Stadt im Aufbruch

Die Fahnen der Bundesgartenschau Heilbronn 2019 (BUGA) wehen vor dem Rathaus der Neckarstadt: Frischen Wind bringt die BUGA auch in die Stadtentwicklung. Foto: Dirk Täuber

Heilbronn stellt die Weichen auf Zukunft. Wie sich die Neckarstadt in den Bereichen Wohnen, Bildung und Arbeit weiterentwickeln soll, verrät Oberbürgermeister Harry Mergel im Interview.

Die Bundesgartenschau (BUGA) ist ein Motor für die Stadtentwicklung. Ein neues Stadtviertel entsteht auf einer ehemaligen Industriebrache. Wie geht es nach der BUGA weiter?

Harry Mergel: Das BUGA-Gelände war die letzte große Wunde, die Heilbronn nach dem Zweiten Weltkrieg verblieben war. Der Bereich Neckarbogen war vorher ein verwahrlostes Gewerbeareal. Heute ist ein Drittel des Geländes bebaut, zwei Drittel folgen im Anschluss an die BUGA. Wir werden unmittelbar nach der Schau die Infrastruktur ausbauen, damit wir zeitnah mit den Hochbauten beginnen können. Den hohen Anspruch, den wir in den ersten Bauabschnitt gesetzt haben, wollen wir beibehalten. Das betrifft sowohl die Qualität der Bauten als auch die Umsetzung innovativer Lösungen im Wohnungsbau in den Bereichen Energie, Mobilität und soziales Zusammenleben.

Gibt es einen Masterplan für die weitere Entwicklung Heilbronns?

Mergel: Die wichtigsten Ziele haben wir in der Stadtkonzeption Heilbronn 2030 formuliert und mit entsprechenden Maßnahmen unterlegt. Dem Gemeinderat berichten wir regelmäßig über die Fortschritte. Strategiefelder sind die digitale Stadt, die Bildungs- und Wissensstadt und – für uns eine große Herausforderung – die Mobilität. Welche Formen der Mobilität wollen wir in Zukunft? Enthalten ist auch der umfassende Begriff der Teilhabe. Hier geht es darum, allen Menschen gleich welcher sozialen oder lokalen Herkunft ein gutes Leben zu ermöglichen und den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft zu sichern. Eine große Herausforderung für uns stellt zudem das Thema Wohnen dar.

In welcheln Arealen treiben Sie den Wohnungsbau voran?

Mergel: Wir entwickeln nicht nur den Neckarbogen, sondern einige weitere Flächen. Dazu gehören der Nonnenbuckel im Stadtteil Neckargartach mit zirka 550 Wohneinheiten oder das Südbahnhofareal in Heilbronn, das ein großes innerstädtisches Wohngebiet wird. In Böckingen entsteht das Wohngebiet Längelter II. Wir haben, was den Wohnungsmarkt betrifft, mit der Stadtsiedlung Heilbronn, unserer Hundert-Prozent-Tochter, die Möglichkeit, in hohem Maße geförderten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Man muss die ganze Entwicklung im Auge haben. Wir registrieren, dass bei Neuvermietungen die Mieten deutlich steigen, aber auch die Immobilienwerte insgesamt. Das ist ein Ausfluss der gewachsenen Attraktivität und der Dynamik, die in der Stadt steckt.

Das Stadtquartier am Neckarbogen ist ein Testfeld für die Stadt der Zukunft. Heilbronn soll sich zur „Smart City“ entwickeln. Was bedeutet das konkret?

Mergel: Über Digitalisierung wird viel gesprochen, in Heilbronn kann man sie erleben. Auf dem BUGA-­Gelände gibt es beispielsweise autonom fahrende Autos, ein Parkhaus, das für autonomes Fahren ausgerüstet ist, ein System mit selbstfahrenden Transportern, die Pakete ausliefern. Natürlich gibt es auch Glasfaseranbindung und öffentliches WLAN auf dem ganzen Gelände. Das ist die Grundlage, die Infrastruktur der künftigen Smart-City-Services für unsere Bürger. Dazu gehören auch 174 smarte LED-Lichtstelen mit bis zu fünf Modulen, zum Beispiel für WLAN, Lautsprecher- oder Kamerafunktion, Umweltsensorik oder Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Unser Maßstab ist, dass diese Aktivitäten einen Mehrwert bieten, keine Spielereien sind und eine hohe Akzeptanz aus Nutzersicht haben. Es geht darum, die Chancen der Digitalisierung für eine bessere Lebensqualität zu nutzen.

Experimenta und Bildungscampus machen Heilbronn zur Wissensstadt. Sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?

Mergel: Die zentrale Aufgabe wird sein, die Ideen der Hochschulen mit den Entwicklungsabteilungen der Firmen in der Region zu verknüpfen. Wenn uns das gelingt, dann wird dieser Wirtschaftsstandort noch viel stärker und zukunftsfähiger. Die Dynamik der Entwicklung im Hochschulbereich ist groß. 2010 hatten wir 5000 Studenten, 2020 werden es über 10.000 sein. Diese Dynamik fordert uns als Stadt. Wir müssen Wohnangebote ermöglichen und natürlich sollen sich die Studenten in Heilbronn wohlfühlen. Wir merken, dass ein neues Lebensgefühl in die City kommt. Die Stadt wird jünger, bunter, internationaler. Wenn man abends an der Neckarmeile entlang geht, spürt man dieses Lebensgefühl. Die Dynamik der Stadt zeigt sich in vielen Bereichen, nicht nur in den harten Faktoren. Eine besondere Stimmung in der Bevölkerung ist spürbar, ein gewachsenes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl aufgrund der spektakulären Ereignisse wie Experimenta-Eröffnung und Bundesgartenschau.

DieDieter-Schwarz-Stiftung engagiert sich stark im Bildungsbereich. Welche Rolle spielen Mäzene für Heilbronn?

Mergel: Wir sind privilegiert hier in Heilbronn., Ein wichtiger Förderer hier im Zentrum ist Dieter Schwarz, der den wichtigsten Rohstoff der Zukunft erkannt hat, nämlich Bildung. Davon werden die Stadt und die Region in den nächsten Jahren und Jahrzehnten stark profitieren. Wir leben zudem in einer Region, in der Reinhold Würth sehr viel tut für die Kultur. Hohenlohe gehört auch zu unserem Lebensbereich. Wir schätzen das Angebot sehr, auch in Schwäbisch Hall. Für die Heilbronner ist das Teil ihrer Lebensqualität. Dazu gehört auch Dietmar Hopp, der 20 Minuten von Heilbronn entfernt mit der TSG Hoffenheim großartigen Sport bietet.

Wo sehen Sie die größten Stärken von Heilbronn als Wirtschaftsstandort?

Mergel: Wir haben einen sehr breiten Mix an Firmen, was auch bedeutet, dass wir bei der Gewerbesteuer nicht von einigen wenigen abhängig sind, sondern eine gute Grundstruktur haben. Die Stärken von Heilbronn liegen vor allem in den klassischen Wirtschaftsbereichen: Automobil, Maschinenbau, chemische Industrie, Logistik. Wir arbeiten aber auch daran, neue Technologien im Zukunftspark Wohlgelegen anzusiedeln. Uns ist es gelungen, in den letzten Jahren über 700 Arbeitsplätze in den Bereich Medizintechnik und Life Science, Biotechnologie oder IT zu schaffen. Was sich ebenfalls hervorragend entwickelt, ist der Telefunkenpark am Frankenstadion, ein altes Industriegebiet, das uns zwischendurch Sorgen bereitet hat. Heute ist es das Silicon Valley der Stadt Heilbronn. Wenn Alexander Gerst, den man in der ganzen Region mit Recht bewundert, in den Weltraum fliegt, hat er in seinen Anzügen auch Kühlelemente aus Heilbronn von der Firma AIM. Auch in diesem Bereich holen wir stark auf. Und jetzt kommt noch ein ganz wichtiger Faktor hinzu. Wir sind dabei, nahezu ideale Strukturen für Startup-Unternehmen zu entwickeln. Durch die Ansiedlung der Technischen Universität München wird es auf dem Bildungscampus ein Gründerzentrum geben: Campus Founders. Hier können Unternehmensgründungen aus der Hochschule angesiedelt, unterstützt und in ihrer Entwicklung begleitet werden. Gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet sich die Innovationsfabrik Heilbronn für etwas größere Firmen. Wenn diese richtig durchgestartet sind und mehr Flächenbedarf haben, gibt es den Zukunftspark im Wohlgelegen. Das sind ideale Strukturen, sowohl was die Räumlichkeiten als auch die finanzielle Begleitung durch Mäzene angeht. Die Bedingungen für junge Menschen, die sich ihren Traum von der Selbstständigkeit verwirklichen wollen, sind in Heilbronn hervorragend.

Interview: Dirk Täuber