Verantwortung in Krisenzeiten

Reinhold Würth wurde am 20. April 85 Jahre alt. Die Adolf Würth GmbH & Co. KG, die er zum Weltmarktführer entwickelte, gibt es seit 75 Jahren. Statt der Festwoche im Juni wird im stillen Rahmen gefeiert. Foto: Frank Blümler

Reinhold Würth ist Unternehmer, Gründer, Sammler, Weltbürger: Exklusiv im PROMAGAZIN spricht er darüber, wie wichtig starker Zusammenhalt statt Egoismus ist, um Krisen zu bewältigen.

Hohenlohe, Ihre Heimat, ist von der Ausbreitung des Coronavirus verhältnismäßig stark betroffen. Wie erleben Sie die Situation in der Region? Wie gehen Sie persönlich damit um?

Reinhold Würth: Nun ist diese Pandemie ja etwas nie Dagewesenes. Eine so globale Verbreitung eines Virus in einer solch kurzen Zeitspanne haben wir bisher noch nicht erlebt. Das sorgt weltweit für große Verunsicherung. Und doch handeln die meisten Bürger mittlerweile sehr verantwortungsbewusst. So erlebe ich es auch hier in der Region. Die Menschen wissen, dass sie mit Einhaltung der vorgegebenen Maßnahmen nicht nur sich selbst schützen können, sondern vor allem auch ihre Familien und Lieben. Das dürfen wir auch in den nächsten Monaten nicht vergessen – die Einschränkung unseres Lebens wird uns noch so lange begleiten, bis die Wissenschaft einen Impfstoff entwickelt hat. Auch wenn es uns sehr schwer fällt, hilft jetzt nur durchzuhalten. Auch persönlich nehme ich die Situation sehr ernst und halte mich an alle Maßnahmen, um mich so gut es geht vor einer Infektion zu schützen.

Welche Ihrer Lebenserfahrungen empfinden Sie als hilfreich im Umgang mit der gegenwärtigen Lage?

Würth: Ich habe als kleiner Junge die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs noch in Erinnerung. Das Unternehmen haben wir unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit aufgebaut. Wirtschaftliche Krisen haben wir auf der Welt immer wieder erlebt: Beispielsweise die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilienkrise in den USA begann und deren Auswirkungen über mehrere Jahre zu spüren waren. Letztlich hat sich gezeigt, dass es die Grundwerte eines Unternehmens sind, die in Krisenzeiten entscheidend sind. Ein hohes Engagement der Mitarbeiter, der Zusammenhalt im Unternehmensverbund, aber auch unsere dezentrale Struktur in der Würth-Gruppe haben uns durch verschiedene wirtschaftliche Krisen getragen. Daran halten wir auch jetzt fest und sehen, dass unsere Aufstellung über mehrere Länder und Branchen hinweg dabei hilft, die Auswirkungen einer solchen Krise auszugleichen und abzumildern.

Wie geht die Würth-Gruppe mit dieser besonderen Belastung um?

Würth: Die Gesundheit unserer Mitarbeiter zu schützen, ist derzeit unsere oberste Priorität. Gleichzeitig müssen wir das Geschäft am Laufen halten, weil wir es als unsere Pflicht verstehen, die Handwerker in ihrer täglichen Arbeit so gut wir können zu unterstützen. Sie tragen einen entscheidenden Teil dazu bei, unsere Infrastruktur aufrechtzuerhalten wie Krankenhäuser oder auch Versorgungseinrichtungen. Dafür brauchen sie Werkzeug und Material. Das ist sowohl unserem Management als auch unseren Mitarbeitern bewusst. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass die Mitarbeiter in der Logistik, im Außendienst und in den Niederlassungen so engagiert weiterarbeiten, wenn auch unter ungewohnten Bedingungen und mit vielen Sicherheitsvorkehrungen. Im Verkauf und im Außendienst hilft uns unsere Multikanalstrategie. Der Verkäufer berät nun eben per Telefon und hält so den Kontakt zum Kunden. Das ist gerade jetzt besonders wichtig. Wir alle sehnen uns nach dem persönlichen Gespräch – alleine das hilft schon immens.

Sie sind ein Freund und Förderer von Kunst und Musik. Die Veranstaltungsverbote treffen die Kulturlandschaft sehr hart. Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Künstler zu unterstützen?

Würth: Mir ist bewusst, dass diese Situation auch die Kulturlandschaft in erhebliche Bedrängnis bringt. Die Künstler und Kultureinrichtungen, die mein Unternehmen unterstützt, auch hier in der Region, teilweise seit Jahrzehnten, weil wir wissen, wie wichtig deren Arbeit ist, können sich darauf verlassen, dass wir auch zukünftig versuchen, sie nicht im Stich zu lassen. Genauso wie unser Publikum sich darauf verlassen kann, dass die Museen Würth wieder ihre Tore öffnen und die Würth Philharmoniker wieder ihre wunderbaren Konzerte spielen werden, sobald die Durchführung von Kulturveranstaltungen wieder verantwortbar ist. Natürlich können wir dann den Hebel nicht einfach umlegen und alles ist plötzlich wieder wie zuvor. Aber diese Krise zeigt ja auch, dass Kultur kein Luxus ist, sondern der Mensch die schönen Künste zurzeit vermisst und gerne wieder hätte, wie sein täglich Brot.

Die Festwoche zu Ihrem Geburtstag und zum Firmenjubiläum wurde verschoben und soll nachgeholt werden, wenn sich die Situation entspannt hat. Wie wichtig sind Feierlichkeiten nach der Krise für den Zusammenhalt und als Signal des Aufbruchs?

Würth: Leider mussten wir die Feierlichkeiten verschieben, doch das gebietet die Verantwortung, die wir den Gästen, Mitarbeitern und Freunden gegenüber haben. Doch irgendwann wird die Menschheit auch diese Krise überstanden haben und viele Soziologen prophezeien für die Zeit nach Corona ja bereits einen Ausbruch an Lebensfreude, wie wir ihn selten erlebt haben. Dann ist auch die richtige Zeit zu feiern. Denn dann haben wir alle viel Geduld gezeigt, auf vieles verzichtet, uns eingeschränkt und durchgehalten. Darauf dürfen die Menschen am Ende stolz sein und feiern, dass es nun wieder weitergeht und wir es alle gemeinsam geschafft haben.

Seit dem Ausbruch des Coronavirus sind viele EU-Länder mit Alleingängen und Grenzschließungen in nationale Egoismen verfallen. Schwächt das den Zusammenhalt in Europa? Oder glauben Sie, dass die EU gestärkt aus dieser Situation hervorgehen kann?

Würth: Tatsächlich brachte die Covid-19-Pandemie leider zutage, wie egoistisch eigentlich alle Mitglieder der Europäischen Union denken, nämlich gar nicht so unterschiedlich von Präsident Trump: „America first!“ Jetzt kommt ans Licht, wie die meisten europäischen Regierungen die Europäische Union nur als einen volkswirtschaftlichen Verein gesehen haben – siehe vor allem Großbritannien– und das Hauptziel, nämlich Europa ideologisch zu einem Bundesstaat weiter zu entwickeln, komplett ignorieren. Ich schäme mich, wenn ein italienischer Bürger im Fernsehen erklärt: „Jetzt wissen wir, was wir von der Deutschen Freundschaft und Europa zu halten haben.“ Da wird die Lieferung von medizinischen Schutzmasken von Deutschland nach Italien von der deutschen Regierung blockiert, dafür liefern uns die Chinesen ganze Frachtflugzeuge gefüllt mit Masken. Im gleichen Tenor läuft der Buchhalterstreit um die Herausgabe von Eurobonds. Die Frage muss lauten: „Wollen wir nun ein Vereinigtes Europa oder nicht?“ Wenn ja, dann gehört auch allseitiges Vertrauen und der unbändige Wille dazu, dass wir Europäer in 20 Jahren überhaupt noch geopolitisch gegen die Machtblöcke China, Russland und USA mitzureden haben. Seit über 50 Jahren bin ich in Italien, seit über 40 Jahren in Spanien tätig und habe dort meine Mitarbeiter als außergewöhnlich loyal und fleißig kennengelernt. Nehmen wir doch – bildlich gesprochen – unsere Freunde aus den anderen EU-Ländern fast liebevoll an der Hand und arbeiten an einer massiven Stärkung der Europäischen Union, die in der Corona-Krise wahrlich ein mickriges Bild abgegeben hat. Emmanuel Macron wäre der richtige Mann gewesen, um den „Europäischen Laden“ zusammenzuhalten.

Welche grundsätzlichen Lehren für die Zukunft sollten Ihrer Ansicht nach aus der Corona-Situation gezogen werden?

Würth: Die Erkenntnis aus dieser Pandemie muss sein, dass wir im Grunde die Erde als Raumschiff betrachten müssen. Die Bevölkerungszahl ist derart groß, dass wir Ideen von Weltherrschaft und Beherrschung der einen Völker durch die anderen schlicht aufgeben sollten. Mein finaler Traum wäre, die Vereinten Nationen tatsächlich zur Weltregierung mit allen demokratischen Vollmachten auszubauen –ein Traum, dessen Realisierung wir nie erleben werden.

Interview: Dirk Täuber/Denise Fiedler