Seelilien treffen auf Lurche

Wer denkt, im Muschelkalkmuseum Hagdorn in Ingelfingen seien nur langweilige Steine zu sehen, der irrt. Dort sind etwa auch Knochen von Reptilien aus der Trias-Zeit ausgestellt. Ein Besuch lohnt sich auch für Familien mit Kindern. Foto: Olga Lechmann

Die Museumslandschaft in Heilbronn-Franken kann sich definitiv sehen lassen – von diversen Automobilmuseen über ein Jeans- bis hin zum Weinbaumuseum gibt es viel zu entdecken. Das Muschelkalkmuseum Hagdorn in Ingelfingen ist einmalig in seiner Art.

 

Vor 240 Millionen Jahren sah die Welt noch anders aus. Das ist freilich keine neue Erkenntnis. Dass es keine Hochhäuser, Autobahnen, Fastfood-Restaurants und Industrieunternehmen gab, ist uns allen klar. Wie die Landschaften und Lebewesen zu dieser Zeit aber genau ausgesehen haben, weiß vielleicht doch nicht jeder. Und überhaupt – was war denn das für eine Zeit vor 240 Millionen Jahren, erdgeschichtlich gesehen? Da muss man wohl noch mal tief im Gedächtnis nach seinem rudimentären Erdkundewissen aus der Mittelstufe graben. Oder man besucht das Muschelkalkmuseum Hagdorn in Ingelfingen im Hohenlohekreis, um etwaige Informationslücken zu schließen.

Die Geschichte des Muschelkalkmuseums beginnt nicht mit dessen Eröffnung 1995; man muss deutlich weiter in die Vergangenheit zurückgehen, um nachzuvollziehen, wie das Museum entstanden ist. Und zwar in die Vergangenheit von Hans Hagdorn. Denn ohne ihn gäbe es die Einrichtung im staatlich anerkannten Erholungsort gar nicht. Bereits mit sieben Jahren beginnt Hagdorn, Fossilien zu sammeln. Diese Leidenschaft kultiviert er im Laufe der Jahrzehnte – allerdings nur in Form eines Hobbys. Denn der gebürtige Haller arbeitet nach seinem Germanistik-, Anglistik- und Geografiestudium 40 Jahre lang als Lehrer für Deutsch und Wirtschaftsgeografie an der Kaufmännischen Schule in Künzelsau. Dennoch lässt ihn die Paläontologie nicht los. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit befasst sich Hagdorn weiter damit, sammelt fortwährend, lernt Gleichgesinnte kennen, vernetzt sich. Irgendwann entsteht bei ihm zu Hause eine kleine Ausstellung – der Grundstock des Muschelkalkmuseums.

Mit der ehemaligen Inneren Kelter in Ingelfingen finden sich schließlich vor 23 Jahren die passenden Räumlichkeiten für die steigende Zahl der Exponate Hagdorns. Auf insgesamt 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche und zwei Stockwerken sind mehrere tausend Fossilien und Mineralien aus der Trias-Zeit zu sehen. Die Trias ist die älteste Periode des Erdmittelalters. Sie gliedert sich in die drei Gesteine Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper. „Den Begriff Trias hat der Geologe Friedrich von Alberti geprägt“, erklärt Hagdorn. 1998 gründete der 69-Jährige zusammen mit anderen eine Stiftung, die nach genau diesem Wissenschaftler benannt wurde. Ihre Zielsetzung ist die Förderung der Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Paläontologie. Dazu gehört eben auch das Muschelkalkmuseum, dessen Träger die Stadt Ingelfingen ist.

Funde kommen aus der Region

Die Ausstellungskonzeption, die Texte, Zeichnungen und Fotos, ja sogar die Entwürfe für die Museumsarchitektur stammen von Hagdorn selbst. „Ich bin hier über die Balken geturnt, um das Konzept zu erstellen“, erinnert sich der ehemalige Lehrer an die Zeit des Gebäudeumbaus. Die Einrichtung ist bewusst in Weiß und Blau gehalten. „Das sind kühle Farben“, sagt Hagdorn. Und die würden gut in das Museum passen, in dem Originalknochen eines Nothosauriers, ein Reptil aus der Trias-Zeit, einzelne Elemente graziler Seelilien – Trochiten genannt – oder auch Muschelkalksalz ausgestellt sind.

Keinesfalls fehlen dürfen bei solch einem speziellen Museum die Schilder und Tafeln mit Texten zu den Exponaten. Anhand dieser erfährt der Besucher unter anderem, wo die Funde zutage gefördert wurden. Die meisten wurden übrigens in der Region, vor allem in Hohenlohe, ausgegraben. Die Orte Kupferzell, Schwäbisch Hall und natürlich Ingelfingen sind oft zu lesen. In Eschenau bei Vellberg hat Werner Kugler, ein Privat-Paläontologe aus Crailsheim, den Schädel eines Mastodonsaurus gefunden. „Das waren die größten Lurche der Erdgeschichte“, weiß Hagdorn, der Kugler gut kennt. Die zweite Museumsetage ist fast ausschließlich mit seinen Funden bestückt.

Neben der Dauer bereichert seit Ende Januar eine Sonderausstellung zu Adolf Seilachers Jugendsammlung das Museumsangebot. Seilacher war ein Paläontologe und Präsident der Paläontologischen Gesellschaft, der 2014 verstarb. „Er war eine bedeutende Persönlichkeit“, sagt Hagdorn, der den Professor selbst kannte, voller Hochachtung. Die Objekte sind noch bis Ende November zu sehen. Weitere Sonderausstellungen seien ebenfalls geplant. Und falls Hagdorn oder die Besucher mal Abwechslung brauchen, kann der zweifache Vater ja auf sein Magazin aus 600 Schubladen zurückgreifen und das eine oder andere Stück austauschen.

Olga Lechmann