Traumberuf: Leben schenken

Prof. Dr. Andreas Holzinger ist Facharzt für Kinder- sowie Jugendmedizin am Diak in Schwäbisch Hall. Er kümmert sich um Früh- und Neugeborene.

Wer hat nicht einmal davon geträumt, Medizin zu studieren, einen weißen Kittel zu tragen und mit Doktor angesprochen zu werden? Katahrina Teepe und Marie-Therese Unterweger haben diesen Traum für sich wahr gemacht. Wir haben sie bei der Arbeit begleitet.

Es ist das Wunder des Lebens. Wenn ein Kind zur Welt kommt – gesund zur Welt kommt –, müssen viele Faktoren zusammengespielt haben. So banal es klingt, wenn man an den reinen „Entstehungsprozess“ denkt. Ein neues Leben zu generieren, grenzt eigentlich an Zauberei. Von der Befruchtung über die Einnistung in der Gebärmutter und die normale Entwicklung des Embryos sowie später des Fötus bis hin zur komplikationslosen Entbindung gibt es etliche Hürden zu überwinden, bis man sein Neugeborenes in Händen halten kann. Und manchmal geht eben doch nicht alles gut – aus unterschiedlichsten Gründen wie Rauchen während der Schwangerschaft, unzureichende Versorgung durch die Plazenta oder Fehlbildungen des Fötus – und es kommt zu einer Frühst- beziehungsweise Frühgeburt. Solche Säuglinge, die vor der 37. Schwangerschaftswoche entbunden werden, gehören für Prof. Dr. Andreas Holzinger, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, beinahe zum Tagesgeschäft. Er arbeitet im Diakonie-Klinikum in Schwäbisch Hall und hat sich auf die Neonatologie, zu Deutsch Neugeborenenmedizin, spezialisiert.

An einem warmen Spätsommermorgen Mitte September sitzt er mit fünf Kollegen, darunter zwei Ober- und drei Assistenzärzte, in einem kleinen Raum auf der Station K2 zusammen, die den Namen Insel trägt und für die Frühgeborenen- und Intensivpflege zuständig ist. Es ist kurz nach acht Uhr und noch sehr ruhig in den Gängen des Klinikums. Ein schwacher Geruch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Die Besprechung am Morgen ist Routine. „Wir unterhalten uns darüber, was in der Nacht los war“, erklärt Holzinger. Heute geht es um zwei Frühchen, die nebenan in Inkubatoren liegen. Das eine kam fünf Tage zuvor zur Welt und wog bei der Geburt knapp 500 Gramm. Zum Vergleich: Das Durchschnittsgewicht eines nicht zu früh geborenen Babys beträgt zwischen 3000 und 3500 Gramm. Im Nebenzimmer hebt Holzinger die Decke, die über den Brutkasten gelegt wurde, ein kleines Stück an und gibt den Blick auf den winzigen Säugling frei. Er ist vielleicht so groß wie die Hand eines erwachsenen Mannes. Die Kinderärzte diskutieren darüber, wie sie ihm Blut abnehmen sollen – was bei der Größe und dem Gewicht eine Herausforderung zu werden verspricht –, über die Stuhlbeschaffenheit und seine Blutdruckwerte.

Ortswechsel: In der Frauenklinik, die von der Kinderklinik aus auf kurzem Wege zu erreichen ist, dringen durch die Tür des Kreißsaales 4 gedämpfte Schreie. Eine Frau, die gerade dabei ist, ihr Kind zu gebären, ruft gequält: „Ich kann nicht mehr!“ Aus einem anderen Zimmer ist das Weinen eines Babys zu hören – vermutlich sein erstes Geräusch auf dieser Welt. Hinter der letzten Tür des Ganges wickelt Assistenzärztin Dr. Katharina Teepe einen Säugling in ein blaues Handtuch. „Er ist vor fünf Minuten per Kaiserschnitt zur Welt gekommen und ich habe gerade die U1 bei ihm gemacht“, klärt die 29-Jährige, die sich im vierten Jahr ihrer Weiterbildung zum Facharzt befindet, auf. Das ist die erste Untersuchung nach der Geburt, bei der etwa der Körper des Säuglings nach Tumoren, Verletzungen oder Ödemen inspiziert wird. Außerdem wird das Kind abgehört, beispielsweise auf einen potenziellen Herzfehler hin. Der frischgebackene Papa steht daneben – in Kittel und mit Mundschutz – und wartet auf Teepes Fazit. „Er ist kerngesund“, sagt diese schließlich und gibt dem stolzen Vater seinen Sohn in die Arme. „Er hat aber schon viele Haare“, stellt die junge Ärztin lachend fest. „Die hat er nicht von mir“, scherzt der vermummte Mann.

Zurück in der Kinderklinik stehen Marie-Therese Unterweger, Assistenzärztin im ersten Jahr, eine Medizinstudentin im achten Semester und eine syrische Praktikantin vor einem Patientenzimmer auf der Station K4, der Arche. Unterweger beugt sich über eine dicke Krankenakte, die sich auffächern lässt. Es ist mittlerweile kurz vor zehn und die 28-Jährige ist mitten in ihrer Visite. Fünf kleine Patienten stehen noch auf der Liste an diesem Vormittag. Der nächste ist ein vierjähriger Junge aus Syrien, der als Frühchen auf die Welt kam und Fehlbildungen hat. „Er war schon häufiger bei uns“, erzählt Unterweger. Nun seien es wieder fast zwei Wochen, dass er im Diak liege. Im Zimmer steht der Vater des Jungen neben dem Krankenbett. Monitore blinken. Ein CD-Player läuft. Anne Harder, die Medizinstudentin, die eigens aus Berlin nach Schwäbisch Hall gekommen ist, um fünf Wochen lang den Ärzten in der Kinderklinik über die Schulter zu schauen, hört den Kleinen behutsam mit dem Stethoskop ab. Wenn er ausatmet, ist ein lautes Rasseln zu hören. Das Kind wird über eine Magensonde ernährt, ein Schlauch aus seinem Bauch führt zu einem Beutel mit undefinierbarem Inhalt. Unterweger lächelt den Jungen an und streicht ihm sanft über die Wange. „Es ist eine Endoskopie nötig“, sagt sie an die zierliche Praktikantin gewandt und bittet diese, das dem Vater zu übersetzen. Der scheint verstanden zu haben und damit verlassen die drei das Zimmer – um ein anderes zu betreten, in dem ein Mädchen mit Nierenbeckenentzündung sehnsüchtig darauf wartet, dass heute der Tag ist, an dem sie endlich entlassen wird.

„Wenn man Kinder wieder gesund macht, schenkt man ihnen ein ganzes Leben“, ist Marie-Therese Unterweger überzeugt. Nach der Visite nimmt sich die Hallerin kurz Zeit für ein paar Fragen, bevor sie sich daran macht, Entlassungsbriefe zu tippen. Die junge Frau mit der frechen Kurzhaarfrisur sitzt in der Stationsküche auf K4 an einem Tisch, auf dem eine appetitliche Linzer Torte, Gläser und Tassen stehen. In der Kinderklinik des Diak ist Unterweger, die in Frankfurt studiert hat, seit dem 1. Juni Assistenzärztin. Bereits seit ihrem zwölften Lebensjahr sei Arzt ihr Traumberuf. „Die Arbeit mit Kindern macht mir einfach Spaß“, resümiert sie. Sieht man ihr dabei zu – wie sie mit den kleinen und auch größeren Patienten umgeht, mit ihnen lacht, sie liebevoll berührt und trotz des Altersunterschieds und ihrer Autorität immer auf Augenhöhe mit ihnen spricht –, weiß man, dass das nicht einfach nur eine abgedroschene Floskel ist.

Olga Lechmann