Das letzte Zuhause

Fühlen sich im Karl-Wagner-Stift wohl (v. l.): Ludwig und Gertrud Meckes, Fritz Burow, Edith Kirchner und Heinrich Becker. Foto: Stefanie Pfäffle

Es ist ein einschneidender Schritt: der Auszug aus den eigenen vier Wänden hinein in ein Altersheim. Das bedeutet Abschied von der vertrauten Umgebung, von liebgewordenen Gewohnheiten, von allem, was den Alltag bisher ausgemacht hat. Dass es aber auch ein Schritt in die richtige Richtung sein kann, beweisen die Erzählungen von fünf Senioren, die im Karl-Wagner-Stift in Nordheim leben.

Sie fühlen sich wohl in der Einrichtung der Evangelischen Heimstiftung, das betonen die Fünf immer wieder. Zwei Jahre und drei Monate – Fritz Burow kann genau sagen, seit wann er in Nordheim lebt oder seit wann in Westdeutschland. 1953 ist der heute 90-Jährige mit seiner Frau nach Leingarten gekommen. Als sie vor zwölf Jahren stirbt, lebt der Rentner noch lange Jahre allein, bis er ins Krankenhaus muss. Dort wird ihm Kurzzeitpflege empfohlen und weil nirgendwo sonst ein Platz frei ist, landet er im Karl-Wagner-Stift. „Meine Enkelin wollte mich zu sich ins ASB-Heim nach Leingarten holen, aber es hat mir hier so gut gefallen, da bin ich lieber geblieben“, erklärt er.

Aktiv bleiben

Burow gefällt, dass die Bewohner in der kleinen Einrichtung beschäftigt werden und nicht nur herumsitzen. „Hier gibt es jeden Tag eine Veranstaltung oder Aktivität, da wird immer was geboten.“ Langeweile könne da gar nicht aufkommen. Zu festen Zeiten findet Kraft-Balance-Training statt, es gibt Rätselstunden und Gedächtnistraining, Spaziergänge, jahreszeitliche Feste und Aus-flüge – alles auf freiwilliger Basis. Ehrenamtliche sorgen für zusätzliche Abwechslung.

Unter Leute kommen

Das schätzt auch Heinrich Becker. Er gehört zu den neuen Bewohnern. Gerade mal zwei Monate wohnt der Botenheimer im Stift. Mit Langeweile kennt sich der 85-Jährige aus. Nach dem Tod seiner Frau hat er vier Jahre allein im großen Haus gelebt. „Da fällt einem die Decke auf den Kopf.“ Als Becker mehrfach stürzt, findet sein Sohn, es sei Zeit für einen Umzug. „Ich hab mich schnell eingelebt. Man wird unterstützt, das ist ganz wichtig“, lobt er. Vor allem schätzt er es, wieder Leute um sich zu haben. Es sei wichtig, auf die anderen zuzugehen.

Mehr Leben, das ist auch Ludwig Meckes wichtig. Vor einem knappen Jahr ist er mit seiner Frau Gertrud ins Karl-Wagner-Stift gezogen. Der 89-Jährige hätte auch gut weiter alleine leben können, doch ohne seine Frau? Die Vorstellung ist nach 55 Jahren Ehe für ihn unvorstellbar. Gertrud Meckes leidet unter Parkinson, allein konnte ihr Mann die 87-Jährige nicht mehr pflegen. Jetzt geht er hier mit ihr spazieren, kümmert sich ums Essen und wenn mal was los ist, nimmt er sie einfach mit – auch wenn sie selbst nicht mitmachen kann. „Sie soll unter die Leute kommen und ich mache mit, soweit es geht.“ Wer rastet, der rostet, denkt er.

Unterstützung erhalten

Edith Kirchner gehört im Stift zu den alten Hasen. Seit fünf Jahren lebt die ehemalige Sportlerin schon hier. „Meine Tochter hatte keine Zeit, sich zu kümmern, also bin ich hier gelandet und dafür danke ich jeden Abend im Gebet“, betont die 91-Jährige. Über die Schwestern lasse sie nichts kommen, die seien immer für einen da. Aber es sei auch nicht immer alles nur gut, betont Burow, der sich im Heimbeirat engagiert. Manchmal dauere es lange, bis jemand kommen kann, das Essen sei auch nicht immer gut. „Nichts kann immer nur perfekt sein, das muss man aber auch mal sagen, aber viele trauen sich nicht“, stellt er fest. Auf der anderen Seite gebe es aber auch Leute, die immer und an allem was auszusetzen haben. „Da dürften die Schwestern auch mal auf den Tisch hauen.“ Tischrunden bringen die Bewohner immer wieder zusammen. Sie teilen Erfahrungen und Erlebnisse. „Es ist ein anderer Lebensabschnitt, aber da mir klar war, dass das kommen wird, ist es mir nicht schwer gefallen“, erzählt Burow. Sie alle wüssten, dass das Heim ihr letztes Zuhause sei. „Und bei diesem letzten Gang werden wir unterstützt“, ergänzt Becker.

Stefanie Pfäffle