„Vom Ego-System zum Öko-System“: Star-Architektin Christine Sohar bei den Heilbronner Architekturgesprächen

Mit Stararchitektin Christine Sohar als Referentin starteten die „Heilbronner Architekturgespräche 2026“. Sie ist Projektleiterin des Rotterdamer Büros MVRDV, das den Masterplan für den IPAI-Campus entworfen hat. Flexibilität, hoher Wiedererkennungswert und menschliche Begegnungsräume prägen den Entwurf.

Christine Sohar
Erinnert fast an Skandinavien: Das Start-up-Haus des Architekturbüros MVRDV unter Projektleitung von Christine Sohar. Foto: IPAI/MVRDV

Weniger „Ich“ und mehr „Wir“ – das klingt fast wie ein Slogan auf einem Wahlplakat. Doch für die Verantwortlichen bei IPAI ist dieses Gebot keine politische Forderung. Auch wenn im Oktober vergangenen Jahres mit Bundeskanzler Friedrich Merz und dem damals amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann Deutschlands und Baden-Württembergs politische Elite eigenhändig beim Spatenstich für das Großprojekt am Steinäcker zur Schippe gegriffen hatte.

Für Tim Schmidt, Head of Corporate Real Estate bei IPAI, und die übrigen Verantwortlichen sind das „Wir“, der Austausch und die Kraft kollaborativen Arbeitens eine grundlegende Philosophie hinter dem „Global Home of Human AI“, wie sich das Heilbronner KI-Innovationscenter nennt. „Vom Ego-System zum Ökosystem, so sagen wir in Präsentationen“, sagt Schmidt.

Christine Sohar war erste Referentin der Heilbronner Architekturgespräche 2026

Doch wie lässt sich diese Botschaft in gelungene Architektur übersetzen? Christine Sohar, Projektleiterin und Star-Architektin vom Rotterdamer Architekturbüro MVRDV hat die richtige Formensprache für Inspiration und Zusammenarbeit gefunden: Sie und ihr Team gewannen mit ihrem kreisrunden Entwurf 2023 den Wettbewerb für den neuen KI-Campus. Umso gespannter lauschten die zahlreichen Gäste im IPAI und daheim an den Bildschirmen ihrem Vortrag bei der hybriden Auftaktveranstaltung für die renommierte Reihe „Heilbronner Architekturgespräche“.

Das Format, zu dem fünf Mal jährlich die Heilbronner Kammergruppe der Architektenkammer Baden-Württemberg, der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten, die IHK Heilbronn-Franken und die Städte Bad Mergentheim, Heilbronn, Neckarsulm und Schwäbisch Hall einladen, hat sich in 30 Jahren zu einem Forum der Baukultur für die Region entwickelt. Umso stolzer waren die Architekten Daniela Branz und Cornelius Krähmer vom Hochbauamt der Stadt Heilbronn als Gastgeber des Abends.

Mit Sohar hatten sie gleich zu Beginn der Reihe eine Referentin gefunden, deren Position in der Branche ähnlich ikonisch ist wie die Entwürfe der Rotterdamer Architekten. Objekte mit Wiedererkennungswert machten das Büro MVRDV bekannt: Die Architekten entwarfen schon den glitzernden Glastunnel der Rotterdamer Markthalle, der längst eine Touristenattraktion ist.

Weltbekannt wurde MVRDV allerdings schon nach der Expo 2000 in Hannover: Der Pavillon der Niederlande, bei dem jede Etage eine andere Facette des Nachbarlands gestalterisch aufgriff, grub sich ins kollektive Gedächtnis der Weltausstellungsbesucher ein.

Innenraum und Außenraum zusammen denken

Sohars Maxime lautet: „In der Architektur ist es wichtig, Innenraum und Außenraum zusammen zu denken. Und zu überlegen, wie man Innenräume innovativer, aber auch sozialer gestalten kann.“ Mit diesem Leitbild ist MVRDV schon mehrfach erfolgreich im Ländle unterwegs gewesen: Das Büro entwarf den Masterplan für das Mannheimer Stadtquartier Franklin auf 144 Quadratmeter ehemaligen Kasernengeländes.

Auch dort wählte das Team eine klare architektonische Sprache: Die vier Hochhäuser sind in Form von Großbuchstaben gebaut, die zusammen das Wort HOME ergeben. Ebenso beim Crystal Rock in Esslingen am Neckar: Auf der Fassade des 14-stöckigen Hochhauses schimmert semitransparent ein Luftbild der Großen Kreisstadt südöstlich von Stuttgart. Und nun der IPAI-Campus.

Die Kreisform des IPAI als „starkes Symbol“

Mit dem Siegerentwurf war das Ziel gesetzt, „einen Weltklasse-Campus zu gestalten, der die Idee hinter IPAI ausdrückt. Kunden wollen Identität widergespiegelt sehen – man verbringt sehr viel Zeit damit, zu definieren, was man gemeinsam erschaffen möchte“, erläuterte Sohar. Die Essenz des Innovationsparks sei genau das, was Schmidt mit „Ökosystem statt Ego-System“ beschrieben hatte: „Euer Kern ist Human Centric, am Menschen orientiert. Es geht um Austausch, und es ist essenziell, genau das in der Architektur wiederzugeben“, umschrieb es Sohar.

„Für uns als Planer war wichtig: Internationalität, Innovation, Start-ups, Forschung, Industrie und Gesellschaft in einem dynamischen Ökosystem vereint sind.“ Der Campus solle mehr sein als ein ikonisches Bauwerk: ein Experimentierfeld für eine besondere Verbindung zwischen Mensch, Technologie und Natur.

Die Kreisform des IPAI ist dabei nach Sohars Worten weit mehr als ein ästhetisches Statement. Sie reduziere zum einen den Flächenverbrauch: „Desto weniger Einzelgebäude man hinstellt, umso weniger Infrastruktur braucht man. Aber auch: umso weniger Fläche wird versiegelt. So können wir Natur erhalten und die Qualität des Campus nochmals stärken.“

Gleichzeitig ist der Kreis für die MVRDV-Projektleiterin ein starkes Symbol – ihre Assoziationen reichten von Stonehenge über den Apple Campus bis zur Platine eines Chips. Der 1,4 Kilometer lange äußere Ring animiert zu Bewegung. Das Innere wird mit einem klaren Raster aus Promenaden, so genannten Pocket Parks als Ruhe-, Spiel- und Plauderzonen, der Piazza als Treffpunkt und Veranstaltungsfläche und naturnahen Grünräumen wie dem Römerpark belebt. Das Areal soll außerdem autofrei bleiben, die nötige Infrastruktur für so weltliche Notwendigkeiten wie Lieferverkehr und Müllabfuhr läuft unterirdisch.

Architektin Sohar setzt auf Flexibilität

„Wir sind mit den ersten vier Gebäuden in der Bauausführung. Da passiert schon richtig viel“, berichtet IPAI-Bauexperte Schmidt. Gestartet wurde mit dem kolossalen Mobility Hub samt Atrium, dem Start-up-Haus, dessen dunkelrote Fassaden und Satteldächer ein wenig nach skandinavischer Hafenromantik aussehen werden, dem Innovation Center, und dem Büro50, wo ein „Wohnzimmer“ über zwei Etagen Büroeinheiten und Unternehmen aus zwei Stockwerken miteinander verbindet. Auch wenn der Masterplan weitgehend umgesetzt wird, werde sich so ein Projekt über die Zeit weiter entwickeln, was dank der gerasterten Kreisform unproblematisch sei, ergänzt Sohar.

Das Leitbild des IPAI, die Rasanz von KI-Entwicklung und die Planung des Campus haben für Schmidt deshalb einen gemeinsamen Nenner: „Wir haben den Charakter des ‚always beta‘, wir haben nie fertig gedacht. Es geht darum, Mut zu haben, um neu zu denken.“ Flexibilität ist für Architektin Sohar nach eigenen Worten ein zentrales Prinzip: Nutzungen sollen sich verändern , Büroflächen später als Wohnraum genutzt werden können. Auch Nachhaltigkeit spielt im Masterplan eine große Rolle – vom Schwammstadt-Prinzip mit Retentionsdächern über Zisternen für Grauwassernutzung und Sickermulden bis zu begrünten Fassaden.

Auch Heilbronns Baubürgermeister Andreas Ringle, der seinerzeit zu den Juroren der Ausschreibung gehört hatte, war unter den Zuhörern. Was für ihn den Ausschlag für Sohars kreisrunden Campus gab? „Es war wichtig, ein Projekt zu haben, das aussagt: Hier bin ich mitten drin im innersten Kreis der KI-Entwicklung.“

Natalie Kotowski


Weitere Architekturgespräche

  • Mittwoch, 22. April, 19 Uhr: Stephan Lenzen (RMPSL, Bonn); Kurhaus Bad Mergentheim
  • Mittwoch, 17. Juni, 19 Uhr: Mathias Heinz, Marcel Jäggi (Pool Ar-chitekten, Zürich); Franz-Binder-Ver-bundschule, Neckarsulm
  • Mittwoch, 28. Oktober, 19 Uhr: Julian Weyer (C.F. Møller Architects, Aarhus/Berlin); Innovationsfabrik 2.0, Heilbronn
  • Mittwoch, 25. November, 19 Uhr: Jonas Janke (b+ Prototypen GmbH, Berlin); Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall

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