Interesse früh wecken

Um auch junge Mädchen für naturwissenschaftliche und technische Berufe zu begeistern, gibt es Aktionen wie den Girls‘ Day. Allgemein müssen Stereotype in der Arbeitswelt aufgebrochen werden, damit das persönliche Interesse bei der Berufswahl im Vordergrund steht.

Häufig entscheiden sich Mädchen für einen „typisch weiblichen“ Ausbildungsberuf oder Studiengang, ohne das gesamte Spektrum an Berufsmöglichkeiten überhaupt zu kennen oder für sich in Betracht zu ziehen. Damit bleiben wertvolle Chancen ungenutzt, aber auch dringend gebrauchte Talente unentdeckt. Denn gerade den technisch-naturwissenschaftlichen Branchen fehlt es vielfach an qualifiziertem Nachwuchs. Wir können es uns also gar nicht leisten, wenn Mädchen solche „Männerberufe“ von vorneherein gar nicht für sich in Erwägung ziehen. Deshalb: Wir müssen die gut ausgebildeten jungen Frauen in Deutschland noch besser für Naturwissenschaft und Technik begeistern. Aktionstage wie der Girls‘ Day bieten Einblicke in die Arbeitswelt der Technik und Naturwissenschaften und ermutigen Mädchen, ihre Berufsvorstellungen zu hinterfragen und neue Arbeitsfelder auszuprobieren.

Leider ist die Berufsorientierung auch heute teilweise noch von Rollenbildern und Klischees geprägt. Diese müssen wir bei den Kindern schon von klein auf entkräften. Je früher das Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen und der Entdeckergeist von Kindern geweckt und gefördert wird, desto besser. In unseren Kindergärten begleiten wir die persönliche Entwicklung jedes einzelnen Kindes und bieten Chancen, eigene Talente und Potenziale frühzeitig zu finden – auch im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik (Mint). Diese Anstrengungen müssen wir in der Schule fortsetzen. Informatikunterricht an allen weiterführenden Schulen oder die Stärkung der Naturwissenschaften in der gymnasialen Oberstufe sind nur zwei Beispiele, wie Mädchen mit Interesse an den Mint-Fächern ihre Kenntnisse vertiefen können. Auch über den regulären Unterricht hinaus besteht an den acht Schülerforschungszentren im Land die Möglichkeit, eigene Forschungsprojekte anzupacken.

Berufsorientierung

Eine zentrale Rolle bei der Mint-Förderung spielt auch die Berufsorientierung. Hier können Schüler ihre eigenen Interessen und Stärken reflektieren und sich mit ihren beruflichen Perspektiven auseinandersetzen – frei von Geschlechterklischees. Seit diesem Schuljahr haben wir hierfür in Baden-Württemberg das neue Schulfach „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“ eingeführt. Ziel des Schulfaches ist es, die Jugendlichen bei der Berufswahl stärker zu unterstützen und ihnen den Übergang zwischen Schule und Beruf zu erleichtern.

Berufsorientierung und damit auch die Förderung von Interessen und Talenten muss auch als gemeinsame Aufgabe von Schulen, Eltern, Wirtschaft und Hochschulen verstanden werden. Deshalb ist es wichtig, dass auch der Girls’Day alle Akteure miteinbezieht. Gerade in Naturwissenschaft und Technik erfolgreiche Frauen können dabei eine Vorbildfunktion übernehmen und den Mädchen Mut machen, sich auch bei der eigenen Berufswahl unvoreingenommen auf das gesamte Spektrum einzulassen.

Ich freue mich, dass sich in den letzten Jahren eine positive Entwicklung ablesen lässt und Mädchen technisch-naturwissenschaftliche Berufsbilder für sich zunehmend attraktiver bewerten. Hierauf müssen wir weiter aufbauen, um Rollenstereotype bei der Berufswahl insgesamt aufzubrechen und zu überwinden. Denn ausschlaggebend für die Berufswahl sollten allein die persönlichen Interessen und Neigungen sein. Dann bleibt man bei Ausbildung oder Studium am Ball und findet später Freude an seinem Beruf.

Susanne Eisenmann