„Autonomie steht an erster Stelle”

Mehr Zeit für Menschen: Das ist es, was sich das Pflegepersonal wünscht, sagt Uwe Seibel. Fotos: Adobe Stock/Mizkit, privat

Vorurteile und Unwissenheit sorgen immer wieder für ein schlechtes Image der Pflegebranche. Die Corona-Pandemie und die Belastung des Pflegepersonals haben dieses Bild noch befeuert. Doch wie sieht es in dem Sektor wirklich aus? Uwe Seibel vom Berufsverband für Pflegeberufe über Gehälter, Rollenbilder und die Pflege der Zukunft.

Seit 13 Jahren sind Sie Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) in Stuttgart. Für was genau setzen Sie und der Verband sich ein?

Uwe Seibel: Wir setzen uns primär dafür ein, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern. Weiterhin befassen wir uns damit, was wir als Berufsgruppe verändern müssen, um auch künftig den Bedarf der Bevölkerung an Pflege sicherstellen zu können. Hier wären beispielsweise neue Berufsbilder ein Thema. Als Verband sehen wir uns zudem als Stimme der Pflegeberufe. Wir versuchen gegenüber der Politik, die Interessen des Pflegepersonals durchzubringen.

Sie sind selbst Krankenpfleger. Was hat Sie dazu gebracht, den Krankenhausalltag zu verlassen und  Geschäftsführer des Berufsverbands zu werden?

Seibel: Vor dreißig Jahren habe ich meine Ausbildung zur Krankenpflege abgeschlossen. Im Anschluss absolvierte ich an einem der ersten Studiengänge in Deutschland das Studienfach Pflegemanagement und arbeitete als Pflegedienstleiter in der ambulanten Pflege. Vor 13 Jahren habe ich die Stelle als Geschäftsführer im Berufsverband in Stuttgart angenommen. Ausschlaggebender Punkt waren die schlechten Bedingungen, die ich auch in der Leitungsebene immer wieder vorgefunden habe und an denen ich gerne etwas ändern möchte.

Die Belastung des Pflegepersonals wurde vor allem während der Corona-Pandemie immer wieder in den Medien diskutiert. Wie ist Ihre Erfahrung innerhalb des Verbandes mit dem Thema „Covid-19“?

Seibel: Ich möchte es einmal so ausdrücken: Die Corona Pandemie hat das ans Licht gebracht, wo schon lange die Problematik liegt: das fehlende Pflegepersonal. Und zwar über sämtliche Berufsgruppen hinweg. Ein dramatischer Nebeneffekt während der Pandemie war zudem, dass die Hilferufe viel zu lange außer Acht gelassen wurden. Schutzkleidung, Masken: Das alles war kaum vorhanden. Das Fachpersonal weiß, wie in einer Pandemie gehandelt werden muss. Wenn man jedoch vor dieser Art Situation steht und sich selbst nicht schützen kann, bringt am Ende all das Wissen nichts.

Als Verband vertreten sie das Pflegepersonal. Was wünschen sich Pflegekräfte von heute, damit sie ihren Beruf bestmöglich ausführen können?

Seibel: Hier sage ich immer ganz klar: Autonomie in der Ausübung des Berufs steht an erster Stelle. Wir erlernen einen Beruf, der vom Wesen her darin besteht, dass wir mit uns anvertrauten Menschen in verschiedenen Krankheits- und Pflegesituationen arbeiten. Es geht um die Begleitung dieser Menschen und das braucht sehr viel Zeit und Wissen. Wir brauchen daher mehr zeitliche Kapazitäten – entweder durch mehr Personal oder die Überlegung, ob unser System noch effizient arbeitet. Was sich das Pflegepersonal wünscht – noch vor einem höheren Gehalt – ist es, den Job ausführen zu können, ohne dabei Überstunden oder Abstriche in der Qualität machen zu müssen

Was kann dabei helfen, das Personal zu entlasten?

Seibel: Da sehe ich ganz klar das Thema Personalbemessungsinstrumente. Wir müssen in Deutschland dahin kommen, wo viele andere Länder schon stehen. Das Ganze sieht dann beispielsweise so aus: Auf einer Station gibt es eine gewisse Anzahl an Personen mit einem gewissen Pflegeaufwand. Daran bemisst sich, wie viel Personal mit welchem Qualifikationsstatus gebraucht wird. So eine Diskussion läuft aktuell im Bundesministerium für Gesundheit. Hierbei geht es um ein Personalmessungsinstrument für das Krankenhaus, das wir im Verband schon seit Jahren einfordern. Ich freue mich zu sehen, dass wir in die richtige Richtung gehen. Denn wenn wir so weitermachen wie bisher und die Überlastung des Pflegepersonals bestehen bleibt, dann kann das fatale Folgen für die Zukunft haben.

Wir haben bereits über Gehalt und Überstunden gesprochen. Wie sieht es mit flexiblen Arbeitszeiten aus?

Seibel: Ich wundere mich tatsächlich sehr, wie unflexibel manche Arbeitgeber noch sind. Gerade in Hinblick auf den aktuellen Personalmangel. Ein Beispiel wäre eine Mutter, die ihr Kind in die Krippe bringen muss und daher nicht um Punkt sechs Uhr zu Schichtbeginn vor Ort sein kann. Diese halbe Stunde Verspätung, von der wir hier sprechen, führt häufig immer noch zu großen Schwierigkeiten. Da muss es aus meiner Sicht Möglichkeiten geben, so etwas zu klären. Hier müsste man in Bereichen des Managements überlegen, ob man da nicht öfter einmal einlenken und Arbeitnehmern entgegenkommen könnte.

Welche konkreten Maßnahmen können denn ergriffen werden, um den Pflegeberuf für junge Leute interessant zu machen?

Seibel: Wir müssen über Karrierewege in der Pflege und neue Rollen innerhalb der Branche stärker reden. Bislang ist in den Köpfen vertreten, Pflege fände nur im Krankenhaus am Bett samt Wochenendschichten statt. Das ist natürlich ein großer Aspekt. Da das Berufsfeld jedoch sehr vielseitig ist, kann man sich das gesamte Berufsleben lang entwickeln – auch weg vom Schichtplan. In anderen Ländern beispielsweise gibt es an allgemeinbildenden Schulen eine Krankenschwester, die zusammen mit dem Lehrpersonal eingestellt wird. Mit solchen neuen Rollenbildern können wir auch junge Leute mehr begeistern und aufzeigen, dass der Pflegeberuf ganz verschiedene Möglichkeiten bietet.

Wir haben viel über Verbesserungspotenzial im Pflegebereich gesprochen. Gibt es auch Erfolgsmeldungen? Was wurde in den vergangenen Jahren bereits erfolgreich umgesetzt?

Seibel: Der größte Fortschritt war die Reform des Pflegeberufegesetzes 2020. Seitdem bilden wir nicht mehr drei separate Berufe aus – aufgeteilt in Kinderkrankenpflege, Altenpflege und Krankenpflege –, sondern leiten generalistische Pflegefachkräfte an, die sich dann in einem späteren Schritt spezialisieren können. Ergänzend wurde zudem ein Pflegestudium eingeführt. Doch das ist noch viel zu wenig bekannt und es gibt noch viel zu wenige Studienplätze.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen: Welche Veränderungen im Pflegebereich sehen Sie beispielsweise in zehn Jahren? Werden sich die Rahmenbedingungen wesentlich verändert haben?

Seibel: Ich möchte in zehn Jahren soweit sein, dass wir nicht mehr über einen Landarztmangel diskutieren, sondern über andere Rollenbilder das Problem lösen. Ein Beispiel wäre ein Masterstudium im Gesundheitsbereich, das es ermöglicht, Experten auszubilden, die Patienten bei akuten Beschwerden beraten und unter Umständen direkt zum nächsten Arzt überweisen können. Und ich sehe an den Schulen ganz klar das Einführen einer Schulgesundheitspflege.

Die Errichtung einer Pflegekammer in Baden-Württemberg ist schon länger geplant. Wie ist Ihre Ansicht dazu?

Seibel: Da ist die Politik viel zu zögerlich. Meine große Hoffnung ist es, dass wir im Jahr 2023 – spätestens 2024 – endlich ans Ziel kommen und in Baden-Württemberg eine Pflegekammer bekommen. Ein Blick nach Rheinland-Pfalz zeigt, dass eine Pflegekammer sehr gute Arbeit machen und den Pflegekräften eine starke Stimme geben kann.

Interview: Teresa Zwirner

 

Zur Person:

Uwe Seibel ist Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) Südwest e.V.