Wiege einer revolutionären Idee

Im Bausparmuseum Wüstenrot steht eine Nachbildung des ersten, mit Bauspargeldern errichteten Eigenheims im Maßstab 1:20. Foto: Olga Lechmann

Die Museumslandschaft in Heilbronn-Franken kann sich definitiv sehen lassen – von diversen Automobilmuseen über ein Jeans- bis hin zum Weinbaumuseum gibt es viel zu entdecken. Das Bausparmuseum in Wüstenrot beherbergt eine aufwendig zusammengetragene Ausstellung zu Georg Kropp, dem Begründer des Bausparens.

Der Traum vom eigenen Haus – früher oder später träumt ihn jeder. Keine nervigen Nachbarn über dem Kopf oder unter den Füßen, keine Mietzahlungen an Unbekannte für eine Wohnung, die einem nie gehören wird, keine optisch fragwürdigen Kacheln, Fliesen oder Tapeten, die man wortlos hinnehmen muss. Doch die eigenen vier Wände ganz nach seinem Geschmack kann sich längst nicht jeder leisten. Um Familien, Paaren oder auch Alleinstehenden, die nicht das nötige Kleingeld für den Kauf einer neuen oder älteren Immobilie haben, das große Glück vom Eigenheim zu ermöglichen, ließ sich 1924 ein sogenannter Georg Kropp ein revolutionäres Konzept einfallen: das Bausparen. 94 Jahre ist dieser geniale Einfall nun her – und noch immer gibt es ihn, den Bausparvertrag. Millionen Deutsche haben einen solchen irgendwann einmal abgeschlossen. Den ersten vereinbarte übrigens ein Eisenbahnoberinspektor namens Johannes Rau aus Heidenheim an der Brenz. Und weil Kropp seinen Gedanken des Bausparens in seinem Wüstenroter Wohnzimmer hatte – und selbstverständlich, weil die Bausparkasse in dieser Gemeinde gegründet wurde –, gibt es dort auch ein Museum rund um dieses Thema.

Was dröge klingt, ist jedoch alles andere als das – nämlich äußerst spannend und informativ. Wussten Sie zum Beispiel, dass die Bausparkasse aus einem Verein namens Gemeinschaft der Freunde (GdF) heraus entstanden ist? Und dass ursprünglich mal Heilbronn als zweiter Standort infrage kam, der Gemeinderat dieses Vorhaben jedoch ablehnte, weil die Zukunft der GdF zu unsicher war? „Die Stadt Ludwigsburg war da cleverer“, weiß Christoph Seeger, Betriebsratsvorsitzender bei der Wüstenrot Bausparkasse AG. Von ihm stammt die Konzeption des Museums, das 1996 eröffnet wurde. „Ich habe alle Informationen und Gegenstände zusammengetragen, in Archiven recherchiert und ehemalige Mitarbeiter interviewt“, erzählt der 56-Jährige. Es habe anderthalb Jahre gedauert, bis das Museum der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. Das war dann pünktlich zum 10. Mai vor 22 Jahren – dem 75. Jubiläum der vorbereitenden Sitzung zur Gründung des Vereins Gemeinschaft der Freunde. Seither reisen Besucher aus ganz Deutschland oder manchmal auch aus dem Ausland an, um einen Blick in das Bausparmuseum zu werfen. Geöffnet hat dieses allerdings immer nur vom 1. Mai bis zum letzten Sonntag im September. Doch auf Anfrage sind natürlich auch von Oktober bis April Führungen möglich.

Erstes Bausparkassenbüro Deutschlands

Der Rundgang beginnt im Obergeschoss des Hauses, in dem Georg Kropp mit seiner Familie in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung gelebt hatte. Die Entstehung des Gebäudes geht bis ins 18. Jahrhundert zurück, es wurde jedoch im 19. einmal umgebaut. „Das Haus steht unter Denkmalschutz“, erklärt Seeger. Im ersten Raum, dem Wohn- und Esszimmer Kropps, befand sich das erste Bausparkassenbüro Deutschlands. Als ein solches präsentiert sich das Zimmer nun auch dem Museumsbesucher. In der Mitte steht ein großer, dunkler Holztisch, auf dem zwei Continental-Schreibmaschinen abgestellt sind. Flankiert wird der Tisch von allen Seiten von insgesamt sechs gedrechselten Stühlen aus der Gründerzeit. Mit Schnitzereien versehene Schränke sowie ein Tresor, der als Stehpult dient, säumen die Wände. Überall in dem Raum sind Exponate und Erinnerungsstücke aus dem Nachlass Kropps platziert, sodass diese erste Museumsstation eine Hommage an den Begründer des deutschen Bausparwesens darstellen soll.

Geht man in den nächsten, direkt angrenzenden Raum linker Hand, findet man sich im ehemaligen Schlafzimmer der Familie wieder. Der Blick fällt sofort auf das im Zentrum des kleinen Zimmers arrangierte Modell eines Hauses mit rotem Dach und grünen Fensterläden. „Das ist eine Nachbildung des ersten, mit Bauspargeldern errichteten Eigenheims im Maßstab 1:20“, klärt Seeger auf. Dieses stehe heutzutage immer noch in Heidenheim an der Brenz. „Am 11. Juli 1925 hat es ein GdF-Bausparer namens Josef Kümmel erstmals bezogen“, weiß der Historiker. „Wenn man einen Bausparvertrag hatte, hieß das, dass die GdF das Haus komplett finanzierte.“ 1932 habe die GdF in Summe 57.000 Bausparer gezählt. Daneben gab es noch 335 weitere Bausparkassen in Deutschland. Viele mussten damals allerdings nach nur wenigen Monaten Geschäftstätigkeit wirtschaftsbedingt aufgeben oder schlossen sich mit erfolgreicheren Kassen zusammen. Nach dem Krieg gab es schließlich 29 private und öffentliche Bausparkassen. „Heute sind es gerade noch 20 Institute mit weiter sinkender Tendenz“, sagt Seeger etwas wehmütig.

Mit der Küche als drittem zugänglichen Raum im Obergeschoss endet die Besichtigung in der Kropp’schen Wohnung. Hier wird die Geschichte der GdF in der Nachkriegszeit und während des Wirtschaftswunders thematisiert. Highlight ist dabei ein Ölgemälde des einstigen Bundespräsidenten Theodor Heuss, welcher der GdF am 29. August 1954 einen Besuch in Ludwigsburg abstattete.

Keinesfalls entgehen lassen sollte man sich – bevor man treppabwärts die übrigen vier Zimmer abwandert – das Plumpsklo im Originalzustand. Das hat zwar nichts mit Bausparen zu tun, ist aber gewiss eine amüsante Auflockerung eines doch recht sachlich-nüchternen Museumserlebnisses.

Olga Lechmann