Die Evangelische Stiftung Lichtenstern unterstützt seit 1963 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung und ihre Familien in allen Lebensphasen. Sybille Leiß setzt sich als Vorstandsvorsitzende gemeinsam mit dem großen Team dafür ein, dass trotz Kostendruck der öffentlichen Haushalte nicht am Menschen gespart wird.

Interview mit Sybille Leiß, Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Stiftung Lichtenstern
Frau Leiß, Lichtenstern ist eine der größten diakonischen Einrichtungen zwischen Heilbronn und Hohenlohe. Welche Rolle spielt die Stiftung wirtschaftlich und sozial für die Region – als Arbeitgeber, als Ausbildungsbetrieb, als Ansprechpartner für Familien?
Sybille Leiß: Wir tragen eine hohe soziale und wirtschaftliche Verantwortung. Mit über 800 Mitarbeitenden und mehr als 250 Ehrenamtlichen und Freiwilligen von Eppingen bis Künzelsau sind wir ein großer Arbeitgeber und ein verlässlicher Partner der regionalen Wirtschaft – etwa durch die Kooperationen unserer Werkstätten mit Großkunden. Gleichzeitig sichern wir über unsere Fachschule in Schwäbisch Hall den dringend benötigten Fachkräftenachwuchs. Für die Familien in der Region sind wir ein Partner für alle Lebensphasen: Wir begleiten von der Frühförderung über Schulen bis hin zu maßgeschneiderten Angeboten für Beruf und im Alter. Unser Ziel in allen Bereichen – ob beim Wohnen für rund 500 Menschen oder den beruflichen Angeboten – bleibt dabei immer gleich: Wir schaffen normale Lebensbedingungen und ermöglichen Teilhabe und Selbstbestimmung für Menschen mit Unterstützungsbedarf.
Viele Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen befürchten zurzeit, dass sie bei den geplanten Reformen im Gesundheits- und Sozialbereich durchs Raster fallen. Ist die Sorge berechtigt?
Sybille Leiß: Ich höre von vielen Angehörigen, Klientinnen und Klienten, die sich derzeit große Sorgen um ihre Zukunft machen. Wir setzen uns daher intensiv für den Bürokratieabbau in der Eingliederungshilfe ein. Allein in Baden-Württemberg könnten mit Hilfe von Standardisierung und Digitalisierung der Verwaltungsabläufe bis zu 60 Mio Euro eingespart werden. Das ist gutes Geld, das an anderer Stelle dringend nötig ist. Am Menschen zu sparen, gefährdet den gesellschaftlichen Frieden.
Darum unterstützen Sie die aktuelle Kampagne „Nicht am Menschen sparen“.
Sybille Leiß: Ja. Mit konkreten Vorschlägen zur Vereinfachung, Entlastung und Digitalisierung von Verwaltungsabläufen bieten wir den Sozialverwaltungen und der Politik im Land die Zusammenarbeit an. Es ist uns bewusst, dass dies nicht alle Finanzprobleme lösen wird, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung: Wir sehen die Situation der öffentlichen Haushalte, und machen daher konstruktive Sparvorschläge.
Die Stiftung Lichtenstern setzt sich dafür ein, dass für Menschen mit Behinderungen oder Förderbedarf aus Heilbronn-Franken „viel geht“. Welche drei besonderen inklusiven Erfolgsgeschichten sind Ihnen im Gedächtnis?
Sybille Leiß: Es ist eine inklusive Erfolgsgeschichte, dass an unserem Hauptstandort in Lichtenstern Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf wie eine Dorfgemeinschaft zusammen leben und arbeiten. Das wird gern übersehen. Darüber hinaus finden bei uns vielfältige Veranstaltungen, Konzerte und Feste statt, zu denen wir alle Menschen einladen. Eine weitere inklusive Erfolgsgeschichte ist unsere inklusiv geführte Grundschule Lichtenstern in Gellmersbach. Kinder mit und ohne Unterstützungsbedarf gehen in die selben Klassen und werden in der Regel von zwei Lehrkräften unterrichtet. Verschiedensein ist normal. Das lernen unsere Schülerinnen und Schüler von Anfang an. Der Schulpreis des Evangelischen Schulwerks im Jahr 2025 hat unser Konzept prämiert. Darauf sind wir stolz.
Und die dritte inklusive Erfolgsgeschichte?
Sybille Leiß: Das ist zweifellos unser Café Theo in Heilbronn am Neckarbogen. Seit der Bundesgartenschau arbeiten dort Menschen unterschiedlicher Begabung im Café zusammen. In Heilbronn sind wir nach so kurzer Zeit schon auf Rang zwei in der Beliebtheitsskala. Das spricht für sich. Wir freuen uns darüber sehr.
In wenigen Monaten sind Sie Mieterin am Gesundheitscampus MediKün in Künzelsau, dorthin sollen bis Mai 2027 die Frühförderung IFF umsiedeln und auch dort wird ein inklusives Café entstehen. Wie kam es dazu?
Sybille Leiß: Die Stadt Künzelsau ist auf uns zugekommen und hat uns gefragt, ob wir uns vorstellen können, für das MediKün ein inklusives Café wie das Café Theo in Heilbronn anzubieten. Unsere Interdisziplinäre Frühförderstelle ist bereits seit einigen Jahren in Künzelsau. Die Räume im MediKün sind vollständig barrierefrei und bieten mehr Platz. Das hat uns überzeugt. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Künzelsau ist äußerst erfreulich, das hat uns zusätzlich motiviert. Wir freuen uns auf das neue Projekt.
Was treibt Sie nach 17 Jahren an der Spitze der Stiftung Lichtenstern immer noch an?
Sybille Leiß: Mich treibt der Wunsch an, mitzuhelfen, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf möglichst gute Lebensbedingungen und Unterstützung erhalten, sei es beim Wohnen, bei Bildungsangeboten oder an einem passenden Arbeitsplatz. Ich bin deshalb auch nach 17 Jahren noch dankbar, dass wir dazu gemeinsam als großes Team Lichtenstern Entwicklungen und Projekte auf den Weg gebracht haben und noch bringen werden. Und dann sind es die vermeintlich kleinen Dinge, die mir Kraft geben und mich antreiben: wenn ein Kind aus unserer inklusiven Grundschule von seinem Schulalltag erzählt, wenn ein nicht-sprechender junger Mensch sich mit Hilfe seines Tablets ausdrückt und Gehör verschafft, wenn ein Gast im Café Theo gern wiederkommt. Solche Momente tragen mich auch über schwierige Zeiten – sie zeigen mir, dass unsere Arbeit sich lohnt für die Menschen und für die Region. Denn: Inklusion ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den wir alle brauchen.
Interview von Natalie Kotowski
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Sybille Leiß ist ordinierte Pfarrerin der Württembergischen Landeskirche. Die Theologin hat zusätzlich Diakoniewissenschaft und Sozialwirtschaft studiert und ist seit 2009 Vorsitzende des Vorstands der Evangelischen Stiftung Lichtenstern. Zuvor war sie im Vorstand der Großheppacher Schwesternschaft, nachdem sie viele Jahre Referentin des Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Stetten e.V. war. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.