Als es noch Wachstafeln gab

So sahen Klassenräume früher einmal aus – kein Vergleich zu heute. Auch Rechenschieber werden längst nicht mehr benutzt. All das und noch viel mehr ist im Schulmuseum ausgestellt. Foto: Olga Lechmann

Die Museumslandschaft in Heilbronn-Franken kann sich definitiv sehen lassen – von diversen Automobilmuseen über ein Jeans- bis hin zum Weinbaumuseum gibt es viel zu entdecken. Das Schul- und Spielzeugmuseum in Obersulm-Weiler ist das größte seiner Art in Baden-Württemberg.

 

Von außen wirken die beiden durch einen niedrigen Glasbau miteinander verbundenen Häuser gar nicht wie Museumsgebäude. Das kann natürlich daran liegen, dass das eine Haus früher einmal eine Schule war und das andere ein Gasthaus – was beides wenig mit Museum zu tun hat. Doch seit den Jahren 1996 beziehungsweise 2003 sind das gelbe und das graue Haus zweckentfremdet. Denn in ihren Räumen befindet sich eine mehrere tausend Exponate umfassende Ausstellung zur Schulgeschichte aus sechs Jahrhunderten. Eigentümerin dieses Schulmuseums im Ortsteil Weiler ist die Gemeinde Obersulm. Doch zu verdanken haben es die Kommune und die rund 3.500 Besucher im Jahr einem ehemaligen Gymnasiallehrer aus Heilbronn namens Manfred Brehm. „Er hat alles zusammengetragen“, weiß Hans-Peter Butz, der bereits seit 22 Jahren, also seit der Eröffnung, als einer von insgesamt sieben Ehrenamtlichen durch das Schul- und auch das dazugehörige Spielzeugmuseum führt. Die heutigen Ausstellungsstücke habe Brehm entweder vom Sperrmüll mitgenommen, auf Flohmärkten gefunden, als Spende erhalten oder aus vor dem Abriss stehenden Häusern und alten Schulgebäuden gerettet. So sind die Vitrinen über die Jahrzehnte hinweg immer voller geworden – und auch heute noch ist der Museumsinitiator und -leiter fleißig am Sammeln.

Alles beginnt vor 500 Jahren mit den Klosterschulen. „Das waren die ersten, die Schuldgeld verlangt haben“, erklärt Butz zu Beginn der Führung. Damals schrieben die Schüler natürlich nicht mit Füllern oder – wie mittlerweile sogar erlaubt – mit Kugelschreibern, sondern mit Metallgriffeln auf Wachstafeln. Wenn diese dann vollgeschrieben waren, wurde alles wieder glatt geschabt, um etwas Neues darauf einritzen zu können. „Das nannte man tabula rasa“, sagt der 77-Jährige. Auch heute noch wird diese Redewendung gebraucht, wenn man Ordnung schafft. Auf die Klosterschulen folgten die sogenannten Teutschen Schulen, die mit der Reformation eingeführt wurden. Damals wurden die Mädchen und Jungen allerdings nicht von Lehrern unterrichtet, sondern von Mesnern. Auch Bücher gab es zu dieser Zeit bereits, aus denen die Schüler für ihre Bildung wichtige Informationen erhielten. Soweit nichts Ungewöhnliches. Doch einige Zeit später wurden an Werken, die viele Seiten hatten, Lederriemen und Messingplatten zum Schließen angebracht, damit sie nicht auseinanderklappten „Da die Bücher unter Druck standen, musste man zum Öffnen auf die Deckel schlagen“, erklärt der Museumsführer, der selbst als Sonderschullehrer gearbeitet hat. Daher komme auch die Wendung „ein Buch aufschlagen“.

1649 wird in Württemberg die Schulpflicht eingeführt, was zur Folge hat, dass alle Kinder den Unterricht besuchen müssen. Und was ist für den Schulbesuch unabdingbar? Natürlich der Schulranzen, in dem man Bücher, Tafeln und später Hefte sowie Griffel beziehungsweise Federn und irgendwann Stifte transportiert. Alle Eltern wissen, dass ihre Töchter andere Ranzen haben möchten als die Söhne. Während es heutzutage meistens um die Farbe der auf dem Rücken getragenen Tasche geht, lag der Unterschied früher in den Klappen. So hatten Mädchenranzen nur eine Schließe und eine kleine Klappe und Jungenranzen zwei Schließen und eine größere Klappe. Nun kann man rätseln, warum das wohl so war … Kinder von ärmeren Zeitgenossen konnten sich weder Leder- noch Samtschulranzen leisten, also mussten sich solche Schüler mit einem Holzkasten abfinden. „Wenn der Lehrer zufrieden mit der Leistung war, malte er entweder Sternchen auf den Kasten oder schrieb so etwas wie ‚gut‘ oder ‚recht so‘ darauf“, schildert Butz. Das Mädchen oder der Junge hatten also etwas auf dem Kasten.

Tassen für Klassenbeste

Zum Schulalltag gehören selbstverständlich auch Zeugnisse. Im Schulmuseum liegt etwa ein Zeugnis eines Waldorfschülers aus dem Jahr 1923 unter Glas. Statt Noten stehen dort allerdings mündliche Beurteilungen. Diese beziehen sich nicht nur auf die Leistungen, sondern auch auf das Verhalten des Schülers. In der Nachbarvitrine befinden sich Belobigungen, die besonders guten Pennälern verliehen wurden. So gab es früher einmal sogar Tassen für solche Primusse. Schultüten hingegen bekam jedes Kind. „Die gibt es bereits seit 1820“, ist sich der gebürtige Heilbronner sicher. „Doch nach Baden-Württemberg kam die Schultüte erst nach dem Zweiten Weltkrieg.“ In der DDR seien diese Aufmerksamkeiten von Eltern zur Einschulung zu Dreivierteln mit Papier gefüllt gewesen – und zu einem Viertel mit Süßigkeiten. Heute werde ja alles Mögliche in die Schultüten von Kindern reingetan. Früher sei das noch etwas ganz Besonderes gewesen.

Außer den Exponaten zur Entwicklung des Schulwesens gibt es in dem Museum auch noch Räume, die alte Klassenzimmer von 1800 bis 1949 zeigen, eine Etage, die die Rolle der Frauen und Mädchen in der Schule zum Thema hat sowie Wohnstuben, die darstellen, unter welchen Umständen früher Schulmeister und Dorfschullehrer gelebt haben.

Olga Lechmann

Öffnungszeiten
Das Schul- und Spielzeugmuseum Obersulm-Weiler hat an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet. Das blaue und das grüne Haus können allerdings jeweils nur am ersten Sonntag des Monats, ebenfalls von 14 bis 17 Uhr, besichtigt werden. Führungen sind täglich nach Vereinbarung möglich. Weitere Informationen finden Sie auf www.obersulm.de.