Die Hidden Champions in Heilbronn-Franken schaffen im Verborgenen Weltneuheiten und große Schritte für Kunden und Nutzer – ohne lautstark nach Aufmerksamkeit zu heischen. Drei Beispiele aus der Region für zukunftsweisende Coups ohne viel Getöse.

Bahnbrechend: Das Wort klingt nach Lärm. Nach einem tonnenschweren Fahrzeug, das rumpelnd seine bisherige Spur verlässt und sich kraftvoll einen neuen Weg ebnet. Bahnbrechende Innovationen sind aber meistens nicht laut. Wenn Hidden Champions Weltneuheiten entwickeln, passiert das oft ohne mediales Getöse. Manchmal erkennt nur die Fachwelt, wie groß der Wurf ist, der einem Unternehmen dank kontinuierlicher Forschung, Entwicklung und Vermarktung gelungen ist.
So ist vermutlich nur Wenigen bewusst, dass kein Aufzug bislang ohne so genannte Seltene Erden angetrieben werden konnte. Noch kleiner dürfte der Prozentsatz der Deutschen sein, die wissen, dass Ziehl-Abegg die erste Aufzugsmaschine entwickelt hat, die ohne kritische Rohstoffe wie Neodym und Dysprosium funktioniert. Ihre Magnete arbeiten mit Ferrit statt mit Seltenen Erden aus China.
Die Innovation des Technologieführers Ziehl-Abegg
„Wir haben damit nicht nur ein technologisches Problem gelöst, sondern auch ein strategisches“, konstatiert Joachim Ley, Vorstandsvorsitzender bei Ziehl-Abegg. So begegnet der Künzelsauer Technologieführer für Luft-, Regel- und Antriebstechnik nach eigener Aussage mit seiner Innovation gleich mehreren Herausforderungen: Die kritischen Rohstoffe galten nach Unternehmensangaben lange als unverzichtbar.
Die alternative Antriebstechnik schone Ressourcen bei identisch hoher Leistung und stärkt die technologische Unabhängigkeit gegenüber China, das zuletzt die Exportbedingungen für Seltene Erden massiv verschärft hatte. Der Einsatz von Ferritmagneten könne verhindern, dass Produktionen stillstehen, weil Rohstoffe fehlen. Das neue System ist bereits zum Patent angemeldet. Auf der Messe Interlift in Nürnberg konnte sich das internationale Fachpublikum davon überzeugen, dass leise Innovationen wirken. Die Aufzugsmaschine glänzt nach Leys Worten nämlich darüber hinaus mit hoher Laufruhe.
Der Biokunststoff-Vorreiter Tecnaro mit seiner Weltneuheit
Sprichwörtlich weniger Laufruhe verheißt vermutlich der Coup, der einem anderen Hidden Champion aus Heilbronn-Franken geglückt ist. Der Ilsfelder Biokunststoff-Vorreiter Tecnaro lieferte die grüne Grundlage für den modernsten Kunstrasen-Fußballplatz der Welt. Der „NaKura“, ein Akronym für „Nachhaltiger Kunstrasen“, liegt im Waldstadion des FC Ellwangen, der Heimatstadt von Tecnaro-Mitgeschäftsführer Jürgen Pfitzer.
Sein Unternehmen bot mit dem Biopolymer Arboblend das Material für künftige Siege – im Sport, aber auch im Kampf gegen Mikroplastik. Die verwendeten Kunststoffe und das Einfüllgranulat stammen aus nachwachsenden Rohstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion und sind vollständig biologisch abbaubar, wenn sie vom Sportplatz in die Umgebung gelangen sollten. Ein Leuchtturmprojekt in Sachen Nachhaltigkeit und Biotechnologie nannte Staatssekretärin Sabine Kurz das Projekt anlässlich der Einweihung des neuen Rasens im Rahmen eines Festakts.
Auch diese Weltneuheit war nicht von lautem Rummel begleitet: Die Ehrengäste im Waldstadion – darunter Professor Thorsten Weber von der Deutschen Fußball-Liga – hielten ihre Reden prägnant, aber kurz. Den Anwesenden genügten Bierzeltgarnituren und optimistischer Stolz, um den Meilenstein zu feiern. Dabei hatten viele Akteure an dem Projekt mitgewirkt – von der Universität Stuttgart über weitere Institute bis zu Partnerunternehmen, der Stadt Ellwangen und dem Sportplatzarchitekten Franz-Josef Eger.
Wärmepumpen der Skadec GmbH
Eine im übertragenen Sinne sportliche Leistung lieferte in diesem Jahr auch die Skadec GmbH mit Hauptsitz in Waldenburg/Hohebuch im Hinblick auf Umwelt und CO2-Bilanz: Die Tochtergesellschaft der Kratschmayer-Unternehmensgruppe, ein Hidden Champion in Kälte-, Klima-, Lüftungs- und Heizungstechnik sowie Mess-, Steuer- und Regelungstechnik, zog nach nur einem Jahr Bauzeit in ihr neues Bürogebäude ein und nahm ihre neue Firmenhalle in Betrieb. Zusätzlich eröffnete sie einen zweiten Produktionsstandort in Litauen und gründete eine Vertriebsniederlassung im norwegischen Trondheim.
Vor sieben Jahren brachte Skadec die erste R290-Wärmepumpe auf den Markt. Das Besondere: Sie arbeitet mit dem natürlichen und umweltschonenden Kältemittel Propan. Ein technologischer Paukenschlag, der allerdings für die Ohren des Normalbürgers kaum vernehmbar war. Dabei investiert Skadec bis heute als „Pionier auf dem Gebiet der Heiz- und Kühlanforderungen über 30 Kilowatt“, wie Geschäftsführer Dennis Kratschmayer das Unternehmen bezeichnet, bis zu acht Prozent in Forschung und Entwicklung.
Klimatechnik-Spezialist Skadec expandiert
So geräuscharm, wie die Anlagen laufen, so leise und strategisch expandiert der Klimatechnik-Spezialist: Nachdem man in Europa schnell Fuß gefasst habe, konzentriere sich Skadec nun auf Skandinavien. Im Norden „sehen wir das Thema Nachhaltigkeit noch etwas weiter fortgeschritten als in anderen Teilen Europas“, berichtet Kratschmayer. Weitere europäische Töchter sollen folgen, auch in Kanada und Ozeanien lägen Marktpotenziale.
Denn die Nachfrage, CO2-neutral Kälte und Wärme zu generieren, ist laut Kratschmayer aktuell auf einem sehr hohen Niveau. Auch, weil politische Vorgaben wie CO2-Zertifikate und die Verordnung zur Reduzierung von Treibhausgasen die Sensibilität der Kunden erhöht hätten. Die Skadec-Wärmepumpe sei damals „in Bezug auf kommende Regulierungen von Seiten der Politik ein strategischer Schachzug“ gewesen.
Mit dem Neubau des Firmensitzes bekennt sich Dennis Kratschmayer dennoch klar zum Standort Waldenburg. Die hiesige starke Industrie mit Top-Arbeitsgebern sei attraktiv für motivierte Fachkräfte: „Man merkt, dass die Mitarbeiter für technische Themen brennen.“ Im Sog der Wirtschaftsregion Hohenlohe weiter zu wachsen – das ist das erklärte Ziel des Skadec-Geschäftsführers.
Natalie Kotowski


