„Ich bin das beste Beispiel für gelungene Integration“

Seit 1. Mai 2014 ist Harry Mergel (SPD) Oberbürgermeister der Stadt Heilbronn. Foto: Andreas Veigel

Heilbronn steht für Vielfalt und ein Miteinander der Kulturen. Dass es nicht immer einfach ist, alle Mentalitäten in einer Stadt zu integrieren, scheint auf der Hand zu liegen. Oberbürgermeister Harry Mergel hat im Interview geschildert, wie es gelingen kann.

Herr Mergel, in Heilbronn leben rund 125.000 Menschen aus über 140 Ländern dieser Welt. Inwiefern ist das eine Besonderheit?

Mergel: Heilbronn ist eine Stadt in Deutschland mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Dass Menschen aus anderen Ländern in Heilbronn Zuflucht suchen, hat schon nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Viele Flüchtlinge sind hier angekommen. Gemeinsam haben die Menschen – Heilbronner und Geflüchtete – die Stadt wieder aufgebaut und in die Zukunft geführt. In den 60er Jahren kamen Gastarbeiter, in den 70ern Spätaussiedler. Die Stadt und ihre Bewohner haben schon immer den Willen demonstriert, Menschen aus anderen Ländern zu integrieren. Man ist hier vermeintlich Fremden offen gegenüber und gewährt ihnen einen Vertrauensvorschuss. Viele Menschen mit Zuwanderungshintergrund haben Heilbronn als ihre zweite, neue Heimat kennen- und schätzen gelernt. Und ich bin der Meinung, es ist uns – damals wie heute – hervorragend gelungen, sie zu integrieren. Alle Nationalitäten leben friedlich zusammen. Darauf bin ich sehr stolz.

Würden Sie sagen, das zeichnet Heilbronn aus? Oder ist das eher eine Randerscheinung, die sich kaum anzusprechen lohnt?

Mergel: Vielfalt ist unsere Stärke. Sie macht uns aus und besonders. Das tragen wir auch nach außen. Den öffentlichen und privaten Wohlstand in Heilbronn haben alle gemeinsam geschaffen. Entsprechend können alle gleichermaßen stolz darauf sein. Bei uns soll keiner seine Traditionen ablegen müssen, sondern vielmehr einbringen. Wir verstehen das als ein Bekenntnis zur Vielfalt. Diese gehört in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt. Vor allem in Zeiten, in denen Populisten eng und nationalistisch argumentieren.

Wo und inwiefern lässt sich die Vielfalt der Stadt erleben?

Mergel: Es gibt in Heilbronn kein Fest, bei dem man die Vielfalt der Stadt nicht spürt. Ganz besonders ist sie beim „Treffpunkt Europa“ ausgeprägt. Es ist ein Fest der Kulturen und des Miteinanders. Aktuell arbeiten wir an einem Konzept für ein internationales großes Fest – ein interkulturelles Stadtfest, das auch einmal als Nachfolgeformat für die Bundesgartenschau dienen kann. Bei der Buga soll es generell um das Miteinander gehen. Das zeigt sich an dem Interkulturellen Garten, ein Projekt, das bereits läuft. Der Garten wird gemeinsam von Menschen mit und ohne Zuwanderungshintergrund bearbeitet. Damit präsentieren wir auch nach außen, was das Ziel unserer Bundesgartenschau sein soll: Nämlich, nicht nur die klassischen Gartenschaubesucher anzusprechen, sondern auch Menschen mit Wurzeln in der Fremde, die einer solchen Veranstaltung sonst vielleicht fernblieben, weil sie glauben, es gehe ohnehin nur um Blumen und Pflanzen.

Über 140 Länder bedeuten auch über 140 Kulturen und Mentalitäten. Sicher keine einfach Aufgabe, die Bedürfnisse all jener Menschen unter einen Hut zu bekommen, oder?

Mergel: Es ist nicht einfach, aber wir arbeiten täglich daran, dass sich alle Bewohner hier wohlfühlen.

Von welcher Art von Bedürfnissen sprechen wir überhaupt?

Mergel: Ich glaube, es sind keine anderen Bedürfnisse als bei Menschen ohne Zuwanderungshintergrund: Sicherheit, einen gewissen Lebensstandard, Geborgenheit, das Wissen, dass man sich um seine Kinder keine Sorgen machen muss. Es geht darum, allen Menschen ein Stückweit Heimat zu bieten, die zumindest bei einem Teil der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte verloren gegangen ist. Und die kann jeder neue Mitbürger finden, der sich in seinem neuen Umfeld wohlfühlt.

Wie gelingt dies der Stadt Heilbronn?

Mergel: Schlüsselqualifikation für Integration ist das Beherrschen der deutschen Sprache. Wir müssen bei den Jüngsten ansetzen: bei den Kindern. Hier fängt alles an. Wir sind davon überzeugt, dass wenn Kinder gefördert werden, auch die Integration gelingt und sich letztlich die Menschen hier heimisch fühlen. Aus diesem Grund sind in Heilbronn nicht nur die Kindergärten kostenlos. Es gibt zudem in allen Kindergärten und Grundschulen Angebote zur Sprachförderung. Hinzu kommt, dass in Heilbronn viele Kinder Ganztagesschulen besuchen – über 50 Prozent. Zum Vergleich: Der baden-württembergische Durchschnitt liegt bei zwölf Prozent. Und wir haben das Glück, die AIM in Heilbronn zu haben. Die Einrichtung der Dieter-Schwarz-Stiftung bietet sehr viel Integrationshilfen – von der frühkindlichen Bildung bis hin zur Erwachsenenförderung.

Was machen Sie anders als andere Städte?

Mergel: Wir haben uns des Themas schon sehr früh angenommen. Im Jahr 2007 wurde wir die Stelle einer Integrationsbeauftragten geschaffen, später kam der Integrationsbeirat hinzu. Der Impuls dafür war, dass man festgestellt hat, dass Schüler mit Migrationshintergrund meist schlechter waren als Schüler ohne Zuwanderungsgeschichte. Da wollten wir ansetzen. Dafür haben wir kontinuierlich eine Willkommenskultur und -struktur geschaffen. Inzwischen haben wir den Begriff Integration überwunden. Wir sprechen heute von Integrationen und Partizipation. Partizipation ist für mich die Krönung der Integration. Wenn unsere Mitmenschen aus dem Ausland nicht nur akzeptiert werden, sondern wirklich Teil der Stadtgesellschaft sind – und sie auch selbst dieses Gefühl haben. Zuwanderer müssen in allen Bereichen des Lebens partizipieren können: kulturell, politisch, gesellschaftlich. Und hier gibt es auch in Heilbronn noch viel zu tun. Man denke an unseren Gemeinderat. Nur ein Mitglied stammt aus dem Ausland – aus der Schweiz! Hier herrscht Nachholungsbedarf. Eine Ausnahme stellt unser Jugendgemeinderat dar: 18 von 20 Mitglieder haben Zuwanderungshintergrund.

Wo gibt es Schwierigkeiten im Alltag?

Mergel: Religion könnte eigentlich ein solches Thema sein – sie ist es aber nicht. Die DITIB plant den Neubau ihrer Moschee in der Innenstadt. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass es hier zu politischen Diskussionen kommt, bin aber zuversichtlich, dass wir auch hierfür eine gute Lösung finden werden.

Was unternehmen Sie, um einer Gettobildung entgegenzuwirken?

Mergel: Wir setzen auf gemischte Wohngebiete – schon seit den 90ern. Und darauf, den geförderten Wohnbau nur dezentral auszurichten. Dadurch ist es schon in der Vergangenheit nicht zur Gettoisierung gekommen. Es gibt in Heilbronn kein Stadtviertel, das ich zum Leben nicht empfehlen kann.

Müssen Sie als Oberbürgermeister der Stadt Heilbronn durch die Vielfalt, die die Stadt mit sich bringt, besonders offen für andere Kulturen sein? Inwiefern?

Mergel: Das bin ich von Natur aus. Meine Eltern waren selbst Flüchtlinge, die nach dem Krieg 1948 nach Heilbronn gekommen sind. Meine Mutter stammt aus Ostpreußen, mein Vater war Donauschwabe. Sie hatten alles verloren und mussten sich hier ein neues Leben aufbauen. Von daher kann ich gut nachempfinden, wie es Menschen geht, die hierher kommen. Wenn man so will, bin ich selbst das beste Beispiel für gelungene Integration. Ich hatte in Heilbronn eine schöne Kindheit mit vielen Freunden, war früh im Sportverein und in der evangelischen Kirche aktiv und habe so meinen Platz gefunden.

Bunt, bunter, Heilbronn. Das ist …

Mergel: … eine Steigerung, die mir gefällt.

Interview: Lydia-Kathrin Hilpert