Gegen den Strom schwimmen

Unternehmen wie Apple entstanden aus Garagen heraus. Das passiert auch heute noch – nur mit besseren Voraussetzungen. Foto: Shutterstock/SmokyRoses

In den USA sprießen Start-up-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Deutschland hinkt da deutlich hinterher und das, obwohl starke Firmen hierzulande ihren Ursprung haben. Doch heute sind die Bedingungen anders, das liegt auch an der Politik.

Die Namen Carl und Bertha Benz, Steve Jobs und Mark Zuckerberg stehen für Pioniere, die mit Enthusiasmus ihre Ideen in Garagen, Werkstätten und WG-Zimmern entwickelten und zu Welterfolgen führten. Auch heute entstehen auf diese Weise tausende Unternehmen. Doch die Gründer finden eine vielfältigere Unterstützungslandschaft vor als die damaligen Pioniere. Allein in meiner Heimatstadt Berlin gibt es 100 Coworking Spaces, in denen Start-ups Seite an Seite arbeiten. In Deutschland gibt es mittlerweile über 100 Gründungslehrstühle, mehr als 200 Förderprogramme für Gründer und hunderte von Anlaufstellen in den Regionen. Allein die Industrie- und Handelskammern informieren und beraten jährlich rund 160.000 Gründer.

Diese Vielfalt ist über Jahrzehnte gewachsen. Nach dem Krieg entstanden Industriebetriebe oder mussten wieder aufgebaut werden. Wachsender Wohlstand beförderte den Bedarf nach Handelsgeschäften oder Dienstleistungen. Die Internationalisierung und der technische Fortschritt schufen Chancen für Dienstleistungen im Business-to-Business-Bereich. Seit den 60er-Jahren beleben Gründungen auch von Migranten die Wirtschaft.

Die Wendejahre bescherten den neuen Bundesländern zunächst einen Gründungsboom, der mit dem Wegbrechen ehemaliger Märkte im Osten schnell abebbte. Ähnlich erging es vielen Start-ups der Dotcom-Blase (eine Spekulationsblase von Unternehmen, die nicht Waren, sondern Dienstleistungen anboten) zur Jahrtausendwende. Die anfänglich hohen Erwartungen wurden nicht mit der nötigen unternehmerischen Substanz und mit Marktchancen unterlegt. Das versetzte dem Markt für privates Beteiligungskapital hierzulande einen herben Schlag. Auch als Antwort darauf setzte die Politik mit Programmen für innovative Start-ups neue Akzente.

Mit steigender Arbeitslosigkeit interpretierten die Volksvertreter die Gründungspolitik zunehmend auch als Sozialpolitik. Mitte der 80er Jahre entstand mit dem Überbrückungsgeld das erste bundesweite Förderprogramm speziell für arbeitslose Existenzgründer. Die Zahl der Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus stiegen an. Zunehmend wurde Gründungspolitik auch zu einem Instrument der Regionalpolitik. An vielen Orten entstanden Gewerbeparks und Gründerzentren. Die Gründungspolitik wurde auch zu einem Substitut für Reformen – ein Förderprogramm für Gründer ist schneller umgesetzt als Reformen am Arbeitsmarkt.

Mit dem spürbaren Rückgang der Arbeitslosigkeit und fortschreitender Digitalisierung änderte sich das Gründungsgeschehen deutlich. Im Jahr 2004, zu Hochzeiten der Ich-AG, war Arbeitslosigkeit das dominierende Gründungsmotiv. Heute ist es in erster Linie unternehmerische Berufung. Es gibt zudem mehr Start-ups, die nichts weniger wollen, als bestehende Geschäftsmodelle umzuwälzen und möglichst schnell zu wachsen.

Forderungen für eine starke Gründungspolitik

Doch hierzulande ist das Gründungsinteresse noch immer so niedrig wie in kaum einem anderen Industrieland, trotz unserer hervorragenden Förderlandschaft. Warum ist das so? Sinkende Arbeitslosigkeit und die Demografie sind sicherlich wichtige Faktoren. Wer allerdings eine tragende Gründerwelle auslösen will, der sollte sich vergegenwärtigen, von welchem Geist frühere und heutige Start-up-Unternehmen beseelt waren und sind: Es ist der Drang nach dem Neuen, das Infragestellen des Bestehenden, Enthusiasmus und Zuversicht sowie die Fähigkeit, mit Weitsicht gegen den Strom zu schwimmen.

Diesen Geist sollte die Politik flankieren, mit einer Gründungspolitik, die in Start-ups in erster Linie Pioniere und Antreiber von Innovation, Wachstum und Beschäftigung sieht. Erstens: Wir brauchen eine Initialzündung für Bürokratieabbau. Überall im Lande sollten One-Stop-Shops eingerichtet werden, wo Start-ups alle Formalitäten aus einer Hand erledigen können. Zweitens: Digitalisierung. Mit schnellem Internet auch auf dem Lande könnten wir viele Start-up-Potenziale heben und die Attraktivität vieler Regionen dadurch steigern. Drittens: Bildung. Die spielerische Neugier unserer Kinder müssen wir viel stärker fördern. Unternehmertum und Wirtschaftswissen sollten in den Schulen eine viel größere Rolle spielen. Auch unser Mittelstand von morgen muss innovationsstark sein. Dazu haben wir die besten Voraussetzungen.

Eric Schweitzer

Zur Person
Seit März 2013 ist Dr. Eric Schweitzer Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Von 2004 bis März 2016 war er zudem Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Berlin. Zuvor war Schweitzer unter anderem Vorstandsvorsitzender des Recyclingunternehmens Alba sowie Mitglied des Präsidiums des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungswirtschaft. Der 52-Jährige stammt aus Ipoh in Malaysia.