Die Logistik erwirtschaftet in Deutschland rund 335 Milliarden Euro und bleibt damit eine tragende Säule der Wirtschaft. Doch hinter den Rekordwerten verbergen sich Preissteigerungen, Konsolidierung und ein hoher Innovationsdruck. Prof. Martin Schwemmer analysiert die wichtigsten Trends der Branche.

Herr Prof. Schwemmer, wenn man derzeit auf die Logistikbranche blickt, scheint sie zwischen wirtschaftlichem Druck und technologischem Fortschritt zu stehen. Was prägt die Branche aktuell stärker: Marktkräfte oder Technologie?
Prof. Martin Schwemmer: Eine ehrliche Antwort? Derzeit in vielen Bereichen die Marktkräfte. Unternehmen leiden unter erheblichem wirtschaftlichem Druck – etwa durch hohe Energiepreise, Inflation und die konjunkturelle Schwäche wichtiger Nachfragerbranchen. Entsprechend dominiert der Kostendruck. Er bestimmt die Linse, durch die auf Technologien geblickt wird.
Der Einsatz einer Technologie muss sich heute noch schneller auszahlen, damit überhaupt über ein Investment nachgedacht wird. Ohne wirtschaftlichen Überlebensdruck fällt Innovation deutlich leichter. Gleichzeitig ist technologischer Fortschritt natürlich Teil der Lösung – beispielsweise beim Fachkräftemangel, bei Qualitätsproblemen oder der Planbarkeit von Prozessen.
Dennoch ist die Logistik in Deutschland nach wie vor ein Wirtschaftsfaktor von enormer Größenordnung. Ihre aktuelle „Top 100“-Studie weist ein Marktvolumen von rund 335 Milliarden Euro aus. Wie stabil ist die Branche tatsächlich?
Prof. Martin Schwemmer: Die Zahl zeigt zunächst die schiere Größe des Wirtschaftsbereichs Logistik. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt der Anteil bei rund acht Prozent, genauer gesagt bei 7,7 Prozent. Dieser Wert ist über Jahre hinweg relativ stabil und unterstreicht die Bedeutung der Logistik als wesentliche Grundlage unseres Wohlstands.
Man darf die Zahl allerdings nicht isoliert betrachten. Die aktuellen Wachstumsimpulse sind schwach. Das zuletzt ausgewiesene Wachstum von 2,6 Prozent im Jahr 2024 ist ausschließlich preisgetrieben. Was wie Wachstum aussieht, ist vor allem auf Kosten- und Preissteigerungen zurückzuführen – nicht auf eine höhere logistische Leistung oder Produktivität.
Fulfillment als Treiber des boomenden Online-Handels
Wenn das Wachstum nicht aus zusätzlichen Mengen entsteht: Wo entstehen derzeit überhaupt neue Dynamiken?
Prof. Martin Schwemmer: Besonders dynamisch entwickelt sich der Onlinehandel mit den dazugehörigen Fulfillment-Leistungen. Dazu gehören Lagerhaltung, Kommissionierung, Versand, Abrechnung und gegebenenfalls das Retourenmanagement. Eine aktuelle und lange erwartete Entwicklung ist, dass Amazon künftig nicht mehr nur als Händler auftreten will, sondern zunehmend auch als logistischer Dienstleister für andere Unternehmen. Darüber hinaus sorgen demografische Entwicklungen dafür, dass Pharma- und Healthcare-Logistik wachsen. Auch Batterie- und Halbleiterlogistik sowie verteidigungsnahe Logistik entwickeln sich positiv. Weniger gute Aussichten sehe ich teilweise in der Automobilindustrie und bei klassischen Lkw-Standardtransporten.
Gleichzeitig wird seit Jahren ein stärkerer Wechsel von der Straße auf die Schiene gefordert. Kommt die Branche diesem Ziel näher?
Prof. Martin Schwemmer: Hier sehe ich weiterhin strukturellen Nachholbedarf. Politisch ist der Wunsch klar formuliert, mehr Transporte auf die Schiene zu verlagern. Die Realität ist jedoch, dass die Schiene dieses Wachstum bislang nicht ausreichend aufnehmen kann.
Gibt es bei den Verkehrsträgern dennoch Entwicklungen, die auf langfristige Trends hindeuten?
Prof. Martin Schwemmer: Ehrlicherweise sehen wir weniger Verlagerung auf die Schiene, als viele hoffen würden. Die Luftfracht bleibt dagegen stabil. Sie ist häufig das schnellste Instrument, um auf Störungen in Lieferketten zu reagieren. Natürlich kann sie Containertransporte im großen Stil nicht ersetzen, aber sie bleibt ein wichtiges Mittel zur Sicherung der Versorgung.
Logistik als Geschäftsermöglicher statt reiner Kostenfaktor
Ihre Studie zeigt zudem gegenläufige Entwicklungen bei Mengen, Preisen und Wertschöpfung. Muss die Branche ihre Erfolgskennzahlen neu definieren?
Prof. Martin Schwemmer: Ja, das würde ich so sehen. Die Krisen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die eine große Kennzahl – also Marktvolumen und Wachstum – nicht ausreicht, um die Entwicklung der Logistik zu verstehen. Logistikleistung muss Mehrwert schaffen und nicht nur Mengen bewegen. Nur dann kann sich die Branche nachhaltig und auskömmlich entwickeln. Leider wird Logistik nach wie vor häufig als Kostenfaktor betrachtet und nicht als Ermöglicher von Geschäftserfolg für viele unterschiedliche Unternehmen.
Gleichzeitig beobachten Sie eine zunehmende Konsolidierung im Markt. Steuert die Branche auf die Dominanz weniger großer Anbieter zu?
Prof. Martin Schwemmer: Die Insolvenzraten sind derzeit in der Gesamtwirtschaft hoch. In der Logistik, die traditionell ohnehin höhere Insolvenzraten aufweist, macht sich das besonders bemerkbar. Kleine Unternehmen scheiden aus dem Markt aus, große fusionieren. Diese Entwicklung lässt sich über die zunehmende Umsatzkonzentration messen. Für Alarmismus ist es allerdings zu früh.
Die Logistik ist weiterhin stark fragmentiert und besteht aus vielen mittelständischen und kleineren Unternehmen. Diese arbeiten in Netzwerken häufig als Partner großer Marktteilnehmer. Interessant ist auch, dass sich große Containerreedereien wie Maersk, MSC oder CMA CGM entlang der gesamten Wertschöpfungskette verstärken – etwa durch Übernahmen von Speditionen oder Beteiligungen an Hafenanlagen. Ziel ist es, die eigene Resilienz zu stärken. Gleichzeitig investieren finanzstarke Akteure aus anderen Wirtschaftsregionen verstärkt in den Markt.
Resilienz durch Transparenz und Zusammenarbeit
Das Stichwort Resilienz begleitet die Branche seit den Krisenjahren permanent. Sind Lieferketten heute wirklich robuster – oder nur teurer geworden?
Prof. Martin Schwemmer: Insgesamt würde ich sagen: Ja, wir sind etwas robuster geworden. Ob Lieferketten komplexer oder teurer werden, hängt von der jeweiligen Ausgestaltung ab. Komplexität und Kosten steigen meist dann, wenn höhere Bestände aufgebaut, zusätzliche Lieferanten eingeplant oder neue Werkzeuge eingeführt werden. Diese Maßnahmen erhöhen aber auch die Widerstandsfähigkeit.
Es gibt jedoch auch vergleichsweise schlanke Ansätze. Dazu zählen eine engere Zusammenarbeit zwischen Partnern, ein früher Informationsaustausch oder systematische Risikobewertungen für Lieferanten, Regionen und Märkte. Solche Maßnahmen verbessern die Resilienz, ohne zwangsläufig die Kosten deutlich zu erhöhen. Gleichzeitig müssen wir beachten: Die Zahlungsbereitschaft für Resilienz ist nach den Ergebnissen unserer Studien nach wie vor sehr gering.
Bedeutet das auch, dass die viel diskutierte Regionalisierung von Lieferketten eher Wunsch als Wirklichkeit bleibt?
Prof. Martin Schwemmer: Einen gewissen Trend zur Regionalisierung sehen wir durchaus. Allerdings findet diese Entwicklung weiterhin unter dem Dach der Globalisierung statt. Der Grund ist einfach: Regionalisierung ist in der Regel teurer und komplexer als die lange verfolgte Strategie, zentral zu beschaffen, zentral zu steuern und global zu verteilen. Deshalb wird sie nur dort umgesetzt, wo die Vorteile die zusätzlichen Kosten rechtfertigen.
Daten als Schlüssel für produktivere Lieferketten
Ein weiterer großer Transformationstreiber ist die Digitalisierung. Wo sehen Sie heute bereits messbare Effizienzgewinne?
Prof. Martin Schwemmer: Sehr konkrete Beispiele finden sich in der Kommissionierung. Technologien helfen dabei, Suchzeiten und Laufwege deutlich zu verkürzen. Auch Tourenplanung, Lagersteuerung und Netzwerkmanagement können wesentlich effizienter gestaltet werden, wenn die entsprechenden Daten vorliegen. Grundsätzlich entstehen Effizienzpotenziale überall dort, wo große Mengen qualitativ hochwertiger Daten verfügbar sind und Unternehmen diese Daten entlang der Lieferkette austauschen.
Im Einzelhandel beispielsweise erzeugt jedes gescannte Produkt einen wertvollen Datenpunkt. Besonders leistungsfähig werden Versorgungsketten dann, wenn Informationen zu Lieferzeiten oder Verzögerungen transparent geteilt werden. Rund 30 Prozent der Beteiligten in Logistik, Handel und Industrie schätzen ihr Unternehmen bereits als hoch oder sehr hoch digital transformiert ein. Gleichzeitig bleibt Digitalisierung ein Schmerzpunkt. Viele Unternehmen wissen noch nicht genau, welche Schritte sie als Nächstes gehen sollten. Das gilt ähnlich für das Thema Künstliche Intelligenz.
Wenn Sie die Entwicklung der Branche auf einen zentralen Erfolgsfaktor zuspitzen müssten: Welche Weichenstellung müssen Logistikunternehmen jetzt treffen?
Prof. Martin Schwemmer: Die entscheidende Aufgabe ist die Entwicklung hin zu datengetriebenen und datendurchlässigen Prozessen, Organisationen und Versorgungsketten. Logistik darf künftig nicht nur in Paketen, Tonnen oder Stückzahlen gedacht werden. Unternehmen müssen die Daten rund um diese Warenströme beherrschen. Dann werden Digitalisierung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz, Resilienz und auch Nachhaltigkeit deutlich leichter umsetzbar. Wichtig ist dabei ein beidhändiger Ansatz: Innovation sollte das bestehende Geschäft stärken und weiterentwickeln – nicht losgelöst davon stattfinden. Nur so entsteht langfristig erfolgreicher Fortschritt.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Prof. Dr. Martin Schwemmer lehrt Neue Logistik an der Hochschule Heilbronn. Zuvor war er von 2022 bis 2023 Geschäftsführer der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Zudem ist er Mitautor und Mitherausgeber der Studie „Top 100 der Logistik“, die als wichtigstes Branchenbarometer die Entwicklung und wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Logistikmarktes analysiert.


