„Der Standort Deutschland ist gut“

Wolfgang Grupp führt in dritter Generation das Familienunternehmen Trigema, das 1919 von seinem Großvater Josef Mayer und dessen Bruder Eugen gegründet wurde. Die vierte Generation steht bereits in den Startlöchern. Foto: Trigema

Das Familienunternehmen Trigema ist der einzig verbliebene Textilhersteller, der noch an seinem angestammten Standort Burladingen produziert. Im Interview verrät Geschäftsführer Wolfgang Grupp, warum Unternehmer mehr Verantwortung übernehmen müssen, wieso er trotz Corona-Krise die Arbeitsplätze garantiert und weshalb nur eines seiner Kinder die Nachfolge in der Firma antreten soll.

Viele deutsche Textilhersteller sind verschwunden. Trigema besteht als Familienunternehmen seit mehr als 100 Jahren. Wo steht Trigema zum 125-jährigen Jubiläum?

Wolfgang Grupp: Ich kann nicht vorhersagen, was morgen auf mich zukommt oder in 25 Jahren sein wird. Doch ich bemühe mich, alle Probleme, die auf mich zukommen, zu bewältigen, so lange sie noch klein sind, und die nötigen Entscheidungen zu treffen. Das ist meine Aufgabe. Und wenn es neue Erkenntnisse gibt, korrigiere ich Entscheidungen. So habe ich das die letzten 50 Jahre – scheinbar mit Erfolg – gemacht.

Sie setzen auf Standorttreue und „Made in Germany“. Warum ist Ihnen das wichtig?

Grupp: Der Standort Deutschland ist gut. Alle einst hier ansässigen Textilhersteller, die meinten, ihm untreu werden zu müssen, sind Konkurs gegangen. Ich habe den Standort nicht verlassen, weil ich nicht Konkurs gehen wollte. Ich bin hiergeblieben und habe 50 Jahre lang nie eine negative Bilanz abgegeben.

Glauben Sie, dass „Made in Germany“ auch in Zukunft wichtig bleiben wird?

Grupp: „Made in Germany“ ist in der Corona-Krise noch stärker in den Mittelpunkt gerückt und war schon immer ein Zeichen von Qualität. Wir müssen auf innovative Produkte setzen, die am Standort Deutschland produziert werden. Denn entwickelt und geforscht wird nicht am Schreibtisch, sondern am Arbeitsplatz. Lagern wir alles aus, geben wir diese Bereiche aus der Hand. Dann werden wir die Führungsposition unseres Landes nicht mehr halten können.

Sie selbst haften voll und ganz für Ihr Unternehmen und haben oft kritisiert, dass andere Firmenchefs zu wenig Verantwortung übernehmen. Stirbt ihrer Ansicht nach die Ehre unter Unternehmern aus?

Grupp: Das ist immer eine Frage des Kopfes und der Kopf ist die Politik. Sie stellt die Weichen. Wenn die Politik meint, die Verantwortung immer mehr außen vor zu lassen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn unser Land seine wirtschaftlich führende Position verliert. Zudem müssen die Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft und nicht nur im Unternehmertum wieder mehr Verantwortung übernehmen. Eltern haben die erste Verantwortung für ihre Kinder – nicht der Staat, nicht der Lehrer. Deshalb sage ich: Wir brauchen die Verantwortung zurück. Und vor allem brauchen wir bei den Unternehmern die Haftung zurück. Das Wirtschaftswunder, dass uns unsere Vorfahren hinterlassen haben, ist von lauter persönlich haftenden Unternehmern gemacht worden. Sie hatten einen Vorwärtsdrang, aber sie wussten, dass sie persönlich als Erste in der Verantwortung stehen, wenn sie zu weit gehen. Wenn aber heute Insolvenz sozusagen überhaupt kein Problem ist, dann meldet man zwei, drei Mal Insolvenz an, wirft die Verluste dem Steuerzahler vor die Füße und die Gewinne hat man vorher kassiert. Das ist für mich kein Unternehmertum. Das sind Hasardeure. Ich habe schon immer vorgeschlagen, die Einkommensteuer zu erhöhen und denen, die mit ihrem gesamten Privatvermögen haften, 50 Prozent Steuererlass zu gewähren. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer bei 50 Prozent Einkommensteuerrabatt nicht bereit ist, persönlich zu haften, traut seiner eigenen Entscheidung nicht.
Als Chef sitzen Sie im Großraumbüro gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern. Wie wichtig ist Ihnen das Betriebsklima?
Grupp: Für mich sind das Betriebsklima und die Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern das A und O. Die Mitarbeiter sind die Basis für meinen Erfolg und eine gute Zusammenarbeit mit ihnen war für mich immer Voraussetzung. Früher waren die Mitarbeiter 20 Jahre und länger in den Unternehmen. Heute meint man, die Mitarbeiter bei erstbester Gelegenheit entlassen zu müssen. Ich garantiere die Arbeitsplätze, damit sich niemand um die Sicherheit seines Arbeitsplatzes sorgen muss, sondern volle Leistung bringen kann. Diese Leistung kann ich dann auch erwarten. Ich gebe meinen Mitarbeitern Arbeit und sie müssen die Arbeit, für die sie sich beworben haben, verrichten. Wenn beide ihre Pflicht tun, haben wir kein Problem. Unsere Mitarbeiter gehören zur Betriebsfamilie. Wir ziehen alle an einem Strang und arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander. Ich kann mich auf die Mitarbeiter verlassen und sie können sich auf mich verlassen.

Das gilt auch in der Corona-Krise?

Grupp: Ich habe am ersten Tag, als unsere Geschäfte geschlossen wurden, per Videokonferenz meinen Mitarbeitern klar gesagt, dass ich auch in dieser wahrscheinlich schwersten Krise die Arbeitsplätze garantiere. Es gab weder Entlassungen noch Kurzarbeit. Wir haben voll durchgearbeitet, haben unter anderem Masken produziert. Die Stärke dieser Betriebsfamilie hat sich in der Corona-Krise deutlich gezeigt. Alle haben mitgeholfen und waren stolz, dass sie in einer Firma arbeiten, die solche Krisen meistern kann.

Viele ihrer Mitarbeiter arbeiten bereits in zweiter oder dritter Generation für Trigema. Kindern von Mitarbeitern garantieren Sie einen Arbeitsplatz. Welchen Vorteil hat die Bindung ganzer Familien an Ihr Unternehmen?

Grupp: Wenn ein Mitarbeiterkind nach der Schule zu uns kommen will, wird es eingestellt und bekommt einen garantierten Arbeitsplatz, wenn möglich auch einen entsprechenden Ausbildungsplatz. Früher war das übrigens überall so. Als ich in die Firma kam, gab es noch 26 Textilfirmen in Burladingen. Jeder hat versucht, dem anderen Mitarbeiter abzuwerben, denn wer mehr Mitarbeiter hatte, verdiente mehr Geld. Mitarbeiter waren rar. Die Familien waren stolz, bei ihrer jeweiligen Firma zu arbeiten und man wäre böse gewesen, wenn jemand seine Kinder zur Konkurrenz gegeben hätte. Das kommt aus dieser Zeit und ich habe es beibehalten: Mitarbeiterkinder sind bei uns stets willkommen, denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wenn die Mama oder der Papa gute Mitarbeiter sind, dann werden sie auch dafür sorgen, dass die Kinder in ihre Fußstapfen treten. Wir haben bis zu drei Generationen gleichzeitig im Unternehmen. Diese Familien sind die Säulen unseres Betriebes. Mit ihnen kann man schwierige Zeiten problemlos durchstehen.

Sie haben in der Corona-Krise die Produktion schnell auf Masken und Schutzkleidung umgestellt. Wieso konnten Sie so flexibel reagieren?

Grupp: Das ist meine Aufgabe. Ich bin der Geschäftsführer und muss die Richtung vorgeben. Als die Corona-Krise auf uns zukam und eine Klinik und ein Pflegeheim gefragt haben, ob wir auch Masken produzieren können, habe ich darum gebeten, mir eine als Vorlage zu schicken. Sie schickten mir eine Vliesmaske, die ich natürlich nicht produzieren konnte, da es eine Wegwerfmaske war. Aber ich konnte Masken aus kochfestem Stoff herstellen, die hundertmal gewaschen werden können und dann sicher billiger sind als Wegwerfmasken. Gemeinsam mit der Klinik und dem Pflegeheim haben wir dann eine Maske mit Nasenbügel entworfen. Die ersten beiden Bestellungen lagen bei jeweils 1000 und 3000 Stück. Doch danach wurde aus dieser Geschichte ein richtiger Hype. Wir haben insgesamt Aufträge für 2,3 Millionen Masken bekommen. Wir fertigen alles, was die Kunden wollen. Davon leben wir.

Das Online-Geschäft boomt in der Corona-Krise, auch Trigema betreibt eine E-Commerce-Strategie. Hat sich das in der Pandemiephase verstärkt?

Grupp: Durch die Corona-Krise mussten unsere Testgeschäfte zeitweise schließen. Dadurch ist automatisch das Onlinegeschäft stärker geworden. Das lag aber nicht nur an den geschlossenen Läden, sondern daran, dass in der Krise „Made in Germany“, Nachhaltigkeit und ein anständiger Umgang miteinander sehr viel stärker ins Bewusstsein rückten. Weil wir das bei Trigema schon immer umgesetzt haben, sind auch wir stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Alle, die von Trigema gehört hatten, haben sich gesagt, jetzt müssen wir da auch mal etwas kaufen. Wir haben im Onlineshop über 100 000 Neukunden bekommen in der Corona-Krise. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn ich Werbung machen müsste, um diese Menge an Neukunden zu bekommen, wäre das eine teure Angelegenheit. Der Umsatz im Onlineshop hat sich verdreifacht. Das wird sich aber einpendeln. Früher, vor der Corona-Krise, haben wir etwa 20 Prozent der Produktion online abgesetzt. Das wird sich jetzt auf 30 Prozent einpendeln. Die Testgeschäfte, die nach sieben Wochen wieder aufgemacht wurden, haben auch eine sehr starke Nachfrage. Sie machen jede Woche 20 bis 30 Prozent mehr Umsatz im Vergleich zum letzten Jahr.

Sie selbst nutzen angeblich aber weder E-Mail noch Internet. Ist das kein Widerspruch?

Grupp: Überhaupt nicht. Ich muss nicht ständig einen Apparat vor mir haben. Selbstverständlich beantworte ich eine E-Mail. Die liegt ausgedruckt vor mir. Ich besitze auch ein Handy, aber das nutze ich nicht wie alle anderen, die da die ganze Zeit draufschauen. Wir brauchen auch noch ein wenig den Verstand. Mit mir können Sie über alles sprechen. Ich habe die Zahlen im Kopf. Wenn Sie mit mir durch meine Firma laufen und eine Frage stellen, die ich Ihnen nicht beantworten kann, dann müsste ich Ihnen den Laden schenken. Ich muss wissen, ob dies oder jenes richtig oder falsch ist. Dann werde ich auch nicht angelogen. Wenn einer einen Fehler macht und ich ihm das sage, dann weiß er, dass ich weiß, dass etwas falschgelaufen ist. Er verteidigt den Fehler dann nicht, sondern entschuldigt sich und macht ihn kein zweites Mal. Das Schlimmste ist nicht, einen Fehler zu machen. Das machen alle, auch ich mache Fehler. Das Schlimmste ist, Fehler zu verteidigen und sie zu wiederholen. Das ist tödlich. Das darf nicht sein. Ich brauche das Internet nicht. Dafür habe ich meine Leute, die sich darum kümmern. Aber an der Digitalisierung komme ich nicht vorbei. Alles, was in Sachen Digitalisierung wichtig ist, werden wir in Zukunft umsetzen, sei es in der Produktion oder in anderen Bereichen. Ob das ein Glück für die Industrie ist oder nicht, das kann ich nicht beurteilen. Ich muss mit der Zeit gehen und kann nicht daran vorbei. Aber ich selber kann noch etwas normal bleiben. Wenn Sie mir auf der Straße begegnen, dann werde ich Sie begrüßen und nicht auf mein Handy starren oder Musik hören über Ohrenstöpsel und Sie gar nicht mehr sehen.

Neuen und flexiblen Formen der Arbeitsorganisation stehen Sie, wie es heißt, eher skeptisch gegenüber. Was stört Sie an Homeoffice und Co.?

Grupp: Mein Betrieb ist so aufgestellt, dass wir die Probleme, die ja klein auf einen zukommen, sofort lösen. Wer zu mir sagt, er hätte ein großes Problem, ist für mich ein Versager, denn jedes große Problem war anfangs klein. Hätte er es als kleines Problem gelöst, dann hätte er kein großes. Bei uns müssen konstant Dinge, die problematisch werden, gelöst und geändert werden und dafür brauche ich meine Mitarbeiter. Ich persönlich treffe keine Entscheidung, ohne alles vorher mit den entsprechenden Mitarbeitern zu diskutieren. Das funktioniert nicht im Homeoffice. Ich brauche meine Leute vor Ort und sie brauchen mich. Wir sitzen alle zusammen in einem Büro und wer eine Frage hat, kommt zu mir. Und so wird den ganzen Tag entschieden. Entweder wird nein gesagt, dann hat es sich erledigt, oder es wird ja gesagt und dann geht es voran. Alles andere kostet Zeit – und Zeit ist Geld. Da sind wir schwäbisch veranlagt.

Ihre beiden Kinder arbeiten im Unternehmen. Nur eines soll die Nachfolge antreten. Warum keine Doppelspitze?

Grupp: Ich kenne viele Familienunternehmen, in denen mehrere Familienmitglieder in der Geschäftsleitung sind. Am Schluss sind sie oft zerstritten und geben einem fremden Geschäftsführer die Vollmacht, weil sie sich untereinander nichts gönnen. Das gibt es bei mir nicht. Meine Kinder lieben sich, haben kein Problem miteinander und das soll auch so bleiben. Ich habe auch zwei Geschwister und mein Großvater hatte zwei Töchter. Ich habe meine Tante mit Familie ausbezahlt. Und ich habe meine Geschwister und meine Eltern ausbezahlt. Das ist alles machbar. Eine Entscheidung zu treffen ist ganz wichtig und die muss man alleine treffen können. Daher soll nur ein Kind die Firma bekommen. Ich frage mich allerdings, ob nicht das Kind ohne Firma bevorzugt ist, weil es nicht die riesengroße Verantwortung für das Unternehmen und seine 1200 Mitarbeiter tragen muss.

Und nach welchen Kriterien fällt die Entscheidung für eines Ihrer Kinder?

Grupp: Meine Kinder werden sich irgendwann einen Partner fürs Leben suchen und es kommt darauf an, wo der Lebensweg sie hinführt. Wenn meine Tochter nach Amerika heiraten würde, kann sie die Firma nicht führen, mein Sohn ebenso. Es kommt auch darauf an, welchen Partner sie bringen. Welches Kind die Firma bekommt, muss meine Frau entscheiden, falls ich dann nicht mehr lebe. Oder wir entscheiden es gemeinsam. Das wird die Zukunft zeigen. Beide Kinder sind in der Firma, beide sind sehr engagiert und machen alles sehr gut.

Interview von Dirk Täuber