Aufbruch bei der Arbeitszeit

Mit Warnstreiks wie hier vor den Toren des Automobilzulieferers Mahle in Öhringen erreichten die Beschäftigten letztlich eine Neuregelung der Arbeitszeit. Foto: Peter Hohl

Mit dem neuen Tarifvertrag haben die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie die Möglichkeit, ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden zu verkürzen. Die Entscheidung stand allerdings erst nach einem harten Kampf zwischen Arbeitgebern und -nehmern.

Eine Menschenmenge tummelt sich vor den Toren des Automobilzulieferers Mahle in Öhringen. Die Personen tragen rote Mützen und grell leuchtende Warnwesten. Vor ihnen steht ein Mann mit einem Megafon und brüllt: „Wir brauchen mehr Zeit für unsere Familien.“ Dem Aufruf folgen begeisterter Jubel seiner Anhänger sowie ein Konzert aus Trillerpfeifentönen. So sah die Situation bei den Warnstreiks der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie zu Jahresbeginn aus. Dem ging voraus, dass sich Vertreter der Industriegewerkschaft (IG) Metall und der Arbeitgeber nicht auf einen Tarifvertrag einigen konnten.

Wie lautete die Forderung seitens der Gewerkschaft genau? „Die Wochenarbeitszeit individuell zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden reduzieren zu können und Beschäftigte, die besondere Arbeitsbelastungen haben oder die sich um die Betreuung ihrer Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern, materiell dabei zu unterstützen“, erklärt Rudolf Luz, Funktionsbereichsleiter Betriebspolitik und Mitglied im IG-Metall-Vorstand. Ebenso sollen die Arbeiter das Recht bekommen, wieder zur Vollzeit zurückzukehren.

Konfliktpotenzial am Verhandlungstisch

Gerade aber der Lohnausgleich für die Reduzierung – was Luz als materielle Unterstützung bezeichnet – sorgte für Sprengkraft am Verhandlungstisch. „Wer hätte dann noch 35 Stunden gearbeitet, wenn er für ein paar Stunden weniger genauso viel verdient hätte?“, entgegnet Rolf Blaettner, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken, als Vertreter der betroffenen Arbeitgeber in der Metall- und Elektroindustrie. Den erhitzten Gemütern des einen Konfliktpartners stand die eiserne Forderung der Gewerkschaft entgegen. „Anstatt zu erkennen, welche Chancen auch für die Unternehmen damit verbunden wären, haben sich die Arbeitgeber quer gestellt“, mahnt Gewerkschafter Luz. Es kam, wie es kommen musste: Die IG Metall rief zu Warnstreiks auf und die Produktionen und Fließbänder vieler Betriebe standen still.

Aufgrund des Druckmittels der tagelangen Arbeitsniederlegungen beugten sich die Arbeitgeber schließlich. In einem Punkt haben sich allerdings die Vertreter der Industrie durchgesetzt: „Wer jetzt kürzer arbeitet, verdient entsprechend weniger. Das ist gerecht und immer noch attraktiv genug für diejenigen, die wirklich darauf angewiesen sind“, erklärt Blaettner. Dennoch bezeichnete der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, den Tarifabschluss bereits unmittelbar nach dem Übereinkommen als „zukunftsweisend“.

Bei allem Lob für die neue Regelung stellt sich die Frage, welche Auswirkungen sie auf die Arbeitswelt haben wird. Klar ist, dass oft geforderte lange und flexible Arbeitszeiten zulasten der Familie gehen. Dagegen hilft der Tarifabschluss. Allerdings betont der Regionalvertreter von Südwestmetall, dass eine verkürzte Arbeitszeit bei den meisten Betrieben schon zuvor möglich gewesen sei: „Beschäftigte, die kürzer treten wollten, konnten dies in aller Regel problemlos tun.“

Alexander Liedtke