Die Zukunft der Ausbildung

Optisches Messgerät: An Maschinen wie dieser werden Azubis in Lernfabriken auf den Beruf vorbereitet. Foto: Landratsamt Schwäbisch Hall

Industrie 4.0 ist das Synonym für einen tiefgreifenden Wandel. Das Internet ermöglicht es, Unternehmensstandorte weltweit zu verknüpfen und Maschinen miteinander kommunizieren zu lassen. Auf diese Entwicklung reagieren die beruflichen Schulen in der Region Heilbronn-Franken mit hochmodernen Lernfabriken.

Die Digitalisierung der industriellen Produktion und ihre vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten bieten den Unternehmen vollkommen neue Chancen. Um diese ergreifen zu können, bedarf es jedoch qualifizierter Fachkräfte. Dies vor Augen fördert das Landeswirtschaftsministerium fast zwei Dutzend „Lernfabriken 4.0“ an beruflichen Schulen. Wichtige Inhalte: Automatisierung, Steuerung, Programmierung. Es geht darum, Wertschöpfungsnetzwerke und Produktionsverläufe vom Auftragseingang bis zum Versand zu simulieren. Zum Einsatz kommen Grundlagenlabore und verkettete Anlagensysteme.

Vergleichsweise weit gekommen auf dem Weg zur Ausbildung der Zukunft ist bereits der Landkreis Schwäbisch Hall. Die vier beruflichen Schulen in Crailsheim und Schwäbisch Hall sowie eine Reihe von Unternehmen haben sich zum „Steinbeis Transferzentrum Lernfabrik 4.0“ zusammengeschlossen: ein Projekt, das das Wirtschaftsministerium des Landes im vergangenen Jahr als Preisträger des Wettbewerbs „100 Orte für Industrie 4.0 in Baden-Württemberg“ ausgezeichnet hat. Das Konzept ruht auf drei Säulen: Bei der Education-Fab können die Berufsschulen die Lernfabrik in ihren Lehrplan integrieren und selbst nutzen. Die Competence-Fab wendet sich an Firmen in der Region, die ihre Mitarbeiter fortbilden wollen. Und bei der Demo-Fab wird sie für Vorführungen genutzt. Eine Sprecherin des Landratsamts Schwäbisch Hall betont, dass die Lernfabrik in Zusammenarbeit mit überwiegend lokalen Firmen individuell aufgebaut worden ist. Die Kosten beziffert sie auf rund zwei Millionen Euro. 1,5 Millionen Euro übernimmt der Landkreis, 500 000 Euro das Land.

Der Main-Tauber-Kreis richtet an den Gewerblichen Schulen in Bad Mergentheim, Tauberbischofsheim und Wertheim Lernfabriken ein. „An den drei Standorten sind im Sinne einer Produktionskette einzelne Verfahrensschritte abzuwickeln“, erklärt ein Sprecher des Landratsamtes. Vorgesehen sei, die Daten in einer Cloud zu speichern, die von der Cisco Academy der Gewerblichen Schule Bad Mergentheim betreut wird. Über Schnittstellen werden Industriekaufleute anderer Schulen an das Anlagen- und Maschinensystem angebunden.

Ähnlich wie in anderen Kreisen profitieren sehr viele Fachrichtungen von der Lernfabrik: Metallberufe, Elektroniker, Fachinformatiker, Meisterschüler, Kaufleute. Der Pressesprecher weist darauf hin, dass die regionale Wirtschaft eingebunden wurde und diese Fördergeld zur Verfügung gestellt hat. Die Kosten beziffert er auf 900 000 Euro. Das Land steuert 300 000 Euro bei, die Unternehmen geben 88 000 Euro, der Landkreis 512 000 Euro.

Zwei Schulstandorte verknüpft der Landkreis Heilbronn mit seiner Lernfabrik: Die Gewerbliche Christian-Schmidt-Schule in Neckarsulm und die Kaufmännische Andreas-Schneider-Schule in Heilbronn. „Wir wollen den Berufsschülern praxisnah zeigen, wie die Produktion vom Auftrag bis zur Fertigung in der digitalen Welt funktioniert“, sagt Gerhard Dankel, Leiter des Schul- und Kulturamts des Landkreises. Die Schulen setzten auf eine enge Zusammenarbeit der Wirtschaft. Dankel geht aktuell davon aus, dass die Lernfabrik spätestens im vierten Quartal dieses Jahres starten kann. Kosten: rund 1,2 Millionen Euro. 300 000 Euro schießt das Land zu.

Im Herbst will der Stadtkreis Heilbronn seine Lernfabrik in Betrieb nehmen. Das verkettete Maschinensystem ist bestellt. Die Wilhelm-Maybach-­Schule und die Gustav-von-Schmoller-Schule planen, den digitalen Produktionsprozess am Beispiel eines kleinen Maybachs nachzuvollziehen. „Durch die Verbindung von kaufmännischen und gewerblichen Inhalten und die durchgängige IT-Struktur partizipieren fast alle Bildungsgänge von der Lernfabrik und von den Laboren“, erklärt eine Sprecherin der Stadt. Die Lernfabrik helfe, den Dialog zwischen Unternehmen und Schule zu intensivieren. Handwerksbetriebe, kleine sowie mittelständische Unternehmen bekämen die Möglichkeit, Geschäftsprozesse weiterzuentwickeln. Den Eigenanteil der Stadt beziffert die Sprecherin auf 450 000 Euro. Das Land stellt 300 000 Euro zur Verfügung, von regionalen Unternehmen kommen 70 000 Euro in Form von Geld- und Sachspenden.

Der Hohenlohekreis stattet die Gewerblichen Schulen in Künzelsau und Öhringen mit jeweils einer Lernfabrik aus. Aktuell läuft die Ausschreibung. „Durch die enge Kooperation mit dem Digital Hub von HFcon haben die Lernfabriken des Hohenlohekreises ein Alleinstellungsmerkmal“, erläutert ein Sprecher des Landkreises. Die HFcon werde unter anderem verschiedene Anwendungsbeispiele ausarbeiten und bei Planung sowie Organisation unterstützen. Der direkte Austausch mit der regionalen Wirtschaft werde mit den Lernfabriken weiter vertieft. Niederschlag findet dies zum Beispiel in einem Lernfabrik-Beirat. An Ausgaben seien maximal 800 000 Euro eingeplant. Die Landesförderung beträgt rund 345 000 Euro, die Innovationsregion steuere 75 000 Euro bei. Diese Investitionen sollen eine zukunftsfähige Ausbildung ermöglichen.

Reto Bosch