Gespendete Freude

Ein starkes Team: Martin Schneider (Mitte) und ein Teil der Kolleginnen, die in der Stern-Boutique in Obersulm-Weiler tatkräftig an die Arbeit gehen. Foto: Lydia-Kathrin Hilpert

Wer Fan von Second-Hand-Shops ist, wird die Stern-Boutique in Obersulm-Weiler lieben. Hier gibt es nicht nur gute Qualität zum fairen Preis. Mit dem Einkauf unterstützen Kunden auch ein soziales Projekt. Denn hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung.

Die nehmen wir auch“, sagen Petra und Mara fast wie aus einem Mund. Die Frauen werfen einen prüfenden Blick in den blauen Sack mit den vielen Kleidern, bevor sie diesen aus dem Kofferraum der Frau heben, deren Auto gerade an der Ladefläche Halt gemacht hat. Mit vereinten Kräften tragen sie die Kleidung zu einem Waggon, der bereits mit anderen Utensilien – Brettspielen, Schuhen und einer Spieltafel – gefüllt ist. „Da sind gute Sachen dabei“, bestätigt Petra. Und sie weiß, wovon sie spricht. Schließlich macht sie diesen Job nicht zum ersten Mal an diesem Tag.

Mara und Petra arbeiten in der Stern-Boutique in Weiler nahe Obersulm. Auf den ersten Blick ist an dem Second-Hand-Shop nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Kleider hängen, der Art, Größe und Farbe nach sortiert, an langen Kleiderstangen. Bücher sind akkurat in einem Regal angeordnet. Schuhe stehen an dem dafür vorgesehenen Platz. Zwischen all den gebrauchten Gegenständen wimmeln an jenem Sommertag Kunden durch den Laden – auf der Suche nach Schnäppchen. Christa Schartel grüßt freundlich von der Kasse. Michael verabschiedet winkend die Kunden.

Hand in Hand

Doch die Stern-Boutique ist alles andere als gewöhnlich. Das Geschäft, das seit 2002 gebrauchte Kleidung und Haushaltsgegenstände verkauft, gehört zur Evangelischen Stiftung Lichtenstern – eine Einrichtung, die sich der Fürsorge und Förderung von Menschen mit Behinderung verschrieben hat. Und genau hier kommen wir zur Besonderheit des Ladens: In der Stern-Boutique arbeiten Menschen mit und ohne Handicap – Hand in Hand. Martina Schneider, die seit vielen Jahren als eine von vier Betreuerinnen tätig ist, erklärt den Arbeitsalltag.„Die Spenden werden bei der Warenannahme angenommen und von unseren Mitarbeitern geprüft. Dabei achten die Kollegen auf die Qualität“, betont die 56-Jährige und ergänzt: „Das ist uns wichtig.“

An diesem Vormittag machen das Petra und Mara – in Eigenregie. Nur bei einem Paar Crocs sind sich die beiden unsicher, ob diese noch verkauft werden können. In solchen Fällen eilen Schneider und ihre Kollegen zur Hilfe. „Die müssen wir leider aussortieren“, bedauert Schneider gegenüber der Spenderin, die freundlich erwidert: „Hab‘ ich mir schon gedacht. Das waren die Lieblingsschuhe meiner Tochter. Entsprechend oft sind sie getragen.“

Im nächsten Schritt werden die Spenden sortiert: Es wird nach Haushaltsware, Schuhen und Kleidung unterschieden. „Wir kriegen hier wirklich alles“, sagt Schneider und lässt den Blick durch das randvolle Lager schweifen. Daria und Doris, die neben ihr stehen, tun es ihr gleich, machen sich dann aber wieder an die Arbeit. Daria ist an jenem Tag fürs Aussortieren zuständig. Alles, was in der Stern-Boutique keine Verwendung findet, landet in Säcken und wird an eine andere soziale Einrichtung der Region gespendet. Doris hingegen ist fürs Aufbügeln der Kleidung verantwortlich. Vorsichtig zieht sie ein buntes Kleid aus dem großen Haufen, der vor ihr liegt, hervor, wählt einen passenden Bügel, schüttelt das Kleidungsstück noch einmal aus und schwupps, findet das Sommerkleid seinen Platz auf dem Bügel und schließlich auf der Kleiderstange. So geht das wieder und wieder – mit Hosen, Blusen, Hemden, Jacken. In Windeseile ist so eine Kleiderstange voll.

Vorsichtig wirft Doris ein altes Bettlaken darüber. Die Kleidung soll ja nicht staubig werden. „Die Arbeit macht mir großen Spaß“, versichert Doris, – und das merkt man. „Es beflügelt viele Kollegen, hier so selbstständig tätig zu sein und Verantwortung übernehmen zu können“, erklärt Schneider und ergänzt: „Genau das wollen wir. Es ist uns wichtig, dass sie erkennen, wo Arbeit anfällt, und dass sie lernen, mitzudenken.“

Ein Gedanke, der offensichtlich Früchte trägt. Das lässt sich auch am Erfolg des Ladens messen. „Unser Geschäft läuft gut. So gut, dass wir in den letzten Jahren unseren Verkaufsraum vergrößern mussten – auf inzwischen rund 300 Quadratmeter.“

Lydia-Kathrin Hilpert