Weiter wettbewerbsfähig

Frachtcontainer, die rund um die Welt gehen: Exportstarke Unternehmen, die Qualitätsprodukte bieten, bleiben weiterhin gefragt. Foto: Adobe Stock/Ralf Gosch

Trotz großer Herausforderungen sieht Konjunkturexperte Dr. Guido Baldi vom DIW die Wirtschaftskraft der Region nicht in Gefahr. Er ist überzeugt, dass innovative Unternehmen in der Lage sind, sich der herausfordernden Situation anzupassen und Lösungen zu finden.

Die Region Heilbronn-Franken beheimatet exportstarke Weltmarktführer. Was bedeutet Inflation grundsätzlich für deren internationale Wettbewerbsfähigkeit?

Guido Baldi: Die Inflation erhöht für viele Unternehmen die Kosten. Das ist erst mal schlecht für die Wettbewerbsfähigkeit. Allerdings sind viele Unternehmen in der Region Heilbronn-Franken führend in ihrem Bereich. Ihre Produkte werden vor allem wegen ihrer hohen Qualität nachgefragt. Der Preis ist natürlich wichtig, spielt aber bei solchen Produkten eine weniger starke Rolle. Zudem hilft die Abwertung des Euro vor allem gegenüber dem US-Dollar den exportstarken Unternehmen. Sie bleiben daher weiterhin wettbewerbsfähig.

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, um in der aktuellen Situation, in der sich gleich mehrere Krisen überlappen, selbst aktiv gegenzusteuern?

Baldi: Innovative Unternehmen sind oft auch hervorragend darin, sich an solche herausfordernden Situationen anzupassen. Sie wissen selbst am besten, wie sie sich in ihrem Markt anpassen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Um die Weltmarktführer in Ihrer Region mache ich mir wenig Sorgen, auch wenn die Situation natürlich eine große Herausforderung ist. Beunruhigt bin ich eher, was die allgemeine konjunkturelle Lage in Deutschland anbelangt. Die Kaufkraft der Menschen wird deutlich verringert durch die Inflation. Die Sorgen um die Energieversorgung sind hoch. Das führt zu enormen Belastungen für die deutsche Wirtschaft.

In unsicheren Zeiten halten Unternehmen gern das Geld zusammen und schieben Investitionen auf. Ist das eine sinnvolle Strategie?

Baldi: Auf der Ebene eines einzelnen Unternehmens ist dies oft sinnvoll. Wenn die Aussichten unsicher sind, wird weniger investiert. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wäre es natürlich wünschenswert, wenn die Unternehmensinvestitionen in Deutschland und im Euroraum insgesamt höher ausfallen würden. Hier macht sich wohl die lange Unsicherheit seit der Finanzkrise bemerkbar. Nach der Finanzkrise kam ja bald die Schuldenkrise im Euroraum. Nach einer kurzen Verschnaufpause hat uns die Pandemie überrollt und nun beschäftigt uns der Krieg in der Ukraine mit der hohen Inflation und der Energiekrise. Seit der Finanzkrise sind Deutschland und der Euroraum bei den privaten Investitionen beispielsweise deutlich hinter den Vereinigten Staaten zurückgeblieben. Das macht uns ärmer und verringert auch unsere weiteren Wachstumsaussichten.

Sollten Löhne an die Inflation angepasst werden? Wie sollen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen das derzeit stemmen können?

Baldi: Eine Anpassung in einem vernünftigen Ausmaß ist sicherlich angemessen. Auch angesichts des verbreiteten Fachkräftemangels und hohen Bedarfs an Arbeitskräften sind Lohnerhöhungen zu erwarten und sinnvoll. Momentan ist die Gefahr einer sogenannten Lohn-Preis-Spirale bei uns im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten noch gering. Allerdings ist es wichtig, die Entwicklungen gut zu beobachten. Wenn einmal eine solche Lohn-Preis-Spirale in Gang gekommen ist, wird es für eine Zentralbank noch schwieriger, diese zu stoppen und die Inflation unter Kontrolle zu bringen.

Während der Corona-Krise hat der Staat die Wirtschaft mit Milliarden gestützt. Ist das angesichts der Energie-Krise erneut notwendig?

Baldi: Zielgerichtete Hilfen seitens des Staates sind wichtig und angebracht. Ein Problem wären einzig zu hohe fiskalische Stützungsmaßnahmen, welche – etwa wie in den USA im März 2021 – die Inflation weiter anheizen würden. Dieses Problem sehe ich aber momentan überhaupt nicht.

Welche Risiken drohen, wenn Putin den Gashahn ganz zudreht und für energieintensive Branchen ein „Energie-­Lockdown“ erforderlich wird?

Baldi: Darüber gibt es in der Wissenschaft und der Politikberatung keine Einigkeit. Ziemlich sicher wäre eine Rezession kaum mehr zu vermeiden. Das Rezessionsrisiko ist ja ohnehin schon deutlich erhöht. Persönlich bin ich seit Ende Februar aus gesamtwirtschaftlicher Sicht zuversichtlich, dass die Schäden zwar hoch, aber handhabbar sein werden. Gerade innovative Unternehmen sind auch erfinderisch bei der Suche nach Einsparmöglichkeiten oder anderen Energiequellen. Eine enorme Herausforderung wäre ein solcher Gasstopp natürlich trotzdem. Viel wird auch davon abhängen, wie kalt der kommende Winter sein wird und wie viel Gas für das Heizen benötigt wird.

Reichen Appelle zum freiwilligen Energiesparen aus? Oder brauchen wir ein gesetzliches Spardiktat?

Baldi: Reine Appelle sind vermutlich zu wenig. Höhere Energiepreise sind oft das wirksamste Mittel. Allerdings ist das auch eine schmerzhafte oder sogar existenzgefährdende Maßnahme – für Unternehmen und Privatpersonen gleichermaßen. Umso wichtiger ist es, dass hohe Energiepreise von zielgerichteten fiskalischen Stützungsmassnahmen begleitet werden, um die teils verheerenden Auswirkungen abzudämpfen und dadurch den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewährleisten.

Interview: Dirk Täuber

Zur Person

Dr. Guido Baldi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) in Berlin.