„In direktem Austausch mit der Wirtschaft“

Vor Waldenburg, dem „Balkon Hohenlohes“, erstreckt sich die landwirtschtschaftlich geprägte Ebene des Hohenlohekreises. Foto: Stadt Waldenburg

Gemessen an der Einwohnerzahl weist der Hohenlohekreis deutschlandweit die höchste Dichte an Weltmarkführern auf. Wir haben mit Landrat Matthias Neth über die Wirtschaft und Weiterentwicklung des Landkreises im Herzen von Heilbronn-Franken gesprochen.

Herr Neth, Was macht den Standort so attraktiv?

Matthias Neth: Wir befinden uns im Herzen der Region der Weltmarktführer. Was den Standort attraktiv macht, ist die gute Mischung. Hier gibt es ein Miteinander von sehr großen, weltweit agierenden Unternehmen und einem gesunden Mittelstand. Alle Unternehmen, die Kleinen und die Großen, finden im Hohenlohekreis das vor, was sie brauchen: eine funktionierende Infrastruktur, noch immer – trotz aller Probleme bei der Fachkräfteakquise – hochmotivierte, gute Mitarbeiter und einen Landkreis mit hoher Lebensqualität. Deshalb können sich die Unternehmen hier gut weiterentwickeln.

Wie unterstützen Sie ansässige Unternehmen?

Neth: Wir haben als Landkreis eine Wirtschaftsfördergesellschaft, die für die Unternehmen ein guter Ansprechpartner ist, gerade in den Bereichen Fachkräfteakquise oder Flächenmanagement. Das sind die klassischen Aufgaben der Wirtschaftsförderung. Eine ganz wesentliche Aufgabe besteht darin, ein wirtschaftsfreundliches Klima zu unterstützen. Alle Akteure wollen, dass sich die Wirtschaft hier gut entwickeln kann. Gerade in einem kleinen Landkreis, in dem man sich kennt, ist die große Chance, dass die kommunalen Entscheider, das Landratsamt und die 16 Städte und Gemeinden, in direktem Austausch mit der Wirtschaft stehen. Wir wollen für die Firmen ein verlässlicher Partner sein.

Pflegen Sie enge persönliche Kontakte in die Wirtschaft?

Neth: In einem kleinen Landkreis begegnet man sich immer wieder und hat die Gelegenheit zum persönlichen Austausch, sei es bei kulturellen Anlässen oder bei Besuchen in den Gemeinden und Unternehmen. Im Hohenlohekreis und in den 16 Städten und Gemeinden gelingt es, für Unternehmer greifbar und ansprechbar zu sein. Das ist zumindest der Anspruch, den wir haben.

Welche Wünsche werden seitens der Unternehmen an Sie herangetragen?

Neth: Es sind drei Themenblöcke, die oft an mich herangetragen werden. Das Thema eins sind die Fachkräfte, bei dem es vor allem darum geht, was der Landkreis und die Kommunen im Bereich Bildung und Ausbildung tun, um den Nachwuchs zu fördern. Wir sind in der beruflichen Bildung sehr aktiv mit unseren zwei Berufsschulzentren in Künzelsau und Öhringen.
Das zweite große Thema sind die Flächen. Es ist eine große Herausforderung, die Flächenkonflikte zu managen. Wir haben das gesellschaftliche Ziel des Flächensparens, wir haben eine schützenswerte Natur und Landschaft, aber wir haben auch die Interessen der Landwirtschaft sowie die Siedlungsinteressen für den Wohnbau und wollen auch der gewerblichen Entwicklung Chancen geben. Das sind Zielkonflikte, die uns jeden Tag beschäftigen. Es ist meine Überzeugung, dass es, in einem Landkreis des ländlichen Raums möglich sein muss, großflächig Areale zur Verfügung zu stellen. Ein tolles Beispiel ist der Gewerbepark Hohenlohe, der autobahnnah eine großflächige gewerbliche Ansiedlung möglich macht.
Der dritte Bereich, der an mich herangetragen wird, ist weniger ein Anspruch an die öffentliche Hand, sondern vielmehr die Frage, wie sich durch das Thema Digitalisierung die Arbeitswelt verändern wird. Natürlich geht es dabei auch um die Frage, wie Glasfaser in jedes Gewerbegebiet gelegt werden kann. Der neue Breitbandbeauftragte des Landkreises unterstützt die Städte, Gemeinden und auch Unternehmen auf ihren Wegen. Wir befinden uns aber auch im Austausch zu Fragen, wie Mitarbeiter für die Digitalisierung qualifiziert werden müssen und welchen Beitrag unsere beruflichen Schulen leisten können. Ich bin sehr froh, dass wir in Künzelsau und Öhringen die Lernfabriken 4.0 etablieren, mit denen wir die jungen Menschen an die Herausforderungen heranführen können, die später in den Unternehmen zu bewältigen sind. Diese Themen gehen wir im engen Austausch mit der Wirtschaft, insbesondere mit der Innovationsregion an. Wir haben bewusst einen Beirat für die Lernfabrik 4.0 gegründet, in dem die viele Unternehmen Mitglied sind, damit sie uns bei der Frage, welche Schwerpunkte die richtigen sind, beraten und unterstützen können. Das Miteinander funktioniert gut, auch deshalb, weil wir einen Schulterschluss mit unserer Hochschule in Künzelsau haben. Ich glaube, da sind wir in der Kleinheit viel wendiger und schneller, als es große Einheiten sein können.

Wie ist der Landkreis im Bereich Bildung aufgestellt?

Neth: Wir sind hervorragend aufgestellt. Natürlich sehen wir Veränderungen im Bereich der Demografie, natürlich sehen wir, dass wir das Angebot immer wieder anpassen müssen. Momentan investieren wir 30 Millionen Euro in Sanierung und Ausbau der Gewerblichen Schule in Öhringen. Wir haben aber auch unsere Schulen in Künzelsau auf Stand gebracht. Es gibt immer etwas zu tun, baulich steht noch einiges bevor. Wenn ich die Ausrichtung unserer Schulen, gerade vor dem Hintergrund der sich verändernden Arbeitswelt, und das Engagement mit Partnern in Richtung Hochschule betrachte, sind wir mustergültig aufgestellt.

Wie entwickeln sich die Schüler und Studentenzahlen?

Neth: Was die Studentenzahlen angeht, haben wir einen Hochschulstandort in Künzelsau, der uns wirklich sehr viel Freude macht. Die Inbetriebnahme eines neuen Gebäudes im September, das insbesondere durch das Engagement privater Unternehmen ermöglicht wurde, wird hier nochmal einen Schub geben. Wir sind als Landkreis zusammen mit der Stadt Künzelsau in der gemeinsamen Stiftung für die Hochschule engagiert – auch deshalb kann ich sagen, wir gestalten die Hochschullandschaft mit. Auch das Miteinander mit den anderen Hochschulstandorten außerhalb des Landkreises funktioniert sehr gut. Bei den Schülerzahlen spüren wir natürlich die demografischen Veränderungen. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Angebote in den beruflichen Schulen so am Markt etablieren, dass sie sowohl für die jungen Menschen als auch für die Firmen, die mit uns zusammenarbeiten wollen, attraktiv sind. Wir haben auch keine Doppelstrukturen, sondern klare Schwerpunkte, so z. B. die agrarwissenschaftlich ausgerichtete Richard-von-Weizsäcker-Schule in Öhringen und der pflegeausgerichteten Karoline-Breitinger-Schule in Künzelsau haben wir bewusst Angebote im Landkreis verteilt. Wir hatten zuletzt leichte Rückgänge, aber die Zahlen werden in den kommenden geburtenstarken Jahrgängen wieder anziehen und wir gehen davon aus, dass wir die Schülerzahlen und damit das Angebot stabil halten können.

Welchen Stellenwert hat die Landwirtschaft im Hohenlohekreis?

Neth: Die Landwirtschaft und der Weinbau sind für die Wirtschaftskraft des Landkreises ein wichtiger Faktor und nach wie vor landschaftsprägend. Je nachdem wie man rechnet, hängt noch heute jeder neunte Arbeitsplatz direkt oder indirekt an der Landwirtschaft. . Natürlich erleben die Betriebe einen Strukturwandel. Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe geht zurück und die Betriebe werden größer. Aber ich denke, der Schulterschluss zwischen dem Landkreis und den Bauern ist mehr denn je angezeigt, weil wir wissen, was wir an den Bauern haben. Betrachtet man die Erfolgsgeschichten der großen Weltmarktführer, dann waren das in der Vergangenheit auch immer Menschen, die aus der Landwirtschaft gekommen sind und mit guter, harter Arbeit die Firmen nach vorne gebracht haben.

Wie entwickelt sich der Tourismus?

Neth: Wir haben während und im Nachgang der Landesgartenschau in Öhringen ein deutliches Ansteigen der Übernachtungszahlen erlebt und haben auch jetzt weiterhin gute Übernachtungszahlen. Ich glaube, dass Tourismus eines der Felder ist, in dem wir als Hohenlohekreis noch massiv wachsen können. Wir haben vieles zu bieten, was in der Nachfrage gerade ansteigt. Wer naturnahen Tourismus sucht, kann zum Beispiel im Jagsttal und im Kochertal ganz tolle Urlaube verbringen oder bei den Hohenloher Perlen erlesenen Wein genießen. In Hohenlohe haben wir eine wunderbare Landschaft und Naturräume, die einzigartig sind. Rad- und Wandertourismus sind hier sehr beliebt. Gerade der naturnahe Familientourismus hat in dieser Landschaft hervorragende Entwicklungschancen. Wir haben auch herausragende Anziehungspunkte. Ich denke beispielsweise an das Carmen-Würth-Forum in Künzelsau, das überregional die Menschen nach Hohenlohe bringt, oder an den Hohenloher Kultursommer. Auch die Themen Genuss- und Weintourismus sind in Hohenlohe bestens verortet. Unsere Touristikgemeinschaft ist mit vielen Mitgliedern gut aufgestellt. Wir haben gute Wachstumschancen im Tourismus, aber sicher auch Herausforderungen in der Vermarktung, etwa über soziale Medien.

Hat die Bundesgartenschau auch Strahlkraft in den Hohenlohekreis?

Neth: Bei der Bundesgartenschau zeigen wir als Hohenlohekreis sehr bewusst Flagge. Zum einen sind wir beim Auftritt der Region Heilbronn-Franken dabei, zum anderen veranstalten wir als Hohenlohekreis auch verschiedene BUGA-Tage. Wir sind Teil der Region Heilbronn-Franken und freuen uns, dass die Region die Chance zur Präsentation auf der Bundesgartenschau hat. Wir werben dort vor allem auch touristisch. Wenn ich mit Gastronomen und Hoteliers spreche, die nahe am Heilbronner Raum sind, berichten sie, dass die Menschen, die zur BUGA kommen, auch gerne in Hohenlohe übernachten, genießen und wiederkommen wollen.

Welche Investitionen in die Infrastruktur sind geplant?

Neth: Der Ausbau der A6 ist ein Riesenthema für die gesamte Region. Wir wollen uns auch der Verbesserung der B19 annehmen, die die zweite verkehrliche Lebensader durch Hohenlohe ist. Wir streben den teilweise vierspurigen Ausbau an, den wir zusammen mit dem Land Baden-Württemberg für den Bund planen. Das ist ein ganz wichtiges Thema, weil wir gerade was die Verkehrs- und die Warenströme angeht, eine starke B19 brauchen.
Wir haben als öffentliche Großinvestition den Neubau des Krankenhauses in Öhringen vor uns, der zusammen mit der Hohenloher Krankenhaus gGmbH und unserem Partner, der BBT-Gruppe, eine Großbaumaßnahme ist. Ebenso wird perspektivisch auch das Thema Verwaltungsgebäude, sprich neues Landratsamt, anstehen. Weiterhin haben wir rund 30 Mio. Euro an die Gewerbliche Schule Öhringen investiert. Wir haben aber auch im Kleinen viel vor. Wir stellen uns dem Kreisstraßenausbauprogramm, um eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Kreisstraßen vorzuhalten. Wir erleben eine Hochinvestitionszeit. Das muss alles bewältigt werden, aber ich glaube, es ist die Aufgabe der öffentlichen Hand, für die Bevölkerung eine zukunftsfähige Daseinsvorsorge und eine Infrastruktur zu bieten, mit der man sich im Landkreis wohlfühlen kann. Das wird am deutlichsten an den Großbaumaßnahmen, aber auch die Städte und Gemeinden gehen zurzeit viele Maßnahmen an.

Wie beurteilen Sie die Entscheidung, das Krankenhaus in Künzelsau zu schließen?

Neth: Wir haben als Kreistag eine sehr klare Entscheidung getroffen, nämlich ein neues, größeres, leistungsstarkes Krankenhaus in Öhringen, also im Bevölkerungsschwerpunkt zu errichten, und in Künzelsau eine Struktur zu schaffen, die auf Zukunft und auf Dauer gerichtet die fachärztliche und medizinische Versorgung und Notfallversorgung vorhält. Das ist sicherlich eine große Aufgabe, weil wir natürlich auch sehen, dass sich in der Gesundheitslandschaft Verschiedenes verändert. Die Entscheidung, die der Kreistag getroffen hat, war eine mutige Entscheidung. Es war aber auch die einzig richtige und die einzig zukunftsfähige Entscheidung, weil wir es so schaffen, Krankenhausversorgung im Hohenlohekreis zu haben und auf der anderen Seite für die gesamte Fläche des Hohenlohekreises ein medizinisches Angebot vorhalten zu können. Das Thema Hohenloher Krankenhaus gGmbH wird uns noch sehr beschäftigen, wird auch sehr viel Geld kosten, es hat auch politisch viel Kraft gekostet. Wenn man es als Aufgabe eines Landkreises und einer Landkreisverwaltung sieht, Themen in die Zukunft zu führen, dann war es die einzig richtige Entscheidung. Ich freue mich über jeden Baustein, den wir, gerade auch in der Konzeptentwicklung in Künzelsau, voranbringen können.

Wie beurteilen Sie die Zukunftsfähigkeit und Innovationskraft des Landkreises?

Neth: Wir haben uns in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht, in einem sehr ausführlichen Prozess, den wir Zukunft Hohenlohekreis, kurz ZukunftHOK, genannt haben, zu überlegen, wohin wir den Landkreis entwickeln wollen. Am Anfang stand eine Analyse. Zunächst hatten wir sämtliches Datenmaterial über den Hohenlohekreis zusammengefasst. Dadurch konnten wir feststellen, dass uns von außen eine enorme Stärke attestiert wird. Es gibt aktuelle Untersuchungen und Studien, laut denen der Hohenlohekreis in den Themen Lebensqualität, Wirtschaftsstärke und Innovation ganz vorne mitspielt. Das ist für einen Landkreis im ländlichen Raum eine besondere Auszeichnung. Wir haben uns in diesem Prozess zur Zukunft des Hohenlohekreises auch intensiv mit der Bevölkerung ausgetauscht, in Regionalforen und anderen Formaten. Wir können im Ergebnis sagen, dass wir als Hohenlohekreis zukunftsfähig aufgestellt sind, aber dass wir in einzelnen Bereichen noch Herausforderungen haben. Dazu gehören die Bereiche Klimaschutz, .Daseinsvorsorge für eine älter werdende Bevölkerung und Mobilität. Wir wissen, wo wir noch etwas zu tun haben, wir sehen aber auch, dass wir uns als Landkreis in den letzten Jahren massiv nach vorne entwickelt haben.

Mit welchen konkreten Strategien wollen Sie den Landkreis weiterentwickeln?

Neth: Wir haben mit dem Konzept ZukunftHOK nicht nur eine Analyse gemacht, sondern auch klare Handlungsfelder identifiziert, die wir als Landkreis angehen wollen. Wir haben uns beschäftigt mit Fragen der Bildung, Wirtschaftsentwicklung, Daseinsvorsorge, Miteinander in den Kommunen. Wir haben zu jedem der Bereiche Handlungsfelder definiert, die wir angehen wollen. Und wir werden im nächsten Jahr konkret das Thema Leerstände angehen. Dazu haben wir als Landkreisverwaltung gewisse Mechanismen, aber wir wollen auch die Gemeinden dabei unterstützen, Leerstände aktiv anzugehen und die Siedlungsentwicklung innerorts voranzutreiben. Der zweite große Bereich, den wir angehen werden, ist das Thema Mobilität, denn ich bin überzeugt, um Daseinsvorsorge in der Fläche zu gewährleisten, ist Mobilität ein ganz wesentlicher Punkt. Wir haben ein sehr gut ausgearbeitetes ÖPNV-System, aber im Bereich außerhalb des normalen Busverkehrs, beispielsweise im Bereich Rufbussysteme, haben wir noch einiges vor uns. Das wollen wir im nächsten Jahr mit einem starken Prozess aufsetzen. Natürlich werden wir auch den Klimaschutz angehen. Wir sehen, dass wir im ländlichen Raum andere Klimaschutzherausforderungen haben als im städtischen Bereich, wo der Fokus sehr stark auf dem Straßenverkehr liegt. Wir als Hohenlohekreis haben durch das Starkregenereignis 2016 eine besondere Auswirkung der Klimaveränderung gesehen und deshalb ist es an der Zeit, dass ein Landkreis, der ein klares Bekenntnis zur Natur und zur Landschaft hat, gerade beim Thema Klimaschutz vorangehen muss.

Wie entwickelt sich die E-Mobilität?

Neth: Wir haben ganz sanfte Anstiege bei den Elektroautos, auch was den Fuhrpark des Landkreises angeht. Wir sehen aber auch – und das gebe ich zu bedenken, wenn wir über Mobilität sprechen –, dass wir gerade im ländlichen Raum Strecken zurücklegen, wo die Elektromobilität momentan noch nicht die endgültige Antwort bietet. Das Thema ist daher für uns nicht Handlungsfeld Nummer eins. Wenn die Technik sich weiterentwickelt, kann ich mir gut vorstellen, dass wir auch da stärker einsteigen, aber momentan sagen wir, unsere Ziele, unsere Anforderungen liegen in anderen Bereichen. Wer von Mulfingen nach Öhringen und zurück fährt, kommt bereits an die Kilometergrenzen, bei denen es mit der Elektromobilität schwierig wird. Wir haben hier viel Fläche, viel Strecke im Gegensatz zum urbanen Raum.

Wie engagiert sich der Landkreis in den Bereichen Klimaschutz und erneuerbare Energien?

Neth: Das Thema Klimawandel und die damit verbundenen Veränderungen ist eines der großen Themen des 21. Jahrhunderts. Klimaschutz kann im Kleinen beginnen. Wir haben ein Klimaschutzkonzept auf den Weg gebracht, das sehr ambitionierte Ziele hat. Nach der Sommerpause werden wir mit dem Kreistag hierzu ein Paket beraten und hoffentlich auch beschließen. Ich denke, die öffentliche Hand kann, gerade wenn es darum geht, wie sie Gebäude baut und Mobilität gestaltet, vorangehen. Wir werden uns im kommenden Jahr mit einem Mobilitätskonzept für den Hohenlohekreis beschäftigen, in dem das Thema Klimawandel eine große Rolle spielt. Die Debatten über das Thema in den vergangenen Wochen und Monaten haben eines gezeigt: Es müssen viele Akteure mitmachen. Klimaschutz kann man nicht alleine hinbekommen. Das Thema Klimawandel ist nicht nur ein Mobilitätsthema, nicht nur ein Landwirtschaftsthema, nicht nur ein Gewerbethema. Alle Akteure sind notwendig. Wir haben mit „ZukunftHOK“ ein Konzept für den Hohenlohekreis aufgestellt, in dem das Miteinander der Akteure im Bereich Klimaschutz ein ganz wesentlicher Faktor ist.

Haben Sie sich deshalb mit Odenwald und Main-Tauber zur Bioenergieregion zusammengeschlossen?

Neth: Wir haben mit den beiden Nachbarlandkreisen die HOT (Hohenlohe-Odenwald-Tauber) über lange Jahre als gemeinsames Label geprägt. Leider besteht die H-O-T momentan nicht mehr als eigenständige Gesellschaft, aber das daraus entstandene Netzwerk wird von uns weiter gepflegt. Wir machen im Bereich der Bioenergie und im Bereich Klimaschutz weiterhin viel über die Kreisgrenzen hinaus. Auch das Netzwerk mit den HOT-Botschaftern ist weiterhin aktiv. Ich würde mir wünschen, dass wir vieles, was wir in der HOT entwickelt haben, auch in die Zukunft bringen. Wir haben im Hohenlohekreis Bioenergiedörfer, die daraus entstanden sind und immer noch funktionieren. Sie zeigen, was im ländlichen Raum im Bereich Klimaschutz, im Bereich Bioenergie möglich ist.

Welche besonderen Herausforderungen hat der Klimaschutz im ländlichen Raum?

Neth: Wir erleben leider, dass sich die Klimaschutzdebatte in Baden-Württemberg sehr stark auf das Thema Automobil und die damit verbundenen Fragestellungen reduziert. Klar ist, im ländlichen Raum wird das Auto weiterhin der Mobilitätsträger Nummer eins sein. Im ländlichen Raum besteht Klimaschutz auch darin, CO2zu binden. Das findet in den Wäldern statt, da muss man an das Thema Aufforstung denken, vor allem angesichts der derzeitigen Situation im Forst. So sind das verschiedene Puzzleteile, die wir als ländlicher Raum mit einem intakten Naturraum bieten können. Eine spannende Frage wird sein, wie sich ländlicher Raum im Klimaschutz so engagieren kann, dass er weiterhin wachsen kann. Die Patentrezepte, die möglicherweise für Städte gelten, gelten hier nicht.

Wie ist derzeit die Situation im Hohenloher Wald?

Neth: Im Wald herrscht momentan eine ganz schwierige Situation. Nach der Fichte leidet derzeit die Buche ganz besonders unter Hitze und Trockenheit und in der Folge unter Schädlingen. Das betrifft den Hohenlohekreis deshalb besonders schwer, da die Buche unsere Hauptbaumart ist. Die Schäden sind gravierend. Wir werden gerade bei den Buchenbeständen in den nächsten Monaten massiv fällen müssen. Das bedeutet aber auch, dass sich unser Forst mittelfristig verändern wird. Es werden andere Baumarten notwendig sein. Die Situation zeigt, dass das Thema Klimawandel nichts Abstraktes ist. Er wird hier vor Ort, im Wald, zu Veränderungen führen. Das bekommen wir auch nicht so schnell gedreht. Wir müssen jetzt den Forst resilient machen, denn die Bindung von CO2 ist eine wichtige Aufgabe des Waldes Aber es wird Jahre dauern, bis wir wieder so aufgeforstet haben.

Welche alternativen Baumarten wären zur Aufforstung geeignet?

Neth: Wenn man das so leicht beantworten könnte. Das Land Baden-Württemberg arbeitet gerade an einer Lösung. Man kann beispielsweise nicht einfach Bäume aus der Toskana nehmen, nur weil dort vielleicht die gleichen Temperaturen herrschen. Da gibt es andere Bodenbeschaffenheiten, andere Schädlinge. Vom Land organisiert gibt es Versuchsfelder, um herauszufinden, welche Baumarten hier zum Einsatz kommen können. Wir nehmen wahr, dass manche Arten offensichtlich etwas besser klarkommen, das heißt aber nicht, dass eine Art alleine die Lösung für das Problem sein wird. Es wird gravierende Veränderungen geben, wenn die Sommer so bleiben. Die Wälder wirken optisch noch teilweise intakt, aber wenn man genau in die Baumkronen schaut, sieht man, dass alles abstirbt. Und wenn die Bäume geschwächt sind, kommen die Schädlinge.

Interview: Dirk Täuber