Baden-Württemberg setzt auf Innovation, Transformation und gezielte Investitionen in Zukunftstechnologien. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht darin nicht nur eine Antwort auf aktuelle Krisen, sondern auch die Chance, eine Region wie Heilbronn-Franken als Motor für die Wirtschaft von morgen zu stärken.

Die wirtschaftliche Lage stellt Unternehmen und Politik vor große Herausforderungen. Wie begegnet Baden-Württemberg dieser Situation?
Winfried Kretschmann: Der Ukraine-Krieg, die hohen Energiepreise und die aktuelle Zoll-Politik der USA setzen unsere Wirtschaft unter enormen Druck. Gemeinsam mit dem Bund haben die Länder jetzt erste Maßnahmen auf den Weg gebracht, um hier gegenzusteuern.
Reicht das aus, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern?
Kretschmann: Nein, das kann nur der Anfang sein. Produktivität und Wachstum kann man mit Schulden allein nicht kaufen. Ich erwarte von der Bundesregierung mutige, grundlegende Strukturreformen und eine große Modernisierungsoffensive.
Was heißt das konkret?
Kretschmann: Nur mit Innovationen können wir unseren Hightech-Standort erhalten. Das ist auch ein Anliegen der Landesregierung.
Wie kann diese Modernisierung aussehen?
Kretschmann: Mit unserer Förderung für Innovationen in KI, Quanten, Greentech oder der digitalen Infrastruktur haben wir seit 2014 fast 25 Milliarden Euro investiert. Dies ist besonders in der Region Heilbronn-Franken spürbar.
Können Sie Beispiele nennen, wie sich das in der Region konkret zeigt?
Kretschmann: Mit dem IPAI entsteht in Heilbronn gerade ein neues Innovationszentrum für angewandte KI „Made in Baden-Württemberg“. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen ist ein Hot-Spot für hochinnovative Weltraumtechnologien. Und im Hydrogenium werden industrielle Wasserstofftechnologien entwickelt. Natürlich ist Heilbronn-Franken auch ein wichtiger Standort für die Automobilwirtschaft, den das Land bei der Transformation weiter unterstützt.
Wie lässt sich der Spagat zwischen Klimaschutz und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit meistern?
Kretschmann: Der Klimawandel ist längst spürbar. Deshalb besteht für mich nicht der geringste Zweifel daran, dass Klimaneutralität kein Nice-to-have ist. Mein Credo ist, dass wir unsere ökologische Politik auch zu einem ökonomischen Erfolg machen müssen. Nur dann werden wir langfristig erfolgreich sein.
Und wie kann das gelingen?
Kretschmann: Da kommt das Thema Wettbewerbsfähigkeit ins Spiel. Es ist eine sehr gute Nachricht, dass die EU den Weg für einen Industriestrompreis zur Entlastung energieintensiver Unternehmen freigemacht hat. Die Aufgabe der Bundesregierung ist es jetzt, schnell einen gesetzlichen Rahmen für die Ausgestaltung eines solchen Industriestrompreises zu schaffen. Auch das Zukunftsthema Wasserstoff ist gerade im Bereich der energieintensiven Branchen ein wichtiger Baustein, den wir als Land aktiv nutzen wollen.
Sie haben angekündigt, 2026 nicht mehr zur Wahl anzutreten. Was möchten Sie in Ihrer verbleibenden Amtszeit noch bewegen – gerade wirtschaftlich?
Kretschmann: Es bleibt mein Ziel, Baden-Württemberg als starken Wirtschaftsstandort zu erhalten und weiter auszubauen – für die Menschen, die hier leben und arbeiten. Man muss sehen, dass in der Wirtschaft am Ende fast alles an unserer Innovationskraft hängt. Deshalb liegt mein Fokus darauf, Innovationen in allen Branchen voranzutreiben und hier zu halten.
Von welchen Branchen sprechen Sie?
Kretschmann: Das betrifft Bereiche wie Künstliche Intelligenz, Robotik, Halbleiter, Gesundheitswirtschaft, Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau, Green Tech, aber auch die Luft- und Raumfahrt.
Ein wichtiger Punkt ist dabei die Ansiedlung bedeutender Unternehmen und Institutionen in der Region, oder?
Kretschmann: Ja. Dafür setze ich mich persönlich ein – wie zum Beispiel bei Imec, dem weltweit führenden Chip-Forschungszentrum, das wir nach Heilbronn geholt haben. Da ist uns ein echter Coup gelungen. Außerdem möchte ich, dass Baden-Württemberg seinen Beitrag dazu leistet, die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zu stärken. Da haben wir bereits einige hochspezialisierte Unternehmen und eine breite Forschungslandschaft.
Wenn Sie 25 Jahre in die Zukunft blicken – was wünschen Sie der Region Heilbronn-Franken?
Kretschmann: Ich wünsche der Region Heilbronn-Franken eine erfolgreiche und zukunftsfähige Wirtschaft mit starken und wegweisenden Innovationen. Die Region setzt ja schon gezielt auf Zukunftstechnologien. Daher bin ich zuversichtlich, dass Heilbronn-Franken einmal ein führender Akteur für Künstliche Intelligenz „Made in Europe“ sein wird. Ich kann mir auch vorstellen, dass Satelliten mit Raketen aus Heilbronn-Franken mit nachhaltigen Treibstoffen – zum Beispiel Paraffin – ins All geschossen werden. Ich hoffe auf viele weitere hochinnovative Startups für die Region und wünsche mir, dass diese zum erfolgreichen Mittelstand und zu „Hidden Champions“ von morgen werden. Und natürlich würde ich mich über weitere visionäre Stifter und Förderer freuen, die bereit sind, aus Verbundenheit zur Region in die Zukunft des Landes zu investieren.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Winfried Kretschmann, Jahrgang 1948, ist seit 2011 der erste grüne Regierungschef in Baden-Württemberg. Seine Liebe zur Natur brachte den früheren Biologielehrer zu den Grünen. Er ist seit 1975 mit seiner Frau Gerlinde verheiratet. Das Paar hat drei erwachsene Kinder.

