Unverpackte Tatsachen

Kommt nicht in die Tüte: Wer beim Einkaufen Obst und Gemüse in Stofftaschen packt, schont die Umwelt. Denn nur ein geringer Teil der Plastiktüten wird recycelt. Der Großteil landet in der Natur und braucht 20 bis 100 Jahre, bis er zerfällt. Foto: AdobeStock/vaaseenaa

Die Welt versinkt in Plastik. Kunststoff schadet der Umwelt und wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. Immer mehr Menschen ziehen daraus ihre Konsequenzen und suchen nach Alternativen. Doch komplett plastikfrei zu leben, ist fast unmöglich.

Michaela Poidl aus Kocherstetten hat es satt: tonnenweise Verpackungsmüll, Mikroplastik in Kosmetika und Kunststoffe in Lebensmitteln. Auf ihrer Suche nach Alternativen stößt die damals 33-jährige auf Sandra Krautwaschl. Ein YouTube-Video zeigt die Schweizerin, die mit ihrer Familie nahezu plastikfrei lebt. Begeistert von der Idee ziehen nach und nach Glasbehälter, Ton- und Porzellanschüsseln sowie Blechdosen bei Familie Poidl ein. Auch ihr Haushalt soll weitestgehend frei von Kunststoff werden. Mann und Kinder muss sie gar nicht erst überzeugen. Sie verschenkt ihre Plastiksachen. Eine Tortentransportbox und Grillgeschirr für Kinder landen in einer Notfallbox im Keller.

Familie Poidl ist kein Einzelfall. Wir alle stehen vor einem riesigen Plastikmüllberg: Allein 2017 fielen laut Umweltbundesamt in Deutschland rund sechs Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an. Das soll sich jetzt ändern: „Bilder von Vögeln die mit Getränkedeckeln im Magen verhungern, Schildkröten, die von Plastiktüten stranguliert werden und Wale, in deren Mägen dutzendfach Plastikflaschen gefunden wurden, rütteln die Gesellschaft wach“, sagt Thomas Fischer, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft beim Umwelt- und Verbraucherschutzverband Deutsche Umwelthilfe. Er ergänzt: „Verbraucher werden immer häufiger vor vollendete Plastiktatsachen gestellt. Doch die haben zunehmend die Nase voll davon und legen immer stärker Wert auf eine umweltverträgliche Verpackung.“

Die Nase voll von Abfall hatte auch Olga Witt aus Köln. Da sie möglichst müll- und plastikfrei leben wollte und keine Läden fand, in denen sie Produkte ohne Verpackung kaufen konnte, eröffnete sie ihren eigenen Unverpackt-Laden. Bei „Tante Olga“ in Köln werden die Waren in Großgebinden angeliefert, meist verpackt in Papier. Trotz allen Bemühungen lässt sich Plastik nicht ganz vermeiden: „Klebriges, weit Importiertes wird in einfaches Plastik verpackt, das gut recycelt werden kann“, erklärt Witt. Cashewkerne, verpackt in Papier, werden beispielsweise schnell muffig.

Ganz ohne Plastik läuft es auch nicht im Haushalt der Familie Poidl: „Auch wenn ich ganze Kaffeebohnen in der Rösterei kaufe, werden die immer noch in Plastik abgepackt“, sagt Michaela Poidl. Einen Unverpackt-Laden gibt es in ihrer Nähe nicht. Sie wohnt auf dem Land. Eine Haarwaschseife als Alternative zum Shampoo in Plastikflaschen machte ihre Haare unkämmbar. Zahnpasta in der Metalltube gibt es in ihrer Gegend nicht. Sonnencreme ohne Plastikverpackung? Fehlanzeige! Auch beim Klopapier muss sie Kompromisse eingehen: „Ich nutze die Verpackung danach als Müllbeutel, im Bad zum Beispiel.“

Die Wiederverwendung von Produkten hat auch für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe einen hohen Stellenwert. Für ihn „ist nicht die Frage nach den Materialien entscheidend, sondern die Frage nach Einweg oder Mehrweg, nach kurzlebigem Ex und Hopp oder vielfacher Wiederverwendung.“ Das schone die Ressourcen und helfe, den Müll zu reduzieren. Der diplomierte Umweltwissenschaftler sieht es zudem als Aufgabe der Politik, mit entsprechenden Verboten, wie der Plastiktüten, des Einweggeschirrs und der Strohhalme, einzugreifen und den Herstellern entsprechende Auflagen vorzuschreiben.

Ohne Auflagen, dafür aber mit konkreten Vorschlägen, wendet sich Olga Witt immer wieder an ihre Lieferanten: Gemeinsam mit ihnen möchte sie das Packen der Paletten optimieren, um mit möglichst wenig Kunststoffen auszukommen: „Allerdings ist es schwer, die Lieferanten davon zu überzeugen, die Paletten anders zu packen“, sagt die Ladenbesitzerin. Bisher gab es nur einen, der auf ihre Anregungen hin seine Paletten nun anders packt.

Tonnen an Verpackungsmüll hat Familie Poidl seit ihrem weitestgehend plastikfreien Leben nicht mehr: „Die grüne Tonne ist beim Abholen nur noch ungefähr viertel voll und läuft nicht mehr über“, erklärt die mittlerweile 40-jährige Mutter. Ob Sonnencreme, Zahnpasta, Kaffee oder das Toilettenpapier – manchmal stößt man bei Plastik an seine Grenzen. Aber Michaela Poidl ist überzeugt, dass sich „unverpackt“ trotzdem lohnt: „Es ist zwar nicht viel, was wir als Familie tun können, aber wenn jeder ein bisschen was macht, dann halten wir es alle ein wenig länger auf unserem Planeten aus.“

Louisa Holz