Gesundheitsschutz hat Vorrang

Stefan Brandl ist Vorsitzender der Geschäftsführung der EBM-Papst-Gruppe, Luft- und Antriebstechnik produziert. Hauptsitz ist Mulfingen. Foto: EBM-Papst

Wie er die wirtschaftliche Lage einschätzt und warum der Schutz der Gesundheit seiner Mitarbeiter eng mit den Unternehmenszielen verknüpft ist, erläutert Stefan Brandl, Vorsitzender der Geschäftsführung von EBM-Papst, im Interview.

Je länger der Ausnahmezustand dauert, desto gravierender werden die Auswirkungen auf die Wirtschaft sein. Wie beurteilen Sie die Lage für Heilbronn-Franken?

Stefan Brandl: In der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken sind viele starke Unternehmen beheimatet. Neben der Lebensmittelindustrie in Heilbronn sind auch viele Weltmarktführer aus dem Bereich Maschinenbau und Handel hier ansässig, zu denen wir als ebm-papst gehören. Die Lebensmittelbranche und die IT-Industrie könnten zu den wenigen Gewinnern dieser Krise gehören. Davon wird auch die Region profitieren. Ich denke, wir sind alle froh, dass die Versorgung in diesen Bereichen momentan so gut funktioniert.

Für produzierende Hightech-Unternehmen wie unseres, mit globalen Lieferketten, ist die Lage im Moment sehr angespannt. Länder schließen ihre Grenzen und internationale Kunden haben die Produktion stillgelegt.

Neben der Sicherstellung der finanziellen Basis des Unternehmens und der Bedienung unserer Kunden hat die Gesundheit unserer Mitarbeiter und deren Familien höchste Priorität. Eine Folge davon ist, dass, genau wie bei vielen anderen Unternehmen in der Region, ein Teil unserer Mitarbeiter kurzarbeitet. Für Heilbronn-Franken hoffe ich, dass die Region am Ende glimpflich durch diese Krise kommt. Und dass wir uns hier alle zukunftsorientiert weiterentwickeln: Unternehmen, Organisationen, Schulen.

Ein Rettungsschirm mit Soforthilfen und Krediten soll die Wirtschaft stützen. Sogar staatliche Beteiligungen an Unternehmen sind im Gespräch. Was halten Sie von solchen Plänen?

Brandl: Generell denke ich, dass hier ein Gleichgewicht herrschen sollte. Dass der Staat bei akuten Notlagen einspringt und durch Maßnahmen wie beispielsweise Kurzarbeitsgeld ermöglicht, dass Arbeitsplätze und Unternehmen in einer solchen Krise gesichert werden, begrüße ich sehr. Dadurch bleiben alle an Bord und wir können nach der überwundenen Covid-19-Krise wieder durchstarten.

Auch die Unterstützung, die beispielsweise Selbstständige durch unbürokratische Sofortkredite erhalten, sehe ich als notwendig an. Für diese Personengruppe sind in fast alle Aufträge gleichzeitig weggebrochen.

Mit staatlichen Beteiligungen sollte man dagegen meiner Meinung nach sehr vorsichtig sein. Der Staat ist kein Unternehmer. Das ist auch gar nicht seine Aufgabe. Dafür haben wir ja die freie Marktwirtschaft.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Wirtschaft nach der Krise schnell wieder Fahrt aufnehmen kann?

Brandl: Ich bin Optimist und damit zuversichtlich. Diese Situation bringt eine traurige Gerechtigkeit mit sich: Alle sind gleichermaßen betroffen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Alle haben die gleichen Chancen, das Beste daraus zu machen. Es kommt jetzt darauf an, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen, den Mut haben, klar zu priorisieren und außerdem wendig und auch zu einem gewissen Grad resilient sind. Wichtig ist, dass die Kontaktbeschränkungen und Grenzschließungen nur so lange gelten, wie es aus gesundheitlicher Sicht absolut notwendig ist, um die wirtschaftlichen Schäden so gering wie möglich zu halten.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen der Corona-Krise auf die internationalen Handelsbeziehungen von EBM-Papst ein?

Brandl: Wir sind rund um den Globus sehr gut aufgestellt: Mit einem Produktions- und Vertriebsverbund, der es uns ermöglicht, dass die Märkte lokal betreut werden. Denn unsere Kollegen vor Ort wissen am besten, was die Kunden dort brauchen. Dieses Prinzip nennen wir bei ebm-papst „local for local“ und wir richten unser Unternehmen seit vielen Jahren strategisch danach aus. Mögliche Auswirkungen der Corona-Krise lassen sich aktuell äußerst schwer vorhersagen, aber auch wir werden das spüren.

Das Unternehmen hat frühzeitig Maßnahmen ergriffen, um die Gesundheit seiner Mitarbeiter zu schützen. Wie herausfordernd ist es, umfassenden Gesundheitsschutz und Unternehmensziele in Einklang zu bringen?

Brandl: Wir haben bereits in der Frühphase in China ganz genau verfolgt, was für Auswirkungen das Virus haben kann und welche Schutzmaßnahmen sinnvoll sind. Der Geschäftsführer unserer chinesischen Tochtergesellschaft hat mir regelmäßig Updates über die Situation im Land, über die Auswirkungen auf EBM-Papst China und über seine getroffenen Maßnahmen geschickt.

Bereits im Januar haben wir in internationale Krisenteams täglich die Lage analysiert, bewertet und Aufgaben beschlossen. Als es die ersten Fälle in Deutschland gab, wussten wir, dass wir ab jetzt sehr vorsichtig sein müssen und haben bereits zu einer Zeit Entscheidungen in puncto Gesundheitsschutz getroffen, als die meisten anderen Unternehmen das Thema noch nicht auf dem Radar hatten. Zum Glück haben wir bis heute nur eine Handvoll Infektionsfälle gehabt, die wir alle sofort isolieren konnten.

Was haben wir gemacht? Wir haben beispielsweise alle Mitarbeiter in der Produktion mit einem Mundschutz ausgestattet und durchgängig A und B Teams gebildet, die sich nie begegnen. Wir waren strenger als es die Empfehlungen der Gesundheitsämter verlangt haben und haben Familien beispielsweise stets als Einheit bewertet. Das bedeutet konkret: Gab es in der Familie eines Mitarbeiters einen Kontaktfall mit einem Infizierten, haben wir auch unserem Mitarbeiter die Quarantäne ermöglicht. Bereits Ende Februar haben wir außerdem kostenlose Tests auf unserem Werksgelände organisiert. Ich bin der festen Überzeugungen, dass es auch diese Maßnahmen waren, die dazu beigetragen haben, dass es bislang kaum Covid-19-Fälle in der Belegschaft gibt.

Der Gesundheitsschutz unserer Mitarbeiter steht über den Unternehmenszielen. Ganz klar: Ohne ein gesundes Team sind Unternehmensziele nicht realisierbar.

Umgekehrt habe ich am Beispiel unserer chinesischen Tochtergesellschaft gesehen, wie schnell man sich wieder auf die Unternehmensziele fokussieren kann, wenn man den Gesundheitsschutz ernst nimmt. Unsere Werke dort laufen schon jetzt wieder mit voller Auslastung.

Welche weiteren Maßnahmen halten Sie für erforderlich, um sich für künftige Krisensituationen zu wappnen? Müssen wir die Art, wie wir arbeiten, dauerhaft verändern?

Brandl: Wer hätte vor Corona schon mit so einer Art von Krise gerechnet? Wir alle sind doch eher davon ausgegangen, dass disruptive Technologien Wirtschaftszweige, die nicht schnell genug auf die Veränderungen reagieren, in eine Krise stürzen können. Das Virus zeigt uns, wie vielfältig Krisen sein können und dass man einfach nicht auf alles vorbereitet sein kann.Trotzdem denke ich, dass es gewisse Vorsorgemaßnahmen gibt, die in jeder Krise nützlich sind. Dazu gehören ein klar definiertes Krisenmanagement und eine offene, aktive Kommunikation. Außerdem natürlich eine solide finanzielle Basis.

Ich weiß nicht, ob wir die Art, wie wir arbeiten ganz grundsätzlich verändern müssen. Aber wir müssen flexibler werden, uns schneller auf neue Situationen einstellen. Ich sage meinen Mitarbeitern immer, dass wir uns von einem eher schwerfälligen Tanker in einen Verbund von wendigen Schnellbooten verwandeln müssen. Dann können wir auch gut durch schwierigere Zeiten navigieren. Unser grundsätzliches Thema, sowohl im Unternehmen, als auch gesellschaftlich, heißt Digitalisierung. Wir haben im Unternehmen neue, mobile Formen der Zusammenarbeit entwickelt. Ähnliches ist bei der Unterrichtsgestaltung in den Schulen zu sehen. Diese neuen Strukturen sollten wir nach der Krise integrieren.

Die Corona-Krise drängt viele andere Themen wie Klimaschutz von der Agenda. Glauben Sie, dass sich die Prioritäten in unserer Gesellschaft auf längere Sicht verschieben?

Brandl: Ich glaube schon, dass diese Krise Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen wird. Danach wird nicht einfach alles wieder so sein, wie davor. Aktuell sind wir eine Gesellschaft im Krisenmodus. Es ist gesamtgesellschaftlich das Gleiche wie auf Unternehmensebene bei ebm-papst. Krisenmodus bedeutet: Wir haben alles, was nicht essentiell für die Bewältigung der Krise ist, gestoppt. Aber es gibt auch eine Zeit nach der Krise. Dann wollen wir die Projekte wieder aufnehmen, die wichtig für die zukünftige Ausrichtung unseres Unternehmens sind. Diese anderen Themen sind nur pausiert, nicht vergessen. Ich denke, auf gesellschaftlicher Ebene ist es ähnlich.

Interview: Dirk Täuber