Chance oder Risiko?

Der deutsche Mittelstand kann von der digitalen Revolution nur profitieren – und er kann ihn außerdem selbst gestalten. Fotos: Shutterstock/Zapp2Photo, IFOK

Der Mittelstand ist in Deutschland nicht wegzudenken: Er macht 99 Prozent der Unternehmen aus, ist für mehr als die Hälfte der Wertschöpfung verantwortlich – und rund jeder zweite mittelständische Betrieb geht Digitalisierung aktiv an. Doch reicht das, um Deutschlands Vorreiterrolle insbesondere im Bereich Industrie 4.0 aufrechtzuerhalten?

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind Deutschland und Digitalisierung zumindest im Bereich Industrie ein gelungenes Duo. Große und kleine Firmen leben bereits Industrie 4.0 und stärken den Produktionsstandort Deutschland. Ganz konkret wird das etwa auf der sogenannten Landkarte Industrie 4.0 der Plattform Industrie 4.0: Mehr als 350 Anwendungsbeispiele zeigen, wie umfangreich und unterschiedlich eine digitalisierte produzierende Industrie aussehen kann – Zahl steigend.

Es bleiben jedoch 50 Prozent, die nicht aktiv Digitalisierungsstrategien fahren. Dass sie Digitalisierung in ihren Organisationen mitdenken und implementieren sollten, liegt auf der Hand: Internationale Handelsbeziehungen wandeln sich, andere Unternehmen gehen die Schritte bereits vor und ein proaktives Nutzen der digitalen Möglichkeiten kann den eigenen Markenwert stärken, neue Geschäftsfelder und -modelle eröffnen sowie adaptiver für Veränderungen machen.

Wieso es dennoch weiterhin viele Mittelständler gibt, die sich nicht prioritär um Digitalisierung kümmern? Der Mittelstand in Deutschland war und ist sehr stark. Es geht ihm gut und in guten Zeiten ist erfahrungsgemäß Innovation nicht immer ein natürlicher Impuls. Zudem ist gutes Fachpersonal knapp, es wird im Tagesgeschäft gebraucht und hat keine Luft für Konzepte zur Einführung eines digitalen Shopfloor-Modells.

Synergien nutzen

So braucht es weitere Anreize als nur die Sorge um das eigene Geschäft, um Digitalisierungsstrategien im Mittelstand zur Regel zu machen: leicht zugängliche Angebote, um zu lernen und noch besser zu werden. Mittelstand-4.0-Kompetenzzentren in ganz Deutschland geben bereits regional- und branchenspezifisch niedrigschwellig Unterstützung. Diese äußert sich in Angeboten von der Qualifizierung der Mitarbeiter über Testmöglichkeiten digitaler Geschäftsmodelle

bis hin zur kompetenten Hilfe bei der Neugestaltung von Arbeitsabläufen. Auch viele weitere staatliche sowie Unternehmens- und Forschungsinitiativen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Einstiegshürden und Wissenslücken abzubauen.

Die Unterstützung für den Mittelstand kann jedoch noch weiter ausgebaut werden. Und vor allem besser vernetzt und bekannter werden: Dafür setzt sich zum Beispiel das Transfernetzwerk Industrie 4.0 ein, in dem sich Partner aus Ländern und auf Bundesebene vernetzen und ihre Synergien nutzen – mit gemeinsamen Veranstaltungen, Best-Practice-Sammlungen und dem Austausch zwischen Praktikern und Erforschenden.

Damit nicht nur der Mittelstand gut aufgestellt ist, sondern auch die Rahmenbedingungen stimmen, braucht es Kooperationen und Kommunikation zwischen Gewerkschaften, Verbänden, Unternehmen, Politik und Wissenschaft wie in der Plattform Industrie 4.0. Solche Netzwerke fördern einheitliche und von allen akzeptierte Rahmenbedingungen – ob im Recht, bei Standards, beim Datenschutz oder bei Ausbildungsplänen.

Die Antwort auf die Einstiegsfrage: Die digitale Revolution ist eine Chance für den Mittelstand. Aber noch wichtiger: Sie ist von ihm gestaltbar.

Henning Banthien

Zur Person
Henning Banthien ist Generalsekretär der Plattform Industrie 4.0 und leitet in dieser Funktion die Geschäftsstelle des Netzwerkes. Er ist ein international gefragter Experte auf den Gebieten Industrie 4.0, Nachhaltigkeit, Wissenschaftskommunikation und Innovation. Der studierte Philosoph und Geograf ist zugleich geschäftsführender Gesellschafter der IFOK GmbH und verfügt über langjährige Erfahrungen in der Entwicklung und Implementierung von Nachhaltigkeitsstrategien in Politik und Gesellschaft. Er ist Mitglied im VDI-Fachbeirat Technik und Gesellschaft und trug maßgeblich zur Erstellung der VDI-Richtlinien zur Öffentlichkeitsbeteiligung bei großen Infrastrukturvorhaben bei.