Das Mittel zum Leben

Die Rinderzucht gehört ebenso zur Landwirtschaft wie der Acker- oder der Weinbau. Beides hat in der Region zentrale Bedeutung. Foto: Landesbauernverband in Baden-Württemberg e. V.

Seit vielen Jahren schon ist die Landwirtschaft im Wandel – innerhalb der Branche selbst verändert sich einiges, aber auch die Wahrnehmung der Gesellschaft ist anders als noch vor wenigen Jahren.

Gelb leuchtet der blühende Raps. Sein Duft steigt schon von Weitem in die Nase. Wie Wellen wiegt sich der Wind in der heranwachsenden Gerste. Das hohe Gras wird erstmals in diesem Jahr gemäht. Die Kühe stehen nach dem Winter wieder auf der Weide. Traktoren brummen über Feldwege. Es steht außer Frage: Heilbronn-Franken ist eine Region der Landwirtschaft. Sie prägt die Region außerordentlich und macht Heilbronn-Franken zu dem, was es ist: eine Region der Schaffer, Genießer und Tüftler.

Doch die Landwirtschaft ist im Wandel – in vielerlei Hinsicht. In Baden-Württemberg etwa nimmt die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ab. Waren es 2010 noch 44.500, so sind es heute rund 4000 Betriebe weniger, nämlich 40.600. Im Land wirtschaften nur ungefähr 36 Prozent der Betriebe im Haupterwerb, rund 64 Prozent im Nebenerwerb. „Viele Betriebe werden nur noch nebenberuflich, also als Hobby betrieben“, erklärt Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes und des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg, beim Students Executive Talk an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn und ergänzt: „Nur noch Betriebe über 100 Hektar Fläche nehmen zu, alle anderen werden weniger.“

Der Grund dafür scheint auf der Hand zu liegen: Die Arbeit muss sich lohnen – auch finanziell. „Die Situation in der Landwirtschaft ist nach wie vor schwierig“, erklärt der Bauernpräsident. Besorgniserregend sei vor allem, dass die baden-württembergischen Betriebe keine Rücklagen bilden können. „Damit ein Familienbetrieb seine Existenz dauerhaft sichern kann, ist eine Eigenkapitalbildung von jährlich 10.000 bis 15.000 Euro nötig“, zeigt Rukwied auf. Im Wirtschaftsjahr 2015/16 seien es lediglich rund 2000 Euro im Durchschnitt gewesen. Zu wenig, um davon leben und wirtschaften zu können. „Ändert sich nichts an der Einkommenssituation unserer Bauern, dann verlieren wir einen wichtigen Teil der regionalen Erzeugung im Land“, mahnt der 55-Jährige. Dabei ist die Landwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftszweig in Deutschland, Baden-Württemberg und in der Region. „Jeder neunte Arbeitsplatz steht mit dem Agribusiness in Verbindung“, zeigt der Eberbacher die Bedeutung auf.

Doch woher kommt diese Entwicklung? Rukwied sieht hier einen Zusammenhang mit einer Veränderung in der Gesellschaft. „Vielen Verbrauchern ist heute nicht mehr bewusst, dass die Rohstoffe für Lebensmittel von Landwirten erzeugt werden. Die Landwirtschaft ist vielen fremd geworden. Das müssen wir ändern.“ Mit einem Augenzwinkern zeigt er ein Beispiel auf, das er selbst erlebt habe: Bei einer Führung über einen Milchbetrieb habe eine Besucherin gefragt, wann am Tag die 1,5-prozentige Milch und wann die 3,8-prozentige Milch gemolken werde. Diese Aussage scheint kaum zu glauben. Lachen raunt durch die Menge der Studenten.

Auf der anderen Seite der Medaille sei der Berufsstand in der Bevölkerung hoch angesehen, die Bereitschaft, höhere Preise für gute Produkte zu bezahlen sei bei rund einem Fünftel der Bevölkerung durchaus vorhanden – auch wenn es eine Schmerzgrenze gebe. „Wir müssen den Menschen wieder ins Bewusstsein bringen, was Lebensmittel bedeuten. Sie sind ein Mittel zum Leben – aber dieses Mittel muss auch entsprechend honoriert werden.“

Lydia-Kathrin-Hilpert