Gegen Feuer und Behinderung wehren

Axel Amlung ist ein ganz besonderer Feuerwehrmann. Nach einen dramatischen Unfall ist er an den Rollstuhl gebunden. Doch für den tapferen 55-Jährigen ist das kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken: Er unterstützt seine Kameraden bei jedem Einsatz.

Es ist mitten in der Nacht, als Feuerwehrmann Axel Amlung von einem schrillen Ton aus dem Schlaf gerissen wird. Es ist sein Piepser, der einen Einsatz meldet. Scheunenbrand steht auf dem Gerät. Der 55-Jährige macht sich sofort auf den Weg zum Feuerwehrmagazin in Oedheim. Dort angekommen, mischt er sich unter seine Kameraden. In Sachen Kenntnisse und Erfahrung ist er auf dem gleichen Stand wie die anderen, doch in einem Punkt hebt er sich von ihnen ab: Axel Amlung sitzt im Rollstuhl.

Schon seit Kindesalter ist der Oedheimer bei der Feuerwehr. „Ich bin damit aufgewachsen“, erklärt er. Die Ausbildung zum Hauptfeuerwehrmann hat er in seiner damaligen Heimat im Kreis Gießen gemacht.

Rückblick: Es ist ein Tag wie jeder andere für Amlung im August 1983. Er befindet sich auf einem Fest mit Freunden und Bekannten. Die Stimmung ist ausgelassen. Doch plötzlich wird er aus dem Geschehen gerissen: Sein Piepser meldet einen Einsatz. Der Feuerwehrmann eilt zu seinem Auto. Er fährt los. Schnellstmöglich will er seinen Kameraden helfen. Doch auf der Fahrt kommt er mit seinem Wagen von der Straße ab und kracht in die Mauern eines Hauses. Schwerverletzt wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: akute Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule.

Bald wird klar, was sich bereits abgezeichnet hatte. Der bisher aktive Mann ist fortan querschnittsgelähmt – und das ab Brusthöhe. Nie mehr wird er seinen unteren Körperbereich selbst bewegen können. Nie mehr wird er dort etwas fühlen. Sein künftiges Leben wird er an den Rollstuhl gebunden sein.

Ein Schauer überkommt jeden, der diese Geschichte hört. Aber Amlung spricht ganz offen über alle Details des Schicksalschlags. Seine Stimme ist dabei aber leiser als bei seinen sonstigen Erzählungen. Tief in ihm drin sitzt er noch: der Schock über den Unfall. Dennoch wirkt es so, als habe er seinen Frieden damit gefunden. „Mein Leben hat sich komplett verändert“, fasst die Frohnatur rückblickend zusammen. Das ist klar, denn neben vielen Umstellungen ist an eine weitere Teilhabe bei der Feuerwehr nicht zu denken.

Neustart

Doch Aufgeben kommt für den Kämpfer nicht infrage: Nach einer Umschulung zum Bürokaufmann arbeitet Amlung ab 1987 in Heilbronn. Sechs Jahre später zieht er mit seiner Frau in die Gemeinde Oedheim im Heilbronner Land. Und da flammt eine neue Hoffnung auf: Sein damaliger Nachbar ist bei den örtlichen Brandhelfern aktiv. Als dieser von der Feuerwehrvergangenheit des Rollstuhlfahrers erfährt, spricht er gleich eine Einladung aus: „Komm doch mal vorbei.“ Da er stets ein offener Mensch gewesen sei, lässt er sich das nicht zweimal sagen. Das ist die Chance, wieder seiner großen Passion nachzugehen.

Von Beginn an wird er „super aufgenommen“. Vor allem an seine erste Amtshandlung kann sich der damals neue Oedheimer bestens erinnern: eine Einsatzschulung, bei der er dabei sein durfte. Zum Zielort ging es einen steilen Anstieg hinauf – unmöglich, diesen mit dem Rollstuhl zu bewältigen. Eigentlich. Die Kameraden fackeln nicht lange, packen ihn samt seinem Gefährt und tragen ihn den Berg hinauf. „Dabei ist mir das Herz fast in die Hose gerutscht“, erzählt der grauhaarige Mann mit einem Lachen.

Seit 1994 ist er nun bei der Freiwilligen Feuerwehr in Oedheim und hat wie jeder andere auch seinen festen Posten. Amlung besetzt die Funkzentrale im Magazin, während seine Kameraden im Einsatz sind. „Funken, telefonieren und arbeiten am Computer“, so fasst er seine Tätigkeit zusammen, die unter anderem das Protokollieren von Funksprüchen, Personal und den Einsatzzeiten umfasst. Es sei ein mehr als gutes Gefühl, dass er trotz Behinderung seiner Leidenschaft nachgehen kann. Dazu trägt natürlich auch die „hervorragende Kameradschaft“ innerhalb seines Kollegenkreises bei. Der besondere Brandschützer hat sogar einen eigenen Parkplatz auf dem Gelände der Feuerwehr. Mit einem Lachen im Gesicht fügt er hinzu: „Ganz vorne und mit einem Rollstuhl gekennzeichnet.“

Alexander Liedtke