Asterix und sein Biogas

Thomas Karle und das „eFüßle“, der fahrbare Untersatz im Bioenergiedorf Füßbach. Der Strom dafür ist natürlich öko. Foto: Denise Fiedler

Füßbach – ein gallisches Dorf der Moderne: Nicht der Kampf gegen die Römer, sondern gegen den Klimawandel und für eine positive Umweltbilanz prägen den Ort.

Ein Entenpaar steht schnatternd am Wegesrand. Die beiden sind auf dem Weg in Nachbars Garten, um dort Auschau nach Beute zu halten. Ein Schild weist auf die gefiederten Straßenüberquerer hin. Außer dem lautstarken Geturtel der beiden stört nichts die idyllische Ruhe am Morgen. 100 Einwohner leben im Kupferzeller Teilort Füßbach. 28 Häuser, einige Bauernhöfe, ein Industriebetrieb. Ganz klassisch Dorf, möchte man meinen. Aber so schnell ist die Geschichte nicht erzählt. Füßbach ist Bioenergiedorf, besitzt Ladesäulen für zwei Elektroautos, die der Dorfgemeinschaft gehören und startet als Pilotprojekt in die Nährstoffrückgewinnung.

„Wir sind das gallische Dorf der Unbeugsamen“, sagt Thomas Karle schmunzelnd. Der Diplom-Agrarwirt steht auf seinem Hof am Ortsrand, der nicht mehr viel mit Bauernhof zu tun hat, auch wenn der 54-Jährige noch ein wenig Ackerbau betreibt. Hinterm Haus ragen drei große Bottiche hervor, in denen Gülle, Weintrester und Pflanzenreste vergoren werden. Die dabei entstehenden Gase werden zum einen zur Energiegewinnung genutzt, zum anderen versorgen sie den Großteil der Nachbarschaft mit Wärme.

2010 wurde Füßbach saniert, wie Karle erzählt. Alle Straßen waren offen. Die perfekte Gelegenheit, Wärmeleitungen zu verlegen. „Man hat‘s nicht mehr in der Hand, aber man hat‘s viel leichter,“ fasst er den Vorteil der zentralen Wärmeherstellung zusammen. „Wer keine eigene Ölheizung im Keller hat, braucht sich nicht mehr um die Wartung kümmern, muss kein Öl mehr kaufen, muss den Schornsteinfeger nicht mehr zahlen.“

Was in der Biogasanlage an festen Reststoffen übrig bleibt, kommt in die Trocknungshalle. Die Masse ist ein extrem nährstoffhaltiges Konzentrat. Mit der Wärme der Anlage wird es getrocknet und später in Pelletform gepresst. „Das ergibt einen idealen Dünger für den Garten“, erklärt Karle.

Was auf dem Hof noch auffällt: der weiße Golf, der unterm Carport steht. Kein klassischer Golf, es ist die elektrische Variante. Zwei davon gibt es im Ort, ebenso viele Ladesäulen. Beides gehört dem Verein „eFüßle e. V.“, der sich 2016 gegründet hat und in dem der Großteil der Dorfgemeinschaft Mitglied ist. „Bei den Elektroautos gab es zunächst große Skepsis“, stellt Karle klar. „Der durchschlagende Erfolg kam erst mit einem Probeauto. Alle waren hin und weg vom Fahrgefühl.“ Viel sei rational diskutiert worden, die Entscheidung kam aber erst mit dem Erleben, mit den Emotionen.

Das System des E-Car-Sharings ist denkbar einfach: Zum jährlichen Mitgliedsbeitrag kommt eine verhältnismäßig geringe Nutzungsgebühr, acht Euro zahlt man für einen halben Tag. Das Auto kann auf der Website für den gewünschten Zeitraum gebucht werden. Die Auslastung mit durchschnittlich einer Buchung am Tag findet Karle gut. „Mittlerweile gibt es Familien, die ihren Zweitwagen abgeschafft haben. Das war unser Ziel.“ Die Übertragbarkeit auf größere Gemeinden sieht Karle eher kritisch. „Unsere größte Stärke ist unsere Vertrautheit. Das E-Füßle ist unser Kind, jeder Teilnehmer des Projekts hat ein hohes Verantwortungsbewusstsein,“ meint er. „Dafür ist eine gute Dorfgemeinschaft wichtig.“

Über 150 Bioenergiedörfer (BED) gibt es in Deutschland. Jedes davon funktioniert ein kleines bisschen anders. Manches setzt mehr auf Fotovoltaik, wie Wolpertshausen, das eines von vier BED im Landkreis Schwäbisch Hall ist. Oder setzt auf schnell wachsende Pflanzen, wie Miscanthus, das in Siebeneich gedeiht. Der Bretzfelder Teilort ist das bundesweit erste gläserne Bioenergiedorf und macht Klimaarbeit auf dem Naturpfad „Siebeneicher Himmelreich“ erlebbar. Insgesamt drei Orte im Hohenlohekreis versorgen sich energetisch selbst, im Main-Tauber-Kreis sind es vier. Deutschlandweiter Vorreiter war der Ort Jühnden im Landkreis Göttingen in Niedersachsen. Seit 2005 versorgt sich der 750-Einwohner-Ort komplett autark und regenerativ. In der Region Heilbronn-Franken war Füßbach Pionier.

„Wir wollen das Image vom verschlafenen Dorf umbiegen. Wir gehen neue Wege und sind damit Vorbild – wenn wir das so kommunizieren können, haben wir gewonnen,“ findet Karle, der mit seinem Unternehmen Agro Energie Hohenlohe GmbH die Biogasanlage betreibt. Fördergelder kommen vom Land Baden-Württemberg. „Die Beantragung war sehr mühsam“, so Karle. Und sie laufe demnächst, nach insgesamt 20 Jahren Betrieb, aus. Bis dahin will Karle auch ohne Subventionen wirtschaftlich sein.

Ein Baustein ist eine verstärkte Aufnahme von Gülle statt Energiepflanzen. Aufgrund der verschärften Düngemittelverordnung werden künftig Bauern weniger Gülle auf ihre Äcker ausbringen dürfen und brauchen dann Abnehmer – eine Win-win-Situation.

Karle hat aber noch ein anderes, ganz besonderes Ass im Ärmel: Nährstoffrückgewinnung. Die Reste aus der Biogasanlage werden in einzelne Nährstoffe aufgespalten – Stickstoff, Phosphor, Kalium –, die dann seperat in genauer Dosierung auf die Felder ausgebracht werden können. Das Ziel: weniger Belastung der Böden und Gewässer, weniger Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Ausland, ein Schließen des Nährstoffkreislaufs.

Eine deutschlandweit einmalige Pilotanlage steht in Karles Scheune dafür bereit. In Kooperation mit dem Frauenhofer Institut wurde sie entwickelt und bis zur Industriereife gebracht. Anfragen kommen von weit her, ob eine Besichtigung möglich sei. „Ab dem Frühjahr,“ so die Antwort.

Gerade ist die Uni Hohenheim am Werk: Die verschiedenen Düngervarianten werden in einem Feldversuch auf ihre Wirksamkeit sowie auf die Höhe von Kosten und Nutzen verglichen. „Wenn Sie mich in zwei Jahren nochmal danach fragen, wird das Projekt hoffentlich neben dem ökologischen Sinn auch eine wirtschaftliche Tragbarkeit besitzen,“ resümiert Thomas Karle.

Denise Fiedler

Hintergrund
Laut Informationen des zuständigen Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft deckt ein Bioenergiedorf (BED) seinen Strom- und Wärmebedarf zu mindestens 50% aus regional erzeugter Bioenergie. Die Bürger werden in die Entscheidungsprozesse eingebunden und tragen den Gedanken des BED aktiv mit. Die Bioenergieanlagen befinden sich mindestens teilweise im Eigentum der Wärmekunden oder der Landwirte vor Ort. Die nachhaltig bereitgestellte Biomasse stammt aus der unmittelbaren Umgebung, wodurch die Wertschöpfung vor Ort erhöht wird. Die Energieeffizienz und -einsparung wird regelmäßig überprüft. Die Erzeugung von Wärme und Strom aus Biomasse kann durch die Nutzung anderer erneuerbarer Energien ergänzt werden.