Psychische Belastungen reduzieren

Dr. Helmut Harr, Chefarzt der Klinik für Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie am Diak Klinikum Schwäbisch Hall, erläutert, wie psychische Belastungen reduziert werden können. Foto Ufuk Arslan

Neben den Ängsten vor einer Coronavirusinfektion oder vor beruflichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie haben psychosoziale Belastungen innerhalb der Bevölkerung eine eigene, wichtige Dimension. Dr. Helmut Harr, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Diak Klinikum Schwäbisch Hall, gibt Handlungsempfehlungen für den Umgang mit psychischen Belastungen wie Stress und Ängsten.

Im Umgang mit der Coronapandemie spielen unterschiedliche Ängste eine große Rolle. Generell sind sie nützliche Begleiter, die Gefahren signalisieren und dafür sorgen, dass wir uns besonnen und verantwortungsbewusst verhalten. Unrealistische Ängste können aber auch zu Panik führen. Diese äußert sich oft körperlich durch Herzklopfen, Herzrasen, Engegefühle in der Brust oder Beklemmungsgefühle. Anhaltende Ängste erhöhen das chronische Stressniveau.

Die beiden größten Gefahren im Umgang mit Ängsten sind: ihre Bagatellisierung und die Neigung zum „Katastrophisieren“. In der Bagatellisierung werden real vorhandene Gefahren nicht ernst genommen, vermieden und verleugnet. Das „Katastrophisieren“ verliert den Kontakt zur Realität indem sämtliche Möglichkeiten bis zum maximal schlimmstmöglichen Ausgang als real wahrgenommen werden. Beiden Gefahren gilt es durch möglichst fundierte aktuelle Informationen zu begegnen.

Im Umgang mit Ängsten und einem hohen Stressniveau haben sich folgende allgemeine Handlungsempfehlungen für die Pandemiezeit bewährt:

  1. Kontakte pflegen: Sprechen Sie mit Menschen, denen Sie vertrauen. Kontaktieren Sie Ihre Freunde und Familie

  2. Gesunden Lebensstil in Quarantäne beibehalten: Wenn Sie zuhause bleiben, erhalten Sie einen gesunden Lebensstil aufrecht. Dazu zählen zum Beispiel körperliche Aktivität, eine gesunde Ernährung und soziale Kontakte (gegebenenfalls über Telefon/elektronische Medien)

  3. Eigener Hilfeplan: Machen Sie sich einen Plan, wo Sie professionelle Hilfe bezüglich körperlicher, psychischer und psychosozialer Probleme erhalten können, falls dies notwendig werden sollte.

  4. Information aus seriösen Quellen: Orientieren Sie sich an Fakten; verschaffen Sie sich einen Überblick über Ihr persönliches Risiko und die Möglichkeiten, sich zu schützen. Verwenden Sie hierfür nur seriöse Quellen wie beispielsweise die des Robert Koch-Instituts oder des Bundesgesundheitsministeriums.

  5. Auch positive Nachrichten beachten: Bezüglich der aktuellen Krise sind das beispielsweise die Zahlen der bereits geheilten Personen oder Berichte über milde Verläufe.

Insgesamt ist der Corona-Ausnahmezustand ein gewaltiger Stresstest für die gesamte Gesellschaft und begünstigt das Auftreten und die Verschlechterung von psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Dennoch scheinen sich auch einige positive Seiten der Belastungssituation zu entwickeln: In vielerlei Hinsicht hat die aktuelle Situation zu einer oft heilsamen Entschleunigung unseres Alltages beführt. Teilweise werden Menschen derzeit zum Innehalten und zum Nachdenken über Prioritäten durch die äußeren Umstände geradezu gezwungen. Viele schätzen jetzt mehr wert, was sie bereits haben. Viele hören bewusster auf den eigenen Körper. Und es gibt mehr Solidarität unter den Menschen als zuvor.

Dr. Helmut Harr