Gold, wem Gold gebührt

Sport ist Mord, finden manche. Für andere ist er beinahe wie eine Sucht. Und dann gibt es Menschen, die einfach nur als Ausgleich zu Schule, Studium oder Job Sport treiben. Bera Wierhake läuft zum Beispiel gerne – und ringt ihrem Körper erstaunliche Leistungen ab.

Es ist ihr äußerlich – zumindest auf den ersten Blick – nicht anzusehen. Doch Bera Wierhake ist anders als andere in ihrem Alter. Davon zeugt allerdings lediglich eine Narbe quer über ihren ganzen Bauch. Woher diese stammt? Das ist eine traurige Geschichte – einerseits. Andererseits macht sie auch Mut und Hoffnung.

Anne Bera Wierhake – der Name bedeutet Geschenk aus Gottes Gnade – wird am 1. Oktober 2000 in Öhringen geboren. Das Mädchen kommt mit einer Gallengangatresie, also einem Verschluss der Gallenwege, zur Welt und muss bereits in ihrer dritten Lebenswoche operiert werden. Ohne Erfolg. Schnell wird klar, dass Bera eine Spenderleber braucht, um zu überleben. Doch sie ist noch zu klein für eine Transplantation. Deshalb müssen sie und ihre Eltern der Dinge harren – bis das Kind neun Monate alt ist. Dann wird Bera im Transplantationszentrum der Uniklinik Essen ein Teil des zentralen Organs, das für den gesamten Stoffwechsel zuständig ist, von einem erwachsenen Spender eingesetzt.

Normales Leben

Es treten zwar Komplikationen auf, doch schließlich nimmt der Körper des Mädchens die Leber gut an und es geht ihm zunehmend besser. Die Familie kann aufatmen. Heute, 17 Jahre später, kann Bera ein vollkommen normales Leben führen. „Sie ist ein lebensfrohes Kind voller Energie und Tatendrang“, charakterisiert Mutter Petra Wierhake ihre Tochter. „Manchmal wundern wir uns, woher sie diese Energie und den Ehrgeiz nimmt.“ Das bezieht die 49-Jährige in erster Linie auf die sportliche Betätigung Beras. Denn die 17-Jährige ist eine richtige Sportskanone. Bereits als kleines Mädchen nahm sie am Kinderturnen teil, hatte Ballettstunden und ist lange Zeit geritten. Sogar Fußball hat Bera gespielt. Bis sie ihre wahre Leidenschaft entdeckte: das Laufen.

„Eine Kinderkrankenschwester, die bei einer Jugendfreizeit der Kinderhilfe Organtransplantation dabei war, erzählte mir, dass es Sportmeisterschaften für Transplantierte in verschiedenen Disziplinen gibt“, erzählt die Orendelsallerin. „Ich war gleich begeistert davon.“ Und so kam es, dass Bera 2016 beschloss, mit Leichtathletik anzufangen. Es gefiel ihr auf Anhieb. Also begann sie, für die deutschen Meisterschaften des Vereins Transdia-Sport Deutschland in Leipzig im Mai 2017 zu trainieren. Dabei wurde sie von Irina Benner von der TSG Öhringen, die selbst Leichtathletin ist, unterstützt. Bevor die Abiturientin allerdings an dem Wettkampf teilnahm, absolvierte sie noch den Öhringer Stadtlauf im April – und wurde Zweite bei den Damen im Freizeitlauf über fünf Kilometer.

In Leipzig räumte Bera dann allerdings dreimal Gold ab: im 100-, 400- und 1500-Meter-Lauf. Und das nach gerade mal etwa einem halben Jahr Training. Ende Juni 2017 toppte die Teenagerin dieses hervorragende Ergebnis noch einmal und brachte von der Weltmeisterschaft, den World Transplate Games, im spanischen Malaga sechs Medaillen – viermal Gold, einmal Silber und einmal Bronze – mit. „Ich hatte großen Respekt vor der Weltmeisterschaft. Damit, dass es so gut läuft, hatte ich nicht gerechnet“, räumt die zierliche junge Frau mit den langen braunen Haaren ehrlich ein. Sie habe es auch lange nicht realisieren können. Doch meist übertreffe man eben seine Erwartungen, wenn man bereit sei, vollen Einsatz zu zeigen. „Das ist dann besonders schön zu sehen, was man alles erreichen kann, wenn man sich auf Dinge einlässt und das ständige Spiel zwischen Kopf und Herz in Einklang bringt“, wird Bera beinahe philosophisch.

Goldregen

Auch das Jahr 2018 ließ sich bisher gut für sie an. Bei den deutschen Meisterschaften in Villingen-Schwenningen im Mai gewann die Ausnahmeläuferin wieder viermal Gold. Ebenso waren die Europameisterschaften auf Sardinien einen Monat später ein voller Erfolg für die Zwölftklässlerin, die im Oktober für acht Monate nach Australien ausreisen möchte, bevor sie ein Studium in Angriff nimmt. Auf der italienischen Mittelmeerinsel ging sie als Siegerin des fünf Kilometer langen Straßenlaufs hervor – und zwar nicht nur in ihrer Altersklasse, sondern über alle Altersklassen der Damen hinweg. Über 400 Meter konnte sich Bera eine Bronze-Medaille erkämpfen, über 800 sicherte sie sich Silber und über 1500 nochmals Gold.

All das, der Sport, das Training und die Teilnahme an Wettkämpfen in verschiedenen Ländern, wäre natürlich nicht möglich, ohne ein Okay von Ärzten. Bera braucht Atteste, die ihr bescheinigen, dass sie bedenkenlos ihrer Leidenschaft nachgehen darf. Insbesondere ihrem Kinderarzt Dr. Roderich Vitt aus Bretzfeld sei es ein wichtiges Anliegen, dass es der Jugendlichen gut gehe, wie Mutter Petra, die zwei weitere Töchter im Alter von 15 und 19 Jahren hat, betont. „Ohne ärztliche Begleitung geht so etwas nicht.“

Jetzt freut sich Bera aber erst mal auf ihren Abiball im Juli. Doch das richtige Kleid dafür hat sie noch nicht gefunden. „Ich würde gerne etwas Bauchfreies tragen“, verrät die Athletin selbstbewusst. Für ihre Narbe schäme sie sich nämlich überhaupt nicht. „Wenn ich darauf angesprochen werde, gehe ich ganz offen damit um – und bisher habe ich damit nur gute Erfahrungen gemacht.“

Olga Lechmann