Der Wächter der Dunkelheit

In vollem Gewand bei der Führung: Nachtwächter Heinz Erhardt. Foto: privat

Die Tradition der Nachtwächter haben Heinz Erhardt schon immer fasziniert. Deshalb hat er sich nach seinem Berufsleben die Bräuche einverleibt und bietet seitdem Nachtwächterführungen durch Schwäbisch Hall an und das mit Erfolg und hoher Nachfrage.

Die Sonne senkt sich hinter dem Kirchturm von St. Michael in Schwäbisch Hall. So langsam hält die Dunkelheit in den Straßen der Innenstadt Einzug. Die Gassen sind fast menschenleer. Eine Ausnahme bildet eine Gruppe von Personen, die von einer dunklen Gestalt angeführt wird. Beim näheren Betrachten wird klar, dass es ein Mann ist.

Er trägt ein schwarzes Gewand und einen dunklen Dreispitz auf seinem Kopf. In der einen Hand hält er eine lange Stangenwaffe, in der anderen eine Laterne, die ihm den Weg leuchtet. Plötzlich bläst der Gruppenführer lautstark in sein Horn, das ihm um den Hals hängt. Die Gruppe versammelt sich. Mitten in der dunklen und stillen Straße beginnt er, eine Geschichte zu erzählen.

Die Schauererzählung handelt von der Tradition der Nachtwächter. Heinz Erhardt empfindet diesen Kult nach und bietet auf eigene Faust Nachtwächterführungen in der Altstadt von Schwäbisch Hall und auf der Comburg an. Daneben macht er auch klassische Führungen durch die Kocherstadt, kunsthistorische Rundgänge in dem ehemaligen Kloster sowie Sonderführungen in Schloss Langenburg. Gerne zeigt Erhardt den Besuchern einmal in der Woche auf der Comburg die romanische Gebilde in der Anlage. Am meisten angetan haben es ihm aber die Nachtwächterführungen. Diese sind auch am meisten gefragt. Düster und geheimnisvoll wirkt der rüstige Rentner aber so gar nicht. Munter erzählt er von seiner Leidenschaft im Ruhestand.

Wie kommt der gebürtige Dinkelsbühler dann dazu, sich als Nachtwächter zu verkleiden und durch die Stadt zu führen? „Seit meiner Kindheit kannte ich den Nachtwächter in Dinkelsbühl und fand ihn immer faszinierend.“ Als er dann – mittlerweile in Schwäbisch Hall lebend – mit Ende 50 in Ruhestand ging, wollte er das auch machen.

Erhardt las sich im Internet und in Büchern über die Tradition ein und startete 2004 mit den Nachtwanderungen. „Das hat sehr gut eingeschlagen“, resümiert er. Noch heute ist er in seiner Tätigkeit stark gefragt und geleitet auf Anfragen Gruppen aus Betrieben oder von Hochzeiten etwa 90 Minuten durch die Salzsiederstadt. „Die Führung ist eine Mischung aus Gesang, Humor und Informationen“, berichtet der 72-Jährige. Wenn es nicht lustig zugehe, dann gehe keiner mehr mit, erzählt er.

Alexander Liedtke