Eine Stadt für alle Bürger

Irina Richter zeigt auf ein Schild im Heilbronner Rathaus. Die Informationen können auch Blinde lesen. Foto: Lydia-Kathrin Hilpert

Heilbronn bietet eine gute Ausgangsbasis, was Barrierefreiheit angeht, findet Irina Richter. Sie ist seit Anfang 2016 die neue Inklusionsbeauftragte der Käthchenstadt. Dennoch gibt es noch eine Menge zu tun – und das packt Richter nun an.

Man kann Inklusion nicht abgrenzen. Wir dürfen niemanden hinten anstellen“, sagt Irina Richter mit Nachdruck. Dass sie dies aus voller Überzeugung tut und nicht etwa, weil es ihr Amt mit sich bringt, merkt man binnen weniger Augenblicke. Irina Richter brennt förmlich für das Thema. Wie passend, dass sie ebendiese Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht hat. Die 37-Jährige ist seit Februar 2016 Inklusionsbeauftragte der Stadt Heilbronn.

„Ich sehe mich als Bindeglied und Schnittstelle zwischen der Stadtverwaltung und Menschen mit Beeinträchtigung“, erklärt sie und ergänzt: „Jeder Mensch hat das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft, unabhängig davon, ob eine Behinderung vorliegt oder nicht.“

In Baden-Württemberg ist als bisher erstes Bundesland seit Januar 2015 ein Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in Kraft getreten, das die Stadt- und Landkreise verpflichtet, Behindertenbeauftragte zu bestellen. „Heilbronn hat die Stelle mit dem Wort Inklusion überschrieben und die Sache von vornherein sehr ernst genommen“, lobt Richter. Kommunen können die Stelle im Haupt- und Ehrenamt sowie in Voll- und Teilzeit schaffen – diese Entscheidung obliegt der Verwaltung. In der Käthchenstadt hat man sich konsequent für eine Vollzeitstelle im Hauptamt entschieden. „Und das ist auch gut so“, findet die Neuheilbronnerin.

Die Stadt am Neckar biete bereits eine gute Ausgangsbasis, vieles sei in der Vergangenheit schon gemacht worden. „Ich war überrascht, wie aufgeschlossen die Kollegen bereits zu dem Thema stehen. Auch darüber, wie beispielsweise Begrifflichkeiten differenziert werden. Das ist nicht überall so.“ Dennoch gibt es auch in Heilbronn noch eine ganze Menge in Sachen Barrierefreiheit zu tun. Das bemerkt Richter regelmäßig bei einem Gang durch die Stadt. „Bei der Infrastruktur etwa ist ein guter Anfang gemacht.“ Es gebe bereits Blindenleitsysteme und Bushaltestellen mit angehobenem Bordstein, trotzdem sei der Weg vor uns lang, bis der Ausbau flächendeckend abgeschlossen ist. Das werde auch sicher noch eine Weile dauern. „Überall dort, wo gebaut oder umgebaut wird, wird aber inklusiv gedacht“, stellt sie zufrieden fest.

Doch Richter ist auch Realistin. Ihr ist klar, dass Heilbronn nie zu 100 Prozent barrierefrei sein kann, dafür ist der Bedarf der einzelnen Betroffenen einfach zu unterschiedlich. „Ein sehbehinderter Mensch etwa braucht Ecken und Kanten sowie Erhöhungen, um sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. Für einen Gehbehinderten ist das eher eine zusätzliche Belastung“, erklärt die Inklusionsbeauftragte. „Also braucht es beides.“

Stolz ist Richter auf die sogenannte Toilette für alle – ein Wickeltisch für Erwachsene, der in der Volkshochschule untergebracht ist. „An Wickelmöglichkeiten für Kinder denkt jeder, aber nicht an eine für Erwachsene.“ Heilbronn ist die achte Stadt in Baden-Württemberg, die diese sanitäre Einrichtung anbietet. „Menschen, die auf Windeln angewiesen sind, schrecken oft davor zurück, überhaupt in die Stadt zu kommen, weil sie ahnen, dass es kein entsprechendes Angebot diesbezüglich für sie gibt.“ Das darf nicht akzeptiert werden. „Wir leben in einer gleichberechtigten Stadt. Deshalb muss Inklusion selbstverständlich sein.“

Seit diesem Jahr gibt es in Heilbronn außerdem einen Inklusionsbeirat, der in allen Fragen zum Thema beratend tätig ist und sich aus insgesamt 20 Mitgliedern zusammensetzt: sieben Gemeinderatsmitgliedern, einem Elternteil eines behinderten Kindes, elf Menschen mit unterschiedlicher Behinderungsart sowie aus Irina Richter selbst. „Wir schaffen dadurch Öffentlichkeit und Berührungsflächen“, ist Richter überzeugt. Beides brauche es, um der Inklusion in den Köpfen der Menschen mehr Raum zu geben. „Inklusion muss immer wieder Thema sein“, findet sie.

Ein Projekt, das sich die studierte Kunsthistorikerin für die kommenden Monate auf die Fahnen geschrieben hat, ist die Übersetzung der Stadt-Website in Gebärdensprache. Damit möchte sie ihrem Ziel, eine Stadt für alle Bürger zu schaffen, noch ein Stückchen näher kommen. Das wird sie ganz bestimmt, denn Sprache ist ja bekanntlich der Schlüssel zu mehr Miteinander.

Lydia-Kathrin Hilpert