Ein Glücksfall für die Stadt

In ihrem Stadtladen bietet Birgit Erzigkeit ihren Kunden viele Lebensmittel für den täglichen Gebrauch wie Nudeln und Eier. Foto: Alexander Liedtke

Seit 2012 betreibt Birgit Erzigkeit ihren kleinen Laden in der Ortsmitte von Külsheim. Für die Külsheimer und für sie ist das ein Segen. Erzigkeit konnte so die Arbeitslosigkeit nach Schließung des Schleckermarkts an gleicher Stelle abwenden. Und die Bürger haben wieder einen Einzelhändler in Fußnähe.

Es war 2011, als sich die Berichte über die finanziellen Schwierigkeiten der Drogeriekette Schlecker häuften. Im darauffolgenden Jahr platzte dann die Bombe. Im Januar 2012 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Betroffen waren rund 5.400 Märkte und etwa 25.000 Mitarbeiter. Im Februar folgte auf den Knall der Schock: Der Insolvenzverwalter kündigte die Schließung einer Vielzahl der Filialen an. Davon betroffen war auch der Markt in Külsheim und dessen Leiterin Birgit Erzigkeit.

Mit nachdenklicher Miene resümiert die heute 59-Jährige: „Keiner hätte vermutet, dass ein so großes Unternehmen so schnell untergeht.“ Denn schnell ging es auch in der Külsheimer Filiale. Die Betroffene erzählt: „Zuerst hatten wir noch gedacht, wir hätten Glück gehabt.“ Aber dann erhielten die Mitarbeiter einen Brief, in dem es hieß, sie sollen sich beim Arbeitsamt melden. „Dann kam es Knall auf Fall“, berichtet die langjährige Marktleiterin. Ende März wurde in einem Fax vom Unternehmen verkündet, dass das Geschäft in ein paar Tagen schließe. Gefasst, aber mit einem nach wie vor fassungslosen Ton in der Stimme erzählt Erzigkeit weiter: „Wir sperrten zu und das war es dann. Der Laden wurde nicht mal ausgeräumt.“

18 Jahre lang war die blonde Frau Marktleiterin in der Schleckerfiliale gewesen. Plötzlich stand sie mit leeren Händen da: arbeitslos und über 50 Jahre alt. „Ich wusste sofort, dass es schwierig sein würde, etwas zu finden“, erklärt sie. Doch so schnell wie Erzigkeit vor dem Aus stand, war sie sprichwörtlich auch wieder im Geschäft. In der Innenstadt von Külsheim gab es nach der Schlecker-Schließung keinen Laden mehr, der Lebensmittel verkaufte. Daraufhin sprachen viele Leute die ehemalige Filialchefin auf der Straße an, ob sie sich nicht vorstellen könne, einen Lebensmittelladen zu eröffnen. Gesagt, getan. Mit Unterstützung des Bürgermeisters und der Arbeitsagentur eröffnete Erzigkeit an gleicher Stelle im Dezember 2012 ihr eigenes Geschäft – den Stadtladen Külsheim.

Schwieriger Beginn

Seitdem betreibt die Inhaberin ihren Laden quasi im Alleingang, lediglich drei Mitarbeiter helfen stundenweise aus. Die Kunden erhalten hier alles für den täglichen Gebrauch: Speisen, Getränke, aber auch Tabakwaren sowie Zeitschriften. Die Artikel sind genau auf ihre Kundschaft angepasst. Doch dieser Prozess hat seine Zeit gedauert. Zu Beginn hatte die neuerdings Selbstständige das Schlecker-Sortiment übernommen. „Der Schuss ging nach hinten los. Das wollten die Leute nicht“, räumt Erzigkeit rückblickend ein. Der Anfang sei allgemein schwierig gewesen, sogar Gedanken ans Aufgeben kamen bei der Walldürnerin auf. Mit der Anpassung des Sortiments auf den Kundenbedarf kam jedoch auch der Erfolg.

„Der Bedarf für solch einen Laden ist auf jeden Fall da“, fasst die Unternehmerin zusammen. Zu ihrer Kundschaft zählen Schüler, Eltern und ältere Menschen, die nur zu Fuß zum Einkaufen gehen können. Gegenüber dem Stadtladen befindet sich zudem eine Anlage für betreutes Wohnen. „Die Leute sind dankbar, wenn sie hier ihre Lebensmittel kaufen und dazu noch ein kleines Schwätzchen halten können“, meint die Besitzerin. Solch eine gute Seele soll dem Ort erhalten bleiben. Im März dieses Jahres wird Erzigkeit allerdings 60 – in drei Jahren könnte sie in den Ruhestand. Das kommt für die engagierte Frau, der man den Spaß an ihrer Arbeit bei ihrem Auftreten und der Gestaltung ihres Ladens deutlich anmerkt, aber nicht infrage: „Wenn ich noch kann, dann mache ich weiter.“

Alexander Liedtke

Chronolgie der Schlecker-Pleite
• Juni 2011: Lars Schlecker, Sohn des Schlecker-Gründers Anton Schlecker, kündigt Filialschließungen an.
• Ende 2011: Berichte über finanzielle Schwierigkeiten bei der Drogeriekette häufen sich.
• Januar 2012: Schlecker vermeldet, sich über ein Insolvenzverfahren sanieren zu wollen und meldet dann offiziell Insolvenz an.
• Februar 2012: Der Insolvenzverwalter spricht von großflächigen Schließungen und Entlassungen.
• März 2012: Die zu schließenden Märkte werden per Fax informiert. Das Amtsgericht Ulm eröffnet im gleichen Monat das Insolvenzverfahren.
• Juni 2012: Die Schlecker-Gläubiger beschließen das Aus des Unternehmens.
• Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Verfahren gegen den Gründer wegen Verdachts auf Insolvenzverschleppung ein.
• April 2016: Eine erneute Anklage wegen vorsätzlichen Bankrotts folgt. Gerichtet ist sie an die gesamte Schlecker-Familie.
• November 2017: Anton Schlecker und seine Kinder werden zu Haftstrafen verurteilt.