stresstests. Besonders dringlich ist die Stärkung der Administration durch einen beschleunigten Ausbau der digitalisierten Verwaltung unter besonderer Berücksichtigung der Cybersecurity-Erfordernisse.

Was können und sollten Bürger, aber auch Unternehmen tun, um die aktuelle Inflation zu stemmen?

Schnitzer: Die hohen Energiepreise sind auf Haushaltsseite am besten durch Energiesparen zu bewältigen. Dabei helfen kurzfristig eine Reduzierung der Heiztemperatur, mittelfristig eine verbesserte Wärmedämmung und der Austausch von alten Geräten durch solche, die energieeffizienter sind. Bei steigenden Güter- und Lebensmittelpreisen hilft preisbewusstes Einkaufen und der Wechsel von Markenprodukten auf „No Name“-Produkte, da manche Anbieter die Situation für übertriebene Preiserhöhungen nutzen. Auch für Unternehmen gilt es, den hohen Energiepreisen durch eine verbesserte Energieeffizienz zu begegnen. Je nach Konkurrenzsituation haben sie aber auch die Möglichkeit, ihre erhöhten Kosten durch Preisanpassungen weiterzugeben.

Neben der Energiekrise, der Corona-Pandemie und der Inflation ist auch der Fachkräftemangel ein großes Thema. Wie müssen sich Unternehmen aufstellen, um passende Fachkräfte für sich zu gewinnen?

Schnitzer: Sie sollten attraktive Arbeitskonditionen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten. Für viele junge Menschen spielen nicht nur die Vergütung, sondern auch die zeitliche und räumliche Flexibilität eine wichtige Rolle bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes. Fachkräfte gewinnt man auch durch Weiterqualifikation der eigenen Beschäftigten. Zu überlegen ist auch, auf Fachkräfte aus Bereichen zu setzen, die künftig weniger gebraucht werden, zum Beispiel aus dem Bereich der Verbrennerproduktion in der Automobilwirtschaft. Diese Fachkräfte frühzeitig zu identifizieren und für die eigenen Bedarfe umzuschulen, könnte eine interessante Rekrutierungsoption sein. Um internationale Fachkräfte zu rekrutieren, sollten die Unternehmen Online-Plattformen nutzen und die Bewerber bei den Behördengängen und der Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt unterstützen.

Wie müssen sich Unternehmen aufstellen, um künftig erfolgreich zu bleiben?

Schnitzer: Die Unternehmen müssen ihre Resilienz durch Diversifizierung der Lieferketten und Absatzmärkte stärken. Außerdem müssen sie eine vorausschauende Personalpolitik betreiben. Das kann durch attraktive Arbeitskonditionen und Qualifizierungsmaßnahmen für künftig benötigte Fertigkeiten gelingen. Und sie müssen ihr Geschäftsmodell an die veränderten Energiepreise und die Möglichkeiten der Digitalisierung anpassen. Gerade die dauerhaft höheren Energiekosten sind nur zu stemmen, wenn die Unternehmen ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln und auf hochwertige Produkte mit besonders hoher Wertschöpfung setzen.

Interview: Teresa Zwirner

Zur Person:

Monika Schnitzer ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der LudwigMaximilians-Universität München und Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“).