Die Natur weiß sich zu helfen

Viele Helfer waren unermüdlich im Einsatz, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Foto: Hohenlohekreis

Das Unglück an der Jagst war im vergangenem August. Wie geht es der Jagst heute? Schwäbisch Halls Landrat, Gerhard Bauer, zieht im Interview Bilanz.

Die Umweltkatastrophe liegt ein halbes Jahr zurück. Was hat sich seitdem an der Jagst getan?

Bauer: Im Herbst 2015, vor den Wintermonaten, war es noch nicht sinnvoll, mit dem Wiederbesatz mit Fischen zu beginnen. Die Monate in der Zwischenzeit wurden deshalb für ökologische Untersuchungen und für vorbereitende Maßnahmen genutzt. Der Flussbautrupp des Regierungspräsidiums Stuttgart hat insbesondere Schutzzonen für Fischbrut geschaffen, Altarme der Jagst wieder aktiviert, Uferbereiche naturnah umgestaltet und sogenannte Störsteine gesetzt, damit durch Wasserturbulenzen mehr Sauerstoff in das Jagstwasser gelangt. Die Kleinstlebewesen, also die Fischnährtiere, haben den Schadstoffeintrag sehr gut überstanden, so dass eine sehr gute Grundlage vorhanden ist, um die natürliche Nahrungskette im betroffenen Teil der Jagst wieder aufzubauen. Im März wird dazu nun mit der Aufzucht von Fischbrut begonnen.

Hätten Sie damit gerechnet?

Bauer:Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger, ob ehrenamtlich in den Feuerwehren und Hilfsorganisationen, in den Fischereivereinen oder ganz privat, hat mich tief beeindruckt. Ich weiß, dass das eine sehr belastende Tätigkeit war, denn es ging hauptsächlich darum, die verendeten Fische abzusammeln. Die Jagst ist ein wesentliches Element der Heimat der Menschen, die hier leben, und sie identifizieren sich mit dem Fluss. Ich habe die Hohenloher immer als zupackende und hilfsbereite Menschen erlebt, mit einem solchen Ausmaß der Hilfsbereitschaft bei Jung und Alt, zumal mitten in der Ferienzeit, konnte man aber sicherlich nicht rechnen. Daher ist dies umso lobenswerter und vorbildlich.

War der Landkreis auf eine derartige Umweltkatastrophe überhaupt vorbereitet?

Bauer: Auf ein solches Großschadensereignis kann man nicht wirklich gut vorbereitet sein. Verschiedene unglückliche Umstände sind hier zusammengekommen, die insgesamt den enormen Schaden an der Fischpopulation ausgemacht haben. Für einen solchen Unglücksfall mit derartigen Mengen an Düngemitteln gab es bisher keine Notfallpläne, wie in einem solchen Fall vorzugehen ist. Es hat daher zunächst wertvolle Zeit gekostet, mit verschiedenen Experten abzuklären, welches die geeig-netsten Maßnahmen sind. Von dieser Grundlagenarbeit konnten dann aber die unterliegenden Landkreise profitieren und sich entsprechend vorbereiten.

Was hätte man im Nachgang ggf. anders machen müssen?

Bauer: Nachdem zu einem derartigen Schadensereignis bisher keine Erkenntnisse vorlagen, war aus heutiger Sicht die erfolgte Handlungsweise korrekt. Denn sie zeigte die Wirkung, die in der damaligen Schadenslage so gut wie möglich erreicht werden konnte. Letztendlich halfen nur Verdünnung und Belüftung des Wassers.

Oder hätte man dieses Unglück sogar verhindern können?

Bauer: Eine hundertprozentige Garantie wird es nie geben, dass man einen solchen Unglücksfall verhindern kann. Inzwischen steht aber fest, dass die Verluste bei der Fischpopulation nicht derartig hoch gewesen wären, wenn alle neun Wehre im be-troffenen Teil der Jagst bei uns im Landkreis für Fische durchgängig gewesen wären. So hätte eine große Zahl an Fischen vor der Schadstoffwelle flüchten können. Deshalb wird jetzt verstärkt an Planungen gearbeitet, wie die Wehre durchgängig gemacht werden können.

Liegen Zahlen vor, wie viele Tiere/Pflanzen insgesamt zu Tode gekommen sind?

Bauer: Allein im Landkreis Schwäbisch Hall sind rund 15 Tonnen Fische verendet. Die Pflanzen in und an der Jagst wurden, wie die Fischnährtiere, vom Düngemitteleintrag zum Glück nicht geschädigt.

Hechte, Aale, Karpfen und Forellen tummelten sich vor der Umweltkatastrophe in der Jagst – auch heute noch?

Bauer: Alle Fachleute sind sehr optimistisch, dass sich die Artenvielfalt in der Jagst in den nächsten Jahren vollständig erholen wird. Oberhalb der Brandstelle Lobenhausener Mühle ist die Fischpopulation unbeschadet erhalten. Vereinzelt sind bereits Fische von oberhalb in den betroffenen Teil der Jagst zugewandert.

Zunächst ging man davon aus, es würde Jahre dauern, bis der Ausgangszustand der Jagst wieder erreicht sei. Was ist der Stand heute?

Bauer: Wie gesagt, die natürliche Nahrungsgrundlage für Fische ist nach wie vor vorhanden. Wir sind daher optimistisch, dass sich der Bestand in wenigen Jahren durch den Wiederbesatz mit Fischen und die natürliche Vermehrung erholt haben wird. Dazu tragen auch die Spendengelder bei, die für diesen Zweck gegeben wurden und für die ich, wie auch die Fischereivereine, sehr dankbar bin. Unter Federführung der Fischereiforschungsstelle Langenargen soll noch im März Laich der Nase aus unbelasteten Bereichen der Jagst entnommen werden. Nach der Aufzucht werden die Fische dann in den geschädigten Bereichen der Jagst wieder ausgesetzt. Im Juni wird es zu einer Umsiedlung von Fischen in die derzeit noch fast fischfreien Bereiche der Jagst kommen. Durch Abfischen werden die hierzu erforderlichen Tiere aus dem Unterlauf der Jagst entnommen.

Was unternehmen Sie, damit die Jagst auch in Zukunft wieder das Biotop wird, was es einmal war?

Bauer: Die Natur weiß sich zu helfen, und wir schauen, wie wir sie dabei unterstützen können. Einige Maßnahmen habe ich schon angesprochen. Uns ist dabei wichtig, die Ökologie an und in der Jagst nicht nur wiederherzustellen, sondern gegenüber dem vorherigen Zustand noch zu verbessern.

Wie beurteilen Sie das Geschehen heute: Umweltkatastrophe mit weitreichenden Folgen oder sind wir noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen?

Bauer: Natürlich ist dieser Großschadensfall ein ganz verheerendes Ereignis, das sich so hoffentlich nirgendwo mehr wiederholen wird. Trotz der Unmengen toter Fische muss man sehen, dass zum Glück keine Menschen ernsthaft zu Schaden gekommen sind – weder beim Brandeinsatz an der Mühle noch bei den Hilfsmaßnahmen an der Jagst. Außerdem sind mit dem Düngemittel keine Giftstoffe, wie z. B. Pestizide, Dioxine oder Schwermetalle, ins Wasser gelangt. Es bestanden zu keiner Zeit Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung. Ich meine deshalb, trotz allem haben wir Glück im Unglück gehabt.

Die Jagst war ursprünglich nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch Freizeiterlebnis – für Kanufahrer, Schwimmer und Angler. Besteht hier noch Gefahr für den Menschen?

Bauer: Gefahren für den Menschen bestanden glücklicherweise zu keiner Zeit. Das Freizeiterlebnis an der Jagst ist nun aus meiner Sicht lediglich für Angler beeinträchtigt, die ihrem Hobby wegen der Erholung des Fischbestandes in nächster Zeit nicht so nachgehen können wie früher.

Was hat man aus diesem Vorfall gelernt?

Bauer: Die aus dem Unglücksfall gewonnenen Erkenntnisse gehen in die Notfallpläne, sicherlich landesweit, ein. Damit sind die Auswirkungen und möglichen Handlungsweisen bei vergleichbaren Fällen besser bekannt und können im Rahmen der Unglücksbekämpfung gezielter und vor allem schnell abgearbeitet werden.

Gibt es seitdem Vorsichtsmaßnahmen, die getroffen wurden?

Bauer: Als Folge des Unglücksfalles hat die Schwerpunktaktion betreffend Düngemittellager nicht nur den Behörden bessere Kenntnisse über das Vorhandensein von Lagern verschafft, sondern sie hat auch das Problembewusstsein der Betreiber geschärft. Darüber hinaus wird es immer schwierig sein, im Falle von nicht genehmigten und den Behörden nicht bekannten Lagerungen Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Eine lückenlose Überwachung aller potentiellen Betreiber von Lagern wird auch in Zukunft nicht möglich sein. Ich hoffe daher, dass die Ereignisse die Sensibilität in der Bevölkerung für die mit der Lagerung verbundenen Gefahren stärken und dass damit derartigen Unglücksfällen besser vorgebeugt wird.

Interview: Lydia-Kathrin Hilpert