„Was fehlt, ist der gemeinsame Nenner“

Wolfgang Steinle spricht über die Zukunftsfähigkeit von Heilbronn-Franken. Foto: Lydia-Kathrin Hilpert

Kaum einer kennt die Focus Wirtschaftsstudie besser als Dr. Wolfgang J. Steinle. Im Interview verrät er, was die Ergebnisse für Heilbronn-Franken bedeuten. Dabei gibt es ein paar Überraschungen, was die einzelnen Landkreise der Region betrifft.

Herr Dr. Steinle, kaum einer kennt sich besser mit der Focus Wirtschaftsstudie aus als Sie. Wie schneidet unser Heilbronn-Franken ab?

Steinle: Wirtschaftlich konnten sich in erster Linie süddeutsche Standorte am besten durchsetzen. Die Spitzenplätze teilen sich Landkreise in Bayern und Baden-Württemberg. Dabei schneiden mehrere Standorte in Heilbronn-Franken bemerkenswert gut ab. An der Spitze der bundesweiten Gesamtrangfolge steht Pfaffenhofen gefolgt vom Landkreis Heilbronn und Ludwigsburg (beide Platz 2). Das ist ein ausgezeichnetes Ergebnis; es ist simpel und einfach anzuerkennen, dass der Landkreis Heilbronn zu den wirtschaftsstärksten Standorten Deutschlands zählt. Dass der Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg wirtschaftlich ganz vorne liegt, ist wahrscheinlich bekannt. Platz 2 bundesweit ist jedoch eine andere Ansage.

Wie sind denn die Ergebnisse der einzelnen Landkreise?

Steinle: Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland in dem alle Standorte im Gesamtergebnis der Focus Wirtschaftsstudie überdurchschnittlich gut abschneiden. In der Region Heilbronn-Franken finden sich allerdings nicht alle Teilräume auf einem ähnlich ausgezeichneten Platz wie der Landkreis Heilbronn. Drei weitere Kreise zählen zu den als gut bewerteten Standorten: der Hohenlohekreis auf Platz 70, die Stadt Heilbronn auf Platz 95 und Schwäbisch Hall auf Platz 130. Lediglich der Main-Tauber-Kreis erhält die Note befriedigend (Platz 173).

Warum fällt der Main-Tauber-Kreis im Vergleich so ab?

Steinle: Im Idealfall erfolgen Existenzgründungen im Umfeld florierender Unternehmen. Von einem solchen Umfeld kann in der Region Heilbronn-Franken durchaus die Rede sein. Außer in der Stadt Heilbronn und in abgeschwächter Form im Landkreis Heilbronn tut sich jedoch in Sachen Existenzgründungen zu wenig. Insbesondere der Main-Tauber-Kreis zeigt deutliche Schwächen bei den Existenzgründungen. Gründungscluster, wie sie im Umland von Frankfurt am Main, Hamburg, München oder im Großraum Köln-Düsseldorf zu erkennen sind, bleiben aus. Da besteht akuter Handlungsbedarf.

Haben Sie damit gerechnet, dass der Landkreis Heilbronn so weit vorne ist?

Steinle: Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Ergebnis nicht gerechnet hatte. Zunächst dachte ich, naja Heilbronn ist ja sowas wie ein Vorort von Stuttgart. Neckarsulm war mir in Verbindung mit Audi schon ein Begriff. Dass Bad Mergentheim, Künzelsau, Öhringen oder Tauberbischofsheim und herrliche Landstriche in unmittelbarer Nähe liegen, war mir nicht gewärtig, ebenso wenig, dass im Hohenlohekreis und im Main-Tauber-Kreis mehr Weltmarktführer ihren Sitz haben als im Landkreis Heilbronn. Nehmen Sie dies bitte als rasche und verkürzte Rekapitulation von Eindrücken eines Außenstehenden. Da müssen die Unternehmen in der Region gemeinsam mehr daraus machen!

Wie kann Heilbronn-Franken es als Region an die Spitze schaffen?

Steinle: Die Region Heilbronn-Franken ist, wie die Rankingergebnisse zeigen, kein homogener Raum. Das wäre auch eher langweilig und nicht schön anzusehen. Die Frage ist, reden wir von Heterogenität oder von Vielfalt? Heterogenität ist eine gemeinsame Schwäche. Die vorhandene Vielfalt kann als eine gemeinsame Stärke genutzt werden, die Heterogenität dagegen nicht. Vergessen Sie nicht, dass wir bisher nur Vorboten des Arbeitskräfte- und Fachkräftemangels erleben. Von den bundesweit rund 43 Millionen Erwerbstätigen sind rund 14 Millionen über 44 Jahre alt Die großen Engpässe kommen erst noch. Das heißt auch zwischen Regionen wird sich der Wettbewerb um Arbeitskräfte verschärfen. In diesem Wettbewerb wird die regionale Vielfalt zu einem entscheidenden Standortfaktor. Auch Heilbronn-Franken wird in Zukunft verstärkt mit Engpässen der einen oder anderen Art konfrontiert sein. Böse Überraschungen können sie nur vermeiden, wenn sie als Region Heilbronn-Franken gemeinsam handlungsfähig sind. In den Ergebnissen der Wirtschaftsstudie sehe ich Ansatzpunkte für eine wirtschaftliche Entwicklung in der Region, die unter dem Strich mehr sein kann als die Summe ihrer Teile. In der Region Heilbronn-Franken zeigen sich herausragende Einzelleistungen, was fehlt ist der gemeinsame Nenner. Die Vielfalt der Region Heilbronn-Franken ist ein hervorragender Nährboden für eine zukunftsfähige wirtschaftliche Entwicklung. Die Kombination aus wirtschaftlicher Stärke und Lebensqualität ist einer ihrer wichtigsten Wettbewerbsvorteile.

Die vollständige Focus Wirtschaftsstudie ist erschienen bei edition-empirica, online unter www.edition-empirica.de.

Interview: Anja Gladisch