Der Innovations-Treiber: Tomas Smetana, Chief Technology Officer bei ebm-papst, im Interview

Unter seiner Führung hat ebm-papst 150 Entwicklungsprojekte auf 25 reduziert und die Innovationsstrategie neu ausgerichtet. Der fokussierte Kurs von CTO Prof. Dr.-Ing. Tomas Smetana zeigt Erfolg.

Tomas Smetana
Sven Stipkovic (v.l.n.r.) von der HypoVereinsbank übergab CTO Tomas Smetana und Stefan Bastian, Geschäftsführer ebm papst neo, den Wirtschaftspreis „Schwarzer Löwe“ für das digitale Ökosystem NEXAIRA. Foto: ebm-papst

Herr Prof. Smetana, in einer Keynote forderten Sie German Innovation statt German Angst. Dabei bezogen Sie sich auf den Astronauten Alexander Gerst, der dem PROMAGAZIN in der vorigen Ausgabe ein Interview gegeben hat. Womit hat er Sie inspiriert?

Prof. Dr.-Ing. Tomas Smetana: Ich habe Alexander Gerst aus zwei Gründen zitiert. Erstens, weil er in Künzelsau geboren ist – wir sitzen unweit davon in Mulfingen. Zweiter Grund: Er sagte, Deutschland könne nicht einfach zuschauen, wie andere zu Mars fliegen. Wir müssten mitgestalten. Man gewinnt manchmal den Eindruck, dass Deutschland zu sehr die Zuschauerroller einnimmt.

Wenn Sie als Tscheche, der seit mehr als 25 Jahren in Deutschland lebt, auf das Land schauen: Ist Angst wirklich eine urdeutsche Eigenschaft?

Smetana: Das glaube ich nicht. Im Gegenteil. Für mich war Deutschland immer ein Vorbild. Guttenbergs Buchdruck sorgte für Bildung in Europa. Haber und Bosch entdeckten die Ammoniaksynthese, was die Produktion von Stickstoffdünger revolutionierte, und damit  die wachsende Weltbevölkerung vor Hungersnot rettete. In Deutschland wurde das Automobil erfunden – und ermöglichte damit individuelle Mobilität. Wenn man sich die Geschichte Deutschlands anschaut, waren richtige Knaller dabei.

Deutschland kann wieder Innovations-Vorreiter werden

Wann ist dem Land dieser Geist abhanden gekommen?

Smetana: Deutschland hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert zu sehr auf den Erfolg von gestern verlassen. Aber der Erfolg von gestern ist immer der Feind des Erfolges von morgen. Der Fokus rückte immer mehr auf Erbschaft statt Gründung, auf soziale Sicherheit statt Risikobereitschaft, auf Produktoptimierung statt bahnbrechender Innovationen. Das erstickt Erfindergeist und führt dann zu dieser German Angst. Mein Eindruck ist, dass man sich manchmal zu sehr gegenseitig runterzieht und schlecht redet. Gleichzeitig scheut man sich, Komfortzonen der Vergangenheit zu verlassen.

Ihnen fehlt also in Deutschland der Mut, in Anlehnung an Herrn Gerst, nach den Sternen zu greifen?

Smetana: 2008, in der Finanzkrise, war ich bei Schaeffler für E-Mobilität verantwortlich. Man wird immer in Zeiten der Krise erfinderisch, wir hatten Vieles geplant. 2012 hatte sich der Markt aber erholt. Die Automobilbranche hat wieder Verbrenner produziert – und  all die zukunftsweisenden Innovationthemen ausgebremst. Dann kam Covid-19, und wieder hieß es: Wartet mal ab, das wird sich von allein erholen. Stattdessen kamen die Chinesen mit den innovativen Elektrofahrzeugen. Ich denke, wir brauchen mehr Mut, disruptive Technologien auf dem Markt einzuführen. Wenn wir wegkommen von dieser Optimierung des Bestehenden, kann Deutschland wieder Vorreiter bei Innovationen werden.

Mehr Innovationsprojekte durch stärkere Fokussierung

Deswegen wollten Sie als Chief Technology Officer bei ebm-papst Forschung und Entwicklung konsequent neu denken: Fokussieren statt verzetteln.

Smetana: Typische Traditionsunternehmen hängen an uraltem Kern-Geschäft und verzetteln sich bei Innovationen. Ebm-papst hat sich dagegen konsequent von drei Feldern verabschiedet: Vom Automotive-Sektor für Pkw und von Haushaltsgeräten, das war nicht lukrativ. Die Sparte für Industrie-Antriebstechnik haben wir an Siemens verkauft. So entstehen klarer Fokus und freie Ressourcen für neue wachsende Marktsegmente wie Datenzentren, Reinraumproduktion, oder regenerative Energien.

Unter Ihrer Führung wurde die Zahl der Innovationsprojekte radikal auf aktuell 25 zusammengestrichen.

Smetana: Ich habe 150 Ideen vorgefunden, als ich zu ebm-papst kam. Das lässt sich nicht durchhalten. Also haben wir gemeinsam 25 vielversprechende Ideen ausgewählt, für die ich das Budget verdoppelt habe. Zweimal so viel Geld für ein Sechstel der Projekte – das sorgt für Geschwindigkeit. Auch, weil die Mitarbeiterzahl konstant geblieben ist: Bei mir arbeiten 30 Prozent der Mannschaft von Montag bis Freitag nur an Innovationen. 70 Prozent pushen das Serienbusiness. So gehen, verglichen mit vor zwei Jahren, doppelt so viele Innovationen in Serie.

Erfolgsstrategie für mehr Innovationen

Ist es nicht herausfordernd, fünf Tage die Woche innovativ zu sein? Wie funktioniert das unter Ihrer Regie?

Smetana: Typischerweise schreien Manager in Unternehmen nach Innovationen. Aber dann legen sie keine Ziele fest. Man gibt den Leuten nicht mal Budget. So sterben gute Ideen in den Chefetagen. Wir  haben uns bei ebm-papst für das umgekehrte System entschieden: Wir geben klare Ziele für 25 Innovations-Ideen vor, die Wachstum und Umsatz versprechen. Dann setzen wir Leitplanken für Ressourcen: Was wollen wir bis 2030 erreichen? 45 der 140 Millionen Euro Gesamtbudget für Forschung und Entwicklung stehen für diese Ideen zur Verfügung. Gemeinsam bewerten wir jede einzelne Idee im Team aus Business, Technologie und Einkauf. Außerdem schaffe ich ein Umfeld, in dem die Mitarbeiter diese Innovationen umsetzen können: Großraumbüros, neue Labs, spezielle Prüfstände. Der Rest ist Autonomie. Lasst die Leute machen.

Und das wirkt?

Smetana: Mittlerweile bestellen bei uns so viele Kunden neue Technologien, dass ich wir schon sortieren müssen, weil wir nicht alle Projekte sofort abarbeiten können. Ein anderer Indikator ist für uns die Bestätigung aus Feedbackgesprächen mit Kunden, etwa auf dem Bildungs-Campus-Event Innovation Summit in Heilbronn vergangenes Jahr im November. Und wir haben vergangenes Jahr vier Preise gewonnen. Das ist ein weiterer Indikator, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Prognosen und ihre Grenzen

Mit weniger Projekten könnte das Risiko von Fehleinschätzungen steigen. Lässt sich für Innovationen valide voraussagen, wie sich das Geschäft entwickeln wird?

Smetana: Ich war 2020 auf einer Veranstaltung, dort wurde von namhaften Beratungsunternehmen für drei Themen Wachstum prognostiziert: Wärmepumpen,  Dekarbonisierung und grüner Wasserstoff. Damals war ich noch bei Schaeffler. Hätte ebm-papst nur auf diese Trends gesetzt, wäre das Unternehmen heute pleite. Denn die drei Themen hätte man in Deutschland vorantreiben können, aber die Politik hat sie durch fehlende oder unbedachte Entscheidungen angehalten.

Stattdessen boomt jetzt etwas anderes: Künstliche Intelligenz.

Smetana: Richtig. Das Einzige, was die Experten 2020 nicht prognostiziert haben, war Rechenzentrenwachstum. Kein Mensch hat davon gesprochen, im Gegenteil: Rechenzentren schrieben wegen des CO2-Ausstoßes negative Schlagzeilen. Was ist aber dann 2022 passiert? OpenAI, ChatGPT – die Welt wachte auf, KI wurde zum Hype und plötzlich gab es eine Datacenter-Partystimmung. Daraus habe ich für mich gelernt: Vertraue nicht zu stark auf Prognosen. Das Zukunftsbild wird stark durch Disruptionen geprägt.

„Wir setzen auf ein nachhaltiges Wachstum“

Sie rechnen mit 875 Terawattstunden Energieverbrauch durch Rechenzentren im Jahr 2028, davon ein Viertel für Kühlsysteme. Wie viel Aufwind bekommt Ihre Ventilatoren- und Lüftungstechnik dank dieser Entwicklung?

Smetana: Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht freuen wir uns über diese Datenzentren. Wir werden von dem Boom mitgenommen, denn wir sind Schlüssellieferant für ihre Kühlung. Gleichzeitig macht mir das Thema Sorge, weil dieser enorme Ausbau der Rechenzentren viel Energie benötigt. In den USA diskutiert man den Bau von bis zu 150 Kernkraftwerken. Das ist nichts, was mich als Mensch und als Techniker beruhigt.

Wie gehen Sie bei ebm-papst mit diesen Bedenken um?

Smetana: Wir wollen nicht nur mitschwimmen. Wir fragen uns, wie man diesen enormen Energiebedarf einschränken kann – etwa durch neue Generationen von hocheffizienten Ventilatoren und Pumpen für Liquid Cooling sowie digitalen Lösungen, die den Energiebedarf in Summe beinahe halbieren. Dadurch werden zwar weniger Produkte für Kühlung benötigt, aber der gleichzeitig Bedarf an neuen Kraftwerken reduziert und der CO2-Ausstoß gesenkt.

Sie zerstören sich also wissentlich Ihr eigenes Geschäft?

Smetana: Man kann sich sicherlich zuerst fragen, ob das betriebswirtschaftlich richtig ist. Bei ebm-papst sehen wir das aber anders. Wir können doch nicht mit gutem Gewissen einen Nachhaltigkeitspreis entgegennehmen, und dann einfach nur unbedacht Stückzahlen liefern, koste, was es wolle.

Das klingt sehr idealistisch.

Smetana: Wir setzen auf ein nachhaltiges Wachstum und erschließen dabei komplett neue Geschäftsfelder wie etwa Retrofit, Digitalisierung oder Kreislaufwirtschaft. Und Stückzahlen erreichen wir durch technologische Führerschaft und daraus resultierende hohe Marktanteile, nicht durch kopflose Lieferungen.

Netzwerktreffen und strategische Partnerschaften

Begehen Unternehmen einen Fehler, wenn sie nur auf Stückzahlen und nicht auf Ressourceneffizienz schauen?

Smetana: Ich kenne schwarze Schafe, die glauben, mit Skalierung der herkömmlichen Produkte könne man am meisten verdienen. Das ist kurzsichtig. Ich sage: Leute, bitte nutzt jetzt diese Datenzentren-Party dazu, disruptiv zu innovieren. Gebt Euren Teams komplett neue Aufgaben. Einige Unternehmer tun das, andere nicht.

Wie gehen die Unternehmen in der Region mit dieser vermeintlichen Verlockung um?

Smetana: Wir treffen uns mit etlichen Unternehmen in der Gegend, aus Heilbronn und dem Hohenlohekreis, regelmäßig zum Netzwerken, wie etwa im IPAI in Heilbronn. Dort sind wir alle ähnlicher oder sogar identischer Meinung: Das Thema KI-Rechenzentren bietet die Möglichkeit, sich neu zu positionieren, gegen den Strom zu schwimmen, und neue mutige Ansätze zu wagen.

Aus solchen Netzwerktreffen entstehen auch strategische Partnerschaften. Wie hilft das Unternehmen in Heilbronn-Franken?

Smetana: Neues schneller auf den Markt zu bringen, ist für mich ein wesentliches Argument für Partnerschaften. Man bringt Unternehmer mit verschiedenen Ideen zusammen, daraus erwachsen systemische Ansätze, Querimpulse und Synergien. Das gilt insbesondere für Kooperationen mit Start-ups und Forschungsinstituten. Da hilft die Partnerschaft mit dem IPAI und mit dem Fraunhofer Institut in Heilbronn.

Auch im Thema Retrofit – die Modernisierung der Bestandsanlagen – liegt eine Riesenchance. Man hat zwar neue Datenzentren, aber die alten muss man auch erneuern. Da macht es wenig Sinn, dass jeder Einzelne an die Tür klopft. Besser ist es, wenn sich vier, fünf Keyplayer zu einem Serviceanbieter zusammentun. An solchen Themen sind wir in der Region dran.

„Man kann in unserer Region schnell pragmatische Lösungen finden“

Glauben Sie, dass es in der Region der Weltmarktführer leichter ist, innovative und offene Partner zu finden?

Smetana: Was mir an Heilbronn und generell an Baden-Württemberg gefällt, ist der enge Schulterschluss zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, aber auch kommunaler Politik. Das ist ein Riesenvorteil. Es gibt gemeinsame Veranstaltungen, Politiker sprechen mit uns, unterstützen uns. Partnerschaft heißt nicht nur Zusammenarbeit mit Unternehmern, sondern auch mit der Politik.

Medial klingt es allerdings oft so, als ob Politiker den Unternehmern zu wenig zuhören. Heilbronn-Franken macht da also eine Ausnahme?

Smetana: Wenn ich etwas schnell umsetzen will, kann ich doch nicht jahrelang über Baugenehmigungen sprechen. Hier in der Region ist es so, dass die Bürgermeister von Mulfingen oder Künzelsau sagen: Ruf mich an. Weil sie wollen, dass wir in Ihrem Ort etwas auf die Beine stellen. Das ist, was uns stark macht: Man kann in unserer Region schnell pragmatische Lösungen finden.

Welche Einstellung braucht es, damit diese pragmatische Haltung sich überall durchsetzt?

Smetana: Im Moment sind viele schockstarr, jeder wartet auf den anderen: Die Industrie auf die Bundesregierung, die Bundesregierung darauf, dass sich die Wirtschaft erholt. Mein Appell: Bitte fange bei dir an. Fokussiere auf das, was Du bewirken und verändern kannst und beschäftige Dich nicht mit dem, worauf Du keinen Einfluss hast. Nur zu hoffen, dass ab morgen Strom günstiger wird, ist keine Lösung.

Interview von Natalie Kotowski

Tomas Smetana
Foto: ebm-papst

Zur Person

Tomas Smetana ist seit 2023 Chief Technology Officer bei ebm-papst. Zuvor war der promovierte Maschinenbau-Ingenieur Senior Vice President des Innovationsbereichs der Schaeffler Gruppe.


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