Trotz Krisen innovativ: Studienautor Dr. Gero Stenke erklärt, weshalb Ideen in Heilbronn-Franken besonders gut gedeihen

Die Unternehmenskultur ist ausschlaggebend dafür, mit wie viel Mut Neuentwicklungen vorangetrieben werden. Welches Klima den Tüftlergeist fördert, hat Dr. Gero Stenke vom Deutschen Stifterverband in einer Umfrage herausgefunden –  und viele Unternehmen in Heilbronn-Franken schaffen genau diese Wachstumsbedingungen.

Dr. Gero Stenke
Dr. Gero Stenke befragte für seine Studie mittelständische Unternehmen. Foto: SV Wissenschaftsstatistik gGmbH

Kultur – das klingt für die meisten nach Kreativität. Nach Kompositionen, Kunst und Komödie. Wachstum lässt sich mit dem Wort auch assoziieren, man denke an Erdbeerkulturen, die in Folientunneln reifen. Innovationen in Unternehmen verbinden beide Kultur-Begriffe: Um Neues zu erschaffen, braucht es Einfallsreichtum – und im besten Fall wachsen Umsatz, Effizienz und wirtschaftliche Stärke.

Wie sehr Innovation und Unternehmenskultur bei Familienunternehmen und extern geführten Firmen zusammenhängen, hat Dr. Gero Stenke untersucht. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Leiter und Geschäftsführer der Wissenschaftsstatistik gGmbH, die zum Deutschen Stifterverband gehört. Für seine Studie „It‘s the Culture, stupid!“ kooperierte er mit der Bertelsmann-Stiftung. Gemeinsam mit Armando Garcia Schmidt, Senior Expert für Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft bei der Bertelsmann-Stiftung,  befragte Stenke in Tiefeninterviews mittelständische Unternehmen zu ihrer Unternehmens- und insbesondere Innovationskultur.

Dr. Gero Stenke: „Ohne Vertrauen keine Innovation“

Fast alle Teilnehmer stammen aus den Branchen Maschinenbau, Automotive, Pharma- und Biotechnologie und IT – die in Heilbronn-Franken traditionell stark sind. Das Ergebnis der Interviews und seiner weiteren Forschung formuliert Stenke auf den Punkt: „Ohne Vertrauen keine Innovation“ – das gilt offenbar für alle Unternehmensformen. „Ohne zugleich soziale und technische Fähigkeiten  im Umgang mit Netzwerken und Partnern – innerhalb der Unternehmen und nach außen –, wird nichts funktionieren“, ist er überzeugt.

Die gute Nachricht: Die Unternehmen sind sich dessen bewusst. Fast alle Studienteilnehmer betonen Werte und Normen: Etwa ein respektvolles Miteinander, Agilität statt Routinen, Regeln und Risikovermeidung. Offenheit für Veränderungen, Ideen und Kreativität. Dazu zählt für fast alle Befragten auch, mit Fehlern konstruktiv umzugehen. Wichtig ist den Unternehmern auch transparente Kommunikation und Feedback. Klar definierte Verantwortlichkeiten sind den Befragten ebenfalls wichtig – wobei laut der Teilnehmer die Führungsebene vielfach eng eingebunden war.

Zwar betont Stenke: „Die eine, für alle passende Unternehmenskultur gibt es nicht.“ Der breite Konsens über innovationsfördernde Faktoren überraschte den Studienautor dennoch: „Ich hätte erwartet, dass es zumindest einzelne Unternehmen gibt, die sagen: Bei uns muss richtig durchgezogen werden, muss klar geführt werden – gerade in diesen etwas schwierigen, technologisch komplexen Zeiten.“

Krisen setzen der Innovativität vielerorts zu

Denn zuletzt schienen die Krisen der Vergangenheit und Gegenwart dem Mittelstand zuzusetzen und den Erfindergeist tatsächlich zu lähmen. Um Innovationskraft ist es seit 2019 immer schlechter bestellt, wie die Studie zeigt: „Die Forschungsproduktivität hat nachgelassen, insbesondere in der jüngeren Vergangenheit“, heißt es dort. Der Anteil an Unternehmen, die innerhalb von drei Jahren zumindest eine Produkt- oder Prozessinnovation eingeführt hätten, sei im Zeitverlauf erheblich zurückgegangen.

Sind Deutschlands Vordenker innovationsmüde? In Heilbronn-Franken jedenfalls nicht, sagt Stenke: „Die Region hat bestmögliche Entwicklungsbedingungen.“ Die Verbindung zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement, einer vielfältigen Forschungs- und Hochschullandschaft und einem starken Unternehmenssektor mit vielen Weltmarktführern in verschiedensten Technologiesegmenten  –  ganz aktuell beispielsweise KI – sei „ein gutes Saatbeet für eine zukünftige Entwicklung“, ist der Wirtschaftswissenschaftler überzeugt. In anderen Teilen des Landes sehe es in punkto Innovativität deutlich schlechter aus.

Heilbronn-Franken weiterhin eine innovative Region

Doch woran liegt es, dass zwischen Neckar und Tauber Innovationen gedeihen wie Erdbeerpflänzchen unter Folie? Für saisonale Früchte wie für Unternehmen gilt: Gutes Klima fördert Wachstum. Heilbronn-Frankens Arbeitgeber kultivieren vertrauensvolle Zusammenarbeit. Zum Beispiel R. Stahl. Seit knapp einem Jahrhundert entwickelt das Waldenburger Unternehmen Sicherheitstechnik für explosionsgefährdete Bereiche.

Doch nicht nur betriebliche, sondern auch psychologische Sicherheit für innovative Mitarbeiter ist nach den Worten von Tobias Popp, Chief Commercial Officer (CCO) wichtig: „Wir fördern eine offene, funktionsübergreifende Kommunikation. Das ist entscheidend für ein innovationsfreudiges Klima. Dabei achten wir darauf, unsere Ziele nicht zu verwässern. Und ganz wichtig ist eine offene Fehlerkultur, denn aus den weniger erfolgreichen Themen lernt man schnell und sehr nachhaltig“, betont Popp.

Stenke begrüßt diese Einstellung: „Bei Fehlern kann ein Unternehmen zu der Haltung neigen, einzelne Personen verantwortlich zu machen – um zu vermeiden, dass strukturelle Ineffizienzen offengelegt, Prozesse hinterfragt werden, vielleicht ein ganzes Team in Misskredit gerät. Oder es wird nachqualifiziert, es werden Strukturen verändert oder mehr Ressourcen aktiviert.“

Das sei zwar aufwendiger, im Zweifelsfall auch teurer, „aber unbedingt notwendig“, ist der Studienleiter überzeugt. Denn „hoch innovative Unternehmen betonen die hohe Eigenverantwortung und das Vertrauen in die Beschäftigten, was als maßgeblicher Motivationsfaktor angesehen wird“, heißt es in der Studie.

„Innovative Ideen entstehen bei uns im täglichen Geschäft“

Ein Musterbeispiel dafür, wie Innovationen aus intrinsischer Motivation entstehen, liefert die IFC Intelligent Feeding Components GmbH. Der Spezialist für automatisierte Zuführtechnik und 3D-Druck mit Sitz in Oedheim liefert unter anderem kamerabasierte Montage-, Sortier- und Zuführsysteme für die Automobil- und Zulieferindustrie, für Elektro-, Metall- und Kunststoffverarbeitung sowie die Pharmabranche.

„Innovative Ideen entstehen bei uns im täglichen Geschäft und werden sofort aufgegriffen“, sagt Andreas Schirmer, Inhaber und Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens. „Wenn ein Mitarbeiter direkt bei der Montage eine Idee hat, wird diese sofort aufgenommen und wenn möglich direkt umgesetzt.“

Oft entstünden dabei spontan Vorschläge. Zum Beispiel, Baugruppen oder Funktionseinheiten, die aus vielen Einzelteilen bestehen, additiv und damit wesentlich zeit- und kosteneffizienter zu fertigen, erläutert der Diplom-Ingenieur.

Kooperation und Austausch als Voraussetzungen für Innovation

Solche kurzen Wege und inkrementellen, fortlaufenden Optimierungen sind allerdings nicht für jedes Unternehmen möglich und sinnvoll. Tecnaro, Technologieführer für Biopolymere aus Ilsfeld, geht erfolgreich einen anderen Weg: „Wir haben eine Forschungs- und -Entwicklungsabteilung (F&E), die für unsere Unternehmensgröße sehr groß ist. Denn Innovationskraft ist eine unserer Daseinsberechtigungen neben der Nachhaltigkeit“, sagt Romy Pfitzer aus der Unternehmensführung.

„Wir haben viele Techniker, Ingenieure und Chemiker, die sich um nichts anderes kümmern, als unsere Werkstoffe in Produkte zu bringen und mit dem Kunden das für ihn passende Material auszusuchen. Wir haben erklärungsbedürftige Produkte – wenn wir Kunden nur ein Granulat und kein System liefern, wäre das zu wenig“, sagt sie.

Die Tochter des Unternehmens-Mitgründers Jürgen Pfitzer weist damit auf einen Punkt, der laut Stenkes Studie sehr wichtig ist – und der ebenfalls mit Vertrauen zu tun hat: Der offene Umgang mit positiven und negativen Rückmeldungen. Romy Pfitzer kann das bestätigen: „Feedback ist entscheidend bei Tecnaro. Von außen, aber auch innerhalb des F&E-Teams beziehungsweise im gesamten Unternehmen.“

Und auch bei IFC setzt man auf Austausch: „Wir fertigen Zuführsysteme, da entstehen neue Ideen nur in Zusammenarbeit mit dem Kunden“, sagt Schirmer. Bei R. Stahl ist es ähnlich: „Wir analysieren den Markt ganz genau und gehen intensiv ins Gespräch mit unseren Kunden. So bekommen wir ein genaues Bild darüber, was der Markt braucht“, sagt CCO Popp. So könne man gezielt Produktentstehung und Aktivitäten fördern, die objektiv ein Differenzierungspotential im Markt ermöglichen.

Familienunternehmen und ihre Innovationskultur

Kooperation und Austausch: das ist für Studienautor Stenke der Dünger, der Innovationskultur in Heilbronn-Franken gedeihen lässt. „Dort ist ein ganz einzigartiges Milieu entstanden, das tatsächlich zu einer Innovationskultur beigetragen hat, die durch eine starke Vernetzung geprägt ist“, sagt er.

Etliche weltmarktführende Mittelständler mit sehr diversifizierten Unternehmensstrukturen, die häufig von Eigentümer oder Gründern gefördert oder geführt seien, trieben Entwicklungen durch Interagieren und Kollaborieren voran. Starke Forschungsorganisationen gebe es genug – Hochschulen, Helmholtz, Fraunhofer. Und: „Durch die Aktivitäten der Schwarz-Stiftung hat die Region einen zusätzlichen Schub bekommen“, stellt Stenke fest.

Denn noch etwas zeigt die Studie: Familienunternehmen unterscheiden sich in der Innovationskultur von Firmen ohne Familienbezug.  „Sie haben häufig eine Vision im Kopf, eine klare Werteorientierung, ein extrem detailgetreues technologisches Know-how.“ Diese Faktoren, verbunden mit starkem persönlichen Engagement, trieben ein Unternehmen massiv voran.

Faktoren für eine größere Innovationsstärke

„Häufig sind Familienunternehmen risikofreudiger. Und die Beschäftigten fühlen oft einen Stolz, eine Kultur, Verbundenheit zu dem eigenen Betrieb“, hat Stenke herausgefunden. „Wichtig ist aber, dass Familienunternehmen sich nicht an diese Vision klammern und damit den offenen und kritischen Blick für Entwicklungen von außen verlieren“, sonst gerieten sie in eine Pfadabhängigkeit: eine Scheuklappenmentalität, die ein Umsteuern oder flexibles Anpassen verhindere. „Das kann ins Verderben führen“, mahnt Stenke.

„Ich bin der festen Überzeugung, und das zeigt sich auch in den Untersuchungen: Offenheit, Vernetzungsaktivität, Investitionen, qualifizierte Mitarbeitende, Transparenz, Wertschätzung, dezentrale Entscheidungsstrukturen – all das trägt zur Innovationsstärke von Unternehmen bei.“

Was noch nötig ist, um irgendwann die Früchte von Forschung und Entwicklung zu ernten?  Stenkes Antwort: „Es braucht aber auch – womit wir den Zirkelschluss zu Innovationen haben – in der Gesellschaft ein bisschen Fantasie und Kreativität, sich die Zukunft auszumalen.“                                      

Natalie Kotowski

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