„Die Deindustrialisierung kann aufhaltbar sein“: Dr. Christian Kühne über Innovationskraft und Produktionserhalt

Vorausschauende Planung und Effizienzstrategien statt vager „Wetten auf die Zukunft“, das ist das Credo von Dr. Christian Kühne. Der Leiter des ThinkTanks Industrielle Ressourcenstrategien und Initiator des Umwelttechnikpreises Baden-Württemberg sieht Heilbronn-Franken dank seiner Innovationskraft gut aufgestellt.

Deindustrialisierung
Dr. Christian Kühne befasst sich seit Jahren mit dem Thema Effizienz. Foto: ThinkTank Industrielle Ressourcenstrategien

Herr Dr. Kühne, wie steht es um den Industriestandort Deutschland?

Dr. Christian Kühne: Tatsächlich sind nach meiner Einschätzung die Herausforderungen erheblich höher als in der Vergangenheit. Die Krise, die wir aktuell in der Industrie haben, ist größer, als wir sie je hatten. Das ist nicht übertrieben. Und diese Entwicklung zu ignorieren, halte ich fast für das Schlimmste, was wir tun können. Vor fünf Jahren habe ich im Bundesumweltministerium schon gesagt: die Deindustrialisierung läuft. Diese fünf Jahre sind nun vergangen, und man liest jeden Tag in der Zeitung, was passiert.

Wie tief hängt das Damoklesschwert der Deindustrialisierung über dem Land und der Region Heilbronn-Franken?

Kühne: Deutschland ist eine der wenigen Nationen weltweit mit einem so hohen Industrieanteil. Der liegt hier mit gut 20 Prozent um mehr als das Doppelte höher als in England, Frankreich oder auch den USA. Für Baden-Württemberg sprechen wir über das Dreifache. Heilbronn-Franken toppt Baden-Württembergs ohnehin hohen industriellen Produktionsanteil noch einmal mit den vielen Unternehmen im Maschinen- und Kraftfahrzeugbau, Zulieferern, Metallbau und in der Elektrotechnik.  Dieser hohe Anteil war immer unser Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Industrienationen. Nur China hat vergleichbar viel Industrie.

Ist Heilbronn-Franken sozusagen das China von morgen?

Kühne (lacht): Jetzt kommt meine Skepsis durch. Die Region war vielleicht gestern das China. Dass sie das auch für das Morgen schafft, ist die Herausforderung, an der ich im ThinkTank arbeite. Wir müssen unsere Stärken und die der Region kennen. Aus meiner Sicht steht ganz vorn Innovation. Sie ist das Allerwichtigste. Und der Erhalt von Produktion. Aus meiner Sicht haben wir in der Region dafür aber positive Beispiele.

Der Umwelttechnikpreis Baden-Württemberg

Sie sind selbst mit gutem Beispiel vorangegangen – als Erfinder aus dem Ländle: Sie haben sich 2009 im Ministerium den Umwelttechnikpreis Baden-Württemberg ausgedacht und sind auch Juror.

Kühne: Es gibt unwahrscheinlich viele Greentech-Preise. Und obwohl ich im Umweltministerium war, wollte ich, dass solche Auszeichnungen aus der Öko-Nische herauskommen. Wir brauchen Auszeichnungen, bei denen hohe Qualität und Industriemerkmale im Vordergrund stehen. Dass sie grün sind, ist eine Beigabe – aber kein alleiniger Grund, dass etwas ausgezeichnet ist. Die Produkte der prämierten baden-württembergischen Unternehmen tragen nicht das Label grün, weil es sich um Jutetaschen handelt, sondern weil der Endkunde einen spürbaren Energie- und Materialeffizienzvorteil hat und das Produkt im Vergleich zu anderen besser als der Standard ist.

Dank des Umwelttechnikpreises kennen Sie vermutlich viele Beispiele für die Innovationsstärke Heilbronn-Frankens.

Kühne: Ja, daran sieht man, was die Region leistet. Etwa ebm-papst mit seinem kompletten, ressourceneffizienten System, das sich nicht nur auf Produktion bezieht, sondern in dem auch KI eine Rolle spielt. Dieser Bereich ist ein Beispiel, in dem wir auch in Zukunft Industriestärke haben werden.

„Erfolg hat, wer hohe Innovation mit nachhaltigen Produkten kombiniert“

Bedeutet das, dass sich  die Region sozusagen nachhaltig aus einer schwierigen Situation befreit?

Kühne: Ich bin kein großer Fan des Wortes Nachhaltigkeit, das findet sich kaum in meinen ThinkTank-Publikationen. Für mich ist Nachhaltigkeit Mittel zum Zweck. Wir können ökologische Fragen zwar in den Vordergrund stellen. Wenn der Weltmarkt aber nicht darauf reagiert, werden wir keine Produkte mehr verkaufen. Also müssen wir erstmal sehr gute Produkte herstellen, die der Markt braucht, und die grüne Eigenschaften haben – und nicht umgekehrt. Meiner Meinung nach haben große Unternehmen, Gesellschaft und Politik diese Priorität in den vergangenen zehn Jahren ein bisschen aus den Augen verloren. Gleichwohl haben wir in der Region zahlreiche Firmen, die Kunden im Bereich der Effizienz einen Nutzen bringen.

Haben Sie dafür weitere Beispiele?

Kühne: Ein weiterer Träger des Umwelttechnikpreises war zum Beispiel der Verpackungsmaschinenbauer Illig aus Heilbronn, der seine Technik auf umweltfreundliche, zellulosebasierte Verpackung umgestellt hat.  Und all diese Preisträger sind ja nur die Spitze. Nominierte gibt es viel mehr, und davon stammten in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Firmen aus Heilbronn-Franken. Regelmäßig war Würth Elektronik aus Waldenburg dabei, außerdem Würth Umwelttechnik in Wertheim, Roto Frank aus Bad Mergentheim, Sentec aus Heilbronn – wir haben eine ganze Reihe, die überdurchschnittlich gute Produkte anbieten. Man kann sagen: Erfolg hat, wer hohe Innovation mit nachhaltigen Produkten kombiniert.

Also doch gute Nachrichten für den Industriestandort Heilbronn-Franken?

Kühne: Der Trend beim Umwelttechnikpreis ist jedenfalls deutlich positiv – es werden immer mehr Unternehmen aus der Region, die es in die Auswahl schaffen. 2025 waren sogar mehr dabei als je zuvor. Die eigentliche gute Nachricht: Ich rechne alle diese Firmen Sektoren zu, die künftig extrem relevant sind.

„Wetten auf die Zukunft“

An welchen Stellen muss aus Ihrer Sicht etwas passieren, damit es auch in den kommenden Jahren gute Nachrichten gibt?

Kühne: Automobilbau, Zulieferbranche, Elektronik – das sind hart umkämpfte Märkte. Dort sieht man, wie schwer es ist, Anforderungen vorauszuahnen und Forschung & Entwicklung schon ein paar Jahre vorher in die richtige Richtung anzupassen. Das hat in den letzten Jahrzehnten in Deutschland aus meiner Sicht besser geklappt als aktuell.

Woran liegt das?

Kühne: Es ist ein gesellschaftlicher Druck auf Unternehmen entstanden, sich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Diese Richtung entspricht aber nicht dem, was in der Welt gerade passiert. Das lässt sich zeitlich versetzt beobachten: Wenn man Dinge zu früh tut, etwa in der Wasserstoffindustrie oder bei grünem Stahl, ist das sehr kostenintensiv. Gleichzeitig ist der Markt noch gar nicht vorhanden.  Und ob dieser Markt entsteht, muss sich erst zeigen – das sind Wetten auf die Zukunft.

Damit diese „Wetten auf die Zukunft“ etwas berechenbarer sind, haben Sie 2019 den ThinkTank Industrielle Ressourcenstrategien gegründet, dessen Geschäftsführer Sie sind. Als Wegweiser für Politik und Industrie haben Sie viele Themen untersucht – darunter Ressourceneffizienz für klimaneutrale, globale Wertschöpfungsketten, Digitalisierung, resiliente Rohstoffversorgung. Wo liegt der größte Hebel?

Kühne: Das Kernthema, weshalb der ThinkTank gegründet wurde: Ressourcen. Unternehmen sind, gerade in Heilbronn-Franken, von Material abhängig – anders als Dienstleister. Alle produzierenden Unternehmen in Heilbronn-Franken sollten einen Blick darauf werfen, welche teils sehr spezifischen Ressourcen und Rohstoffe für sie existenziell sind.

Die Bedeutung von Rohstoffstrategien

Was raten Sie als Leiter des ThinkTanks Unternehmen, um resilienter zu werden?

Kühne: Metallindustrie und Maschinenbau brauchen kritische und strategische Rohstoffe. In der Elektroindustrie kommen noch Seltene Erden verschiedenster Art dazu. Die Voraussetzung für die Industrie ist, dass diese Rohstofflieferketten stabil sind.

Wie lässt sich das sicherstellen, noch dazu für einzelne Unternehmen?

Kühne: Unternehmen sollten sich fragen: Wie sieht überhaupt unsere Rohstoffstrategie aus? Wie stark beschäftigen wir uns damit? Im ThinkTank haben wir mehrere Strategieansätze entwickelt, die sich sowohl an die Politik als auch an die Unternehmen richten.

Erstens: Stärkung der Kreislaufwirtschaft von wirtschaftsstrategischen Rohstoffen. Zweitens: Diversifizierung der Lieferketten. Drittens: Nutzung deutscher und europäischer Rohstoffvorkommen. Dafür muss man aber gesellschaftliche Akzeptanz schaffen und klarmachen, dass man Wohlstand nur hält, wenn man diesen Weg geht.

Viertens: Verkürzung von Genehmigungsverfahren, denn die dauern derzeit zehn bis 15 Jahre. Und der Aufbau strategischer Reserven. Wir haben aktuell nur Öl, Gas und Gold. Andere Staaten haben längst strategische Metalle gelagert. Und zuletzt die Befähigung von Unternehmen, selbst Rohstoffsicherung zu betreiben und sich nicht auf den Markt zu verlassen.

Welche dieser strategischen Schritte sollen und können Unternehmen aus Ihrer Sicht realistischerweise umsetzen?

Kühne: Es gibt überschaubare Handlungsbereiche, die Unternehmen anpassen können, zum Beispiel die Diversifizierung der Lieferketten. Das können große Weltmarktführer natürlich besser. Unternehmen können strategische Reserven poolen oder auf die Politik einwirken, dass die Regierung strategische Reserven für diese Unternehmen anlegt. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Kreislaufwirtschaft für diese Rohstoffe zu stärken. Dazu kommt: Ich kann als Unternehmer schon viel erreichen, wenn ich Material reduziere oder substituiere. Das alles fällt unter den großen Themenkomplex Materialeffizienz.

Letzteres tut Ziehl-Abegg mit seinem neuen Aufzugssystem, das statt Seltener Erden Ferrit einsetzt.

Kühne: Das Beispiel kenne ich gut, eine vorbildliche Strategie. Wo nicht substituiert werden kann, kann vielleicht reduziert werden. Man könnte auch den Einsatz von Seltenen Erden um 80 Prozent reduzieren, indem man etwa nur sehr dünne Schichten aufbringt. Diese Wege gehen Unternehmen aber erst, wenn es so teuer wird, dass es weh tut. Am besten optimiert man das Produkt oder den Prozess von vorneherein so, dass weniger Energie und Material aufgewendet werden müssen.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Bemühen sich viele regionale Unternehmen um Materialeffizienz?

Kühne: Bevor ich den ThinkTank gründete, hatte ich eine Intitiative gestartet: 100 Betriebe für Ressourceneffizienz, deren Ergebnisse ich in Büchern publiziert habe. Die teilnehmenden Unternehmen mussten sehr genau berichten, was sie einsparen, den Return on Investment (ROI), die Kosten. Da waren Audi in Neckarsulm und Würth dabei, Franz Binder, die Schwarz Gruppe. Die waren beispielgebend.

Für KMU dürften solche Strategien aber herausfordernd sein.

Kühne: Für kleine Unternehmen haben wir ein KI-Tool entwickelt, damit sie überhaupt wissen, ob und wieviel kritische Rohstoffe in ihren Produkten und damit in ihren Lieferketten stecken. Wir haben bereits erreicht, dass sich Unternehmen verstärkt auf die veränderte Situation einstellen, und unterstützen sie dabei.

Vorausgesetzt, Unternehmen setzen eine Effiziensstrategie um: Wäre das ein Silberstreif am Horizont?

Kühne: Die Deindustrialisierung kann aufhaltbar sein. Aber je länger man sie ignoriert, desto schwieriger wird es. Wichtig ist, hinzusehen, was in den nächsten drei bis fünf Jahren passieren kann. Ein Trend sind Digitalisierung und KI. Wer das als Unternehmer nicht in die Systeme einbaut und mitdenkt, wird größte Schwierigkeiten haben. Denn Innovationen sind direkt daran gekoppelt. Und die sind wiederum gekoppelt an maximale Ressourcen- und Energieeffizienz.

Interview von Natalie Kotowski


Zur Person

Dr. Christian Kühne leitet seit 2019 den ThinkTank Industrielle Ressourcenstrategien und ist Gastdozent an der Universität Zürich. Zuvor war er im Umweltministerium des Landes für Umwelttechnik und Ressourceneffizienz zuständig.


Mehr zum Thema

Prof. Dr. Tettenborn

„Die jetzige Zeit ist ein Impuls, sich neu auszurichten“: Prof. Dr. Martin Tettenborn über Bilanzen, Bildung und Wandel

Prof. Dr. Martin Tettenborn ist Experte für Gewinne – sei es als Bilanzpolitik-Experte der Hochschule Heilbronn oder als Geschäftsführer des …
Weltneuheiten

Die Macht der leisen Innovations-Champions: Wie Heilbronn-Frankens Unternehmen Weltneuheiten ohne Coups landen

Die Hidden Champions in Heilbronn-Franken schaffen im Verborgenen Weltneuheiten und große Schritte für Kunden und Nutzer – ohne lautstark nach …
Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Interview

Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Interview: „Alles hängt von unserer Innovationskraft ab“

Baden-Württemberg setzt auf Innovation, Transformation und gezielte Investitionen in Zukunftstechnologien. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht darin nicht nur eine Antwort auf …