Juliane Demel vom Architekturbüro Henning Larsen war als Projektleiterin verantwortlich für die Erweiterung der Kunsthalle Würth. Dem PROMAGAZIN verrät sie, worauf es bei dem Projekt besonders ankam, was Kunst und Architektur verbindet und was Prof. Reinhold Würth bei der Umsetzung besonders wichtig war.

Frau Demel, „Kunst und Kultur sind das Atmen der Seele“, hat Prof. Reinhold Würth einmal gesagt. Sind dann die Bauwerke, in denen diese Kunst gezeigt wird, die Lunge, durch die dieser Atem fließt?
Juliane Demel: Das ist ein schönes Bild. Museen sind, ähnlich wie ein Garten, eine Kirche oder die Natur, Orte, an denen man für einen Moment aus dem Alltag heraustreten und aufatmen kann. Kunst kann uns berühren, irritieren, zum Nachdenken bringen oder einfach Ruhe schaffen. Architektur kann diesen Moment unterstützen. Sie gibt der Kunst den Raum, den sie braucht, und schafft gleichzeitig eine Atmosphäre, in der man sich auf sie einlassen kann – durch Licht, Proportionen, Materialien und die Art, wie man sich durch das Gebäude bewegt. Im besten Fall tritt man anders aus dem Museum heraus, als man hineingegangen ist.
Sie sind Projektleiterin für den Erweiterungsbau und die Sanierung der Kunsthalle Würth nach den Plänen von Henning Larsen. Was war Ihnen das Wichtigste bei der Umsetzung dieses Projekts – architektonisch, aber auch persönlich?
Juliane Demel: Ich hatte das besondere Glück, dieses Projekt von Beginn an begleiten zu dürfen. Gerade bei einer so langen Planungs- und Bauzeit – zehn Jahre – ist diese Kontinuität wichtig, damit die ursprüngliche Idee auch durch viele Veränderungen und neue Anforderungen hindurch erhalten bleibt. Bei einem komplexen Projekt gibt es unzählige technische und pragmatische Anforderungen. Sie sind notwendig, dürfen aber den Entwurf und seine ursprüngliche Haltung nicht überlagern.
Und natürlich entsteht ein Projekt dieser Größe niemals durch eine einzelne Person. Erst das Zusammenspiel eines großen Teams macht aus einem Entwurf tatsächlich Architektur. Vielleicht ist das auch das Schönste an diesem Beruf: Am Anfang steht etwas sehr Abstraktes – eine Zeichnung, ein Gedanke. Viele Jahre später steht man an genau diesem Ort und kann ihn tatsächlich erleben. Zwischen diesen beiden Momenten liegt unglaublich viel Arbeit, aber auch sehr viel gemeinsames Denken und Gestalten.
Architektur, die zum Wiederkommen einlädt
Sehen Sie in Ihrer Arbeit auch ein bisschen „Kunst-Stück“ und Kulturförderung für die Region?
Juliane Demel: Architektur und Kunst sind für mich zunächst einmal zwei unterschiedliche Dinge. Architektur schafft den Raum, in dem Kunst stattfinden und erlebt werden kann. Und gerade das ist ein Beitrag zur Kultur. Die Lage der Kunsthalle mitten in Schwäbisch Hall finde ich dabei besonders wichtig. Kunst und Kultur sind Teil der Stadt und damit nah und zugänglich für ganz unterschiedliche Menschen.
Das kann helfen, die Distanz zur Kunst kleiner zu machen. Wir wollten deshalb keinen reinen „Guggenheim-Effekt“ schaffen – ein spektakuläres Gebäude, das man einmal besucht, um es gesehen zu haben. Viel wichtiger ist, dass die Türen offenstehen und man immer wieder zurückkommen möchte. Wenn ein Museum so selbstverständlich Teil einer Stadt wird, wird Kultur nicht nur angeboten, sondern Teil des Alltags.
Wonach entscheidet sich denn, wann sich Architektur „zurückhalten“ muss und wann sie auffällt?
Juliane Demel: Ich glaube, gute Architektur kennt beides. Entscheidend ist die Hierarchie. Gute Architektur weiß, wann sie leise sein muss. Im Ausstellungsraum sollte sie häufig einen Schritt zurücktreten und der Kunst den Raum geben, der für die Wirkung nötig ist. An anderen Stellen – beim Ankommen, in Übergängen oder dort, wo sich ein besonderer Blick ergibt – darf sie durchaus selbst präsent werden.
Mit welchem Gefühl sollen die Ausstellungsbesucher durch die Räume gehen und die Werke betrachten?
Juliane Demel: Vor allem Neugier. Die Besucher sollen sich eingeladen fühlen auf eine Reise des Entdeckens – von einem Raum zum nächsten, von einem Werk zum nächsten. Gerade der Rundgang durch die unterschiedlichen Geometrien und Raumfolgen von Bestand und Neubau unterstützt dieses Gefühl. Immer wieder entstehen neue Perspektiven, Blickbeziehungen und räumliche Situationen, die dazu einladen, stehen zu bleiben und etwas zu entdecken. Und natürlich darf es auch einfach Freude machen, dort zu sein.
Das „Art Village“ als Verbindung zwischen Kunsthalle und Stadt
Wie lässt es sich architektonisch schaffen, diese Neugier in den Besuchern zu wecken und dennoch jedem Ausstellungsstück einen passenden Rahmen zu geben? Je nach Ausstellung wechseln ja die Werke und die Wirkungen der Räume.
Juliane Demel: Genau darin liegt eine der spannenden Aufgaben eines Museums. Die Räume brauchen eine eigene Identität, dürfen aber nicht so stark festgelegt sein, dass sie nur für eine bestimmte Ausstellung funktionieren. Das erreicht man über gute Proportionen, Licht, Materialität und eine flexible technische Infrastruktur. Gleichzeitig spielt die Abfolge der Räume eine große Rolle: Wo öffnet sich ein Raum, wo entsteht Konzentration, wo gibt es einen Blick nach draußen? Bei der Erweiterung war auch der neue Rundgang wichtig. Besucher sollen sich intuitiv bewegen können, ohne das Gefühl zu haben, einem vorgeschriebenen Parcours folgen zu müssen.
Wichtig war bei diesem Projekt besonders ein Gestaltungselement: das Licht.
Juliane Demel: Henning Larsen wurde nicht ohne Grund als „Master of Light“ bezeichnet. Licht war für ihn ein wesentliches architektonisches Element. Es kann einen Raum prägen und Atmosphäre schaffen. In der neuen Empfangshalle wird dieser Gedanke besonders deutlich: Die markante räumliche Geometrie ist so entwickelt, dass sie das Tageslicht über die Oberlichter aufnimmt und tief in den Raum führt.
Hat sich Neubau mit seinen verschiedenen Giebelformen die Silhouette Schwäbisch Halls zum Vorbild genommen?
Juliane Demel: Der Bestandsbau ist im Stadtbild ein sehr eigenständiger und prägnanter Baukörper. Mit dem Konzept des „Art Village“ verfolgt die Erweiterung bewusst einen anderen städtebaulichen Ansatz und reagiert stärker auf die kleinteilige Struktur der Katharinenvorstadt. Die unterschiedlichen Baukörper und die Dachlandschaft greifen den Maßstab und den Rhythmus der Umgebung auf, ohne historische Architektur zu kopieren. So entsteht eine Verbindung zur Stadt über Proportion, Körnung und die Art, wie sich die Baukörper in den Stadtraum einfügen.
Wenn der Umbau mehr verlangt als neue Räume
Welche Herausforderungen hielt der Umbau bereit, die anfangs vielleicht noch gar nicht sichtbar waren?
Juliane Demel: Die Herausforderung besteht darin, auf neue Anforderungen zu reagieren und gleichzeitig die ursprüngliche architektonische Idee zu bewahren. Bei solchen Projekten ist auch immer die Verbindung von Bestand und Neubau anspruchsvoll. Man baut nicht auf der grünen Wiese, sondern muss vorhandene Strukturen, Höhen, Anschlüsse und technische Systeme zusammenbringen – und das mitten in einem historisch sensiblen Stadtbereich. Dazu kommen die besonderen Anforderungen eines Museums: Klima, Licht, Sicherheit, Brandschutz und Haustechnik. Vieles davon soll später möglichst selbstverständlich wirken.
Hatten Sie Gelegenheit, sich darüber persönlich mit Prof. Reinhold Würth zu unterhalten?
Juliane Demel: Vor allem im Zusammenhang mit der Gestaltung des Gebäudes gab es Gelegenheit, sich mit Herrn Prof. Würth auszutauschen. Beeindruckend war, wie interessiert und engagiert er sich mit dem Projekt auseinandergesetzt hat. Besonders wichtig war ihm die Muschelkalkfassade und ihre Verbindung zum Ort. Der Stein stammt aus einem regionalen Steinbruch und schafft zugleich einen direkten Bezug zum Bestandsgebäude, das ebenfalls mit Muschelkalk gestaltet ist.
Schön zu erleben war, dass er sich auch mit solchen Details beschäftigt und sich dafür einsetzt, dass die Erweiterung diese Verbindung weiterführt. Darin zeigt sich auch ein langfristiger Gedanke von Kulturförderung: Es geht nicht nur darum, Kunst zu sammeln und auszustellen, sondern auch, einen hochwertigen und dauerhaften Ort dafür zu schaffen.
Kunst und Architektur im Zeitalter der KI
Sie haben einmal gesagt, dass es in Zeiten von KI wichtiger denn je ist, „echte“ kulturelle Erfahrungen zu machen, die berühren und verbinden. Was meinen Sie damit?
Juliane Demel: KI ist unglaublich spannend und wird selbstverständlich auch unsere Arbeit verändern. Gleichzeitig erleben wir immer mehr Dinge über Bildschirme und zunehmend auch Inhalte, bei denen gar nicht mehr genau nachvollziehbar ist, wie oder von wem sie entstanden sind. Soziale Medien und digitale Räume verbinden uns zwar auf der einen Seite, können uns aber gleichzeitig auch voneinander entfernen.
Ein tatsächliches Kunstwerk vor sich zu sehen, seine Größe, Oberfläche und Materialität wahrzunehmen und gleichzeitig mit anderen Menschen in einem Raum zu sein, ist etwas völlig anderes. Gerade Architektur ist sehr körperlich. Einen Raum kann man fotografieren oder digital simulieren, aber wie er sich wirklich anfühlt, wie das Licht hineinfällt oder wie groß er ist, erlebt man erst, wenn man tatsächlich dort steht. Deshalb macht die Digitalisierung solche Orte nicht unbedingt unwichtiger. Vielleicht macht sie sie sogar wichtiger.
Was würden Sie jemandem sagen, der nicht besonders kunstaffin ist, um ihn davon zu überzeugen, die Kunsthalle Würth zu besuchen?
Juliane Demel: Man muss Kunst nicht verstehen, bevor man sie erlebt. Manchmal entsteht der Zugang erst durch eine Begegnung – mit einem Raum, einem Bild oder einfach einem Moment, der etwas auslöst. Genau dafür ist hier ein besonderer Ort entstanden. Schon Schwäbisch Hall selbst ist einen Besuch wert. Die Stadt ist wunderschön und hat eine ganz besondere Atmosphäre. Man kann durch die Altstadt schlendern, sich in der Kunsthalle treiben lassen, einen Kaffee oder Aperol in der neuen ‚Tagesbar‘ trinken oder einfach im Museumsshop stöbern. Und vielleicht bleibt man dann irgendwann vor einem Kunstwerk stehen, das einen überrascht, berührt oder irritiert. Vielleicht passiert aber auch gar nichts – und das ist genauso in Ordnung.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Juliane Demel war Projektleiterin für den Erweiterungsbau der Kunsthalle Würth. Sie studierte Architektur an der Technischen Universität Braunschweig. Nach ihrem Studium arbeitete sie in Peking, als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität München und seit 2012 als Architektin bei Henning Larsen in München.
Das Architekturbüro mit Hauptsitz in Kopenhagen entwarf bereits Unternehmenszentralen, moderne Universitäten, Forschungsinstitute und Schulen, kulturelle Wahrzeichen und nachhaltige Stadtquartiere. Dafür beschäftigt es weltweit rund 750 Architekten und Spezialisten.


