Wer die Logistik der Zukunft beherrschen will, braucht mehr als neue Technologien. Prof. Dr. Javier Villalba-Diez erklärt, warum Daten zur Machtfrage werden, welche Rolle der Mensch behält und weshalb viele Unternehmen noch immer in digitalen Inseln denken.

Die Logistik steht aktuell zwischen wirtschaftlichem Druck und technologischem Fortschritt: Was prägt die Branche derzeit stärker – Marktkräfte oder Technologie?
Javier Villalba-Diez: Im Moment prägen Marktkräfte die Richtung, Technologie die Gangart. Der wirtschaftliche Druck zwingt die Branche, jede Bewegung zu prüfen. Künstliche Intelligenz, vernetzte Sensoren und Robotik machen sichtbar, was früher vor allem auf Erfahrung beruhte. Doch Technik allein fährt keinen Lkw und füllt auch kein Lager. Sie braucht einen klaren Zweck. Die Logistik wird daher nicht von der lauteren Kraft bestimmt, sondern von der besseren Kopplung beider.
Wie sehr verändert sich dadurch das grundlegende Verständnis von Logistik?
Javier Villalba-Diez: Logistik war lange die Kunst, Güter pünktlich zu bewegen. Heute wird sie zum Nervensystem der Wirtschaft. Das Internet der Dinge gibt ihr Sinne, Roboter verleihen ihr Handlungsfähigkeit und autonome Fahrzeuge neue Beweglichkeit. Künstliche Intelligenz übersetzt diese Wahrnehmung in Entscheidungen. Das verändert den Kern: Nicht der Transport ist das Zentrum, sondern die Fähigkeit, in Echtzeit richtig zu handeln.
Künstliche Intelligenz in der Logistik
Wo sehen Sie erste Anwendungen, die über Pilotprojekte hinausgehen?
Javier Villalba-Diez: Echten Mehrwert sehe ich dort, wo KI den Alltag leiser und verlässlicher macht. Dazu gehören Tourenplanung, Nachfrageprognosen, Bestandssteuerung und die frühe Erkennung von Störungen. Im Lager sind Bilderkennung, robotergestützte Kommissionierung und automatische Qualitätskontrolle längst mehr als Pilotanwendungen. In Höfen, Häfen und Werksgeländen kommen autonome Fahrzeuge schneller voran als im offenen Straßenverkehr. Der Unterschied zum Pilotprojekt ist einfach: Die Lösung muss am Montagmorgen funktionieren, nicht nur im Labor glänzen.
Welche Bereiche der Logistik profitieren aktuell am stärksten von KI?
Javier Villalba-Diez: Am stärksten profitieren heute Planung und Steuerung, weil dort viele Entscheidungen auf verlässliche Daten angewiesen sind. KI kann den Engpass früher sehen als der Mensch, aber sie darf das Urteil nicht ersetzen. In der operativen Umsetzung wächst der Nutzen, wenn Umgebung und Regeln klar sind. Dann werden Roboter, fahrerlose mobile Systeme und vernetzte Sensoren zu einem ruhigen Uhrwerk im Lager und im Transporthof. Der japanische Ingenieur und Erfinder Taiichi Ohno suchte die Verschwendung am Ort des Geschehens; KI kann früh erkennen, wo diese Verschwendung entsteht.
„Der Mensch verschwindet nicht aus der Logistik“
Wenn Daten die Grundlage für bessere Entscheidungen und effiziente Prozesse sind: Warum schaffen es manche Unternehmen, daraus einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu entwickeln, während andere an genau dieser Aufgabe scheitern?
Javier Villalba-Diez: Daten werden nur dann zum Vorteil, wenn sie in Entscheidungen münden. Ein Datensee ohne Verantwortung ist nur stehendes Wasser. Wichtig sind Qualität, gemeinsame Begriffe, klare Zugriffsrechte und ein technischer Aufbau, der nicht an einem einzigen Anbieter hängt. Daten sind zudem geopolitische Strategie: Wer Datenräume, Plattformen und Schnittstellen kontrolliert, kontrolliert einen Teil der Wertschöpfung. Unternehmen müssen nicht nur fragen, welche Daten sie besitzen, sondern, wer die Regeln für Nutzung und Austausch bestimmt.
Wenn Algorithmen immer mehr Entscheidungen vorbereiten: Welche Rolle bleibt dem Menschen?
Javier Villalba-Diez: Der Mensch verschwindet nicht aus der Logistik; seine Aufgabe wird schärfer. Roboter übernehmen Last, Wiederholung und Gefahr. KI übernimmt Muster, Vorschläge und Warnungen. Der Mensch behält Verantwortung und Urteilsvermögen, gerade wenn Zahlen schweigen oder sich widersprechen. Gute Logistik wird weniger Muskelarbeit und mehr Meisterschaft.
Gleichzeitig wächst mit jeder neuen Schnittstelle die Vernetzung. Wird die Lieferkette dadurch widerstandsfähiger oder verletzlicher?
Javier Villalba-Diez: Vernetzung macht Logistik robuster, wenn sie Vielfalt, Transparenz und Rückfallmöglichkeiten schafft. Sie macht sie anfälliger, wenn alles an einer Plattform, einem Datenstrom oder einem Anbieter für ausgelagerte Rechenleistung hängt. Jede neue digitale Verbindung schafft nicht nur Transparenz, sondern auch potenzielle Angriffsflächen. Darum gehören Schutz vor digitalen Angriffen, Datenhoheit und manuelle Notverfahren in den technischen Aufbau, nicht in den Nachtrag. Eine Lieferkette ist nicht stark, weil sie immer verbunden ist, sondern weil sie klug weiterarbeitet, wenn Verbindung fehlt.
Effizienz und Souveränität zusammen denken
Viele dieser Gedanken greifen Sie auch in Ihrem neuen Buch Logistics for Engineers auf. Was ist die wichtigste Botschaft daraus?
Javier Villalba-Diez: Die zentrale Erkenntnis lautet: Logistik ist angewandte Ingenieurskunst. Sie bewegt nicht nur Waren, sie regelt Logistikflüsse, Bestände, Wartezeiten und Entscheidungen. Ein Lagerbestand ist kein toter Vorrat, sondern ein Signal; eine Verspätung ist kein Ärgernis, sondern eine Nachricht aus dem System. Wer Logistik führen will, muss deshalb wie ein Ingenieur denken: messen, koppeln, rückmelden und nachregeln. KI, Internet der Dinge (IoT), autonome Fahrzeuge und Roboter werden erst dann stark, wenn sie in solche Regelkreise eingebettet sind. Ohne Regelkreis bleibt Technik Bewegung; mit Regelkreis wird sie Beherrschung.
Wenn Sie Logistikverantwortlichen heute nur einen Rat geben dürften – welcher wäre das?
Javier Villalba-Diez: Die wichtigste Weichenstellung ist eine eigene KI- und Datenstrategie für die Logistik. Sie muss mit Prozessen, Menschen, Robotik, autonomen Fahrzeugen und dem Internet der Dinge zusammen gedacht werden. Wer nur einzelne Anwendungen einkauft, schafft digitale Inseln. Wer Datenräume, Schnittstellen und Kompetenzen aufbaut, baut Zukunft. Langfristig erfolgreich werden Unternehmen, die Effizienz und Souveränität zusammen denken. Denn im 21. Jahrhundert ist die Lieferkette auch eine Landkarte der Macht.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Javier Villalba-Diez ist Professor an der Fakultät Wirtschaft der Hochschule Heilbronn. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Datenmanagement. Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde er 2026 mit dem HHN-Wissenschaftspreis für herausragende Forschung ausgezeichnet. Zudem ist er Autor des Fachbuchs Logistics for Engineers.


