Prof. Dr. Martin Tettenborn ist Experte für Gewinne – sei es als Bilanzpolitik-Experte der Hochschule Heilbronn oder als Geschäftsführer des Heilbronner Instituts für Lebenslanges Lernen (HILL). Er weiß, worin ein Vermögen der regionalen Unternehmen liegt, das Zahlenkosmetik überflüssig macht: in qualifizierten Mitarbeitern.

Herr Prof. Dr. Tettenborn, könnte man sagen, bei Ihnen geht es beruflich in jeder Hinsicht um Kapital und Gewinne? Denn Sie sind sowohl Experte für Unternehmensbilanzen als auch für das immaterielle Vermögen Bildung. Sehen Sie Parallelelen?
Prof. Dr. Martin Tettenborn: Ja, beides hat etwas mit Informationsvermittlung zu tun. Das Thema Bilanzpolitik ist die Gestaltung von Information, um Adressaten zu beeinflussen: die Lage eines Unternehmens schöner oder schlechter darzustellen, damit Firmen Aktien kaufen oder verkaufen, investieren oder Lieferantenbeziehungen aufrechterhalten können. Das Thema Weiterbildung hat naturgemäß auch mit Information zu tun – mit Wissensvermittlung.
Ist beides ein valider Indikator für die Lage und Stimmung in Unternehmen?
Tettenborn: Ja. Aktuell haben wir auf der einen Seite den massiven Bedarf, Menschen weiterzuentwickeln. Und auf der anderen Seite sehen wir die seit drei Jahren abkühlende Wirtschaft. Wir beobachten aber eine wachsende Nachfrage nach Zertifikatskursen. Daran merkt man eine gewisse Unsicherheit.
Inwiefern?
Tettenborn: Das Studium ist ein großes Investment. Da starten die Interessenten lieber mit einem Zertifikatskurs, der vom Europäischen Strukturfonds gefördert wird, und lassen ihn sich im folgenden Semester anrechnen, wenn sie richtig ins Studium einsteigen. Die Eintrittsbarriere ist so deutlich niedriger.
Weiterbildung und die Risiken der Bilanzpolitik
Der entscheidende Unterschied zwischen Bilanzpolitik und Wissenserwerb dürfte sein, dass sich Weiterbildung in disruptiven Zeiten positiv auf den Einzelnen und das Unternehmen auswirkt. Hübsche Bilanzpolitik kann hingegen Risiken bergen.
Tettenborn: Ja. Das Ziel der Rechnungslegung – also der Vorgang, Bilanzen zu erstellen – ist die Selbstinformation des Kaufmanns. Eigentlich sollte er alles dafür tun, ein den Tatsachen entsprechendes Bild der Vermögens- und Ertragslage zu zeichnen, aus ureigenstem Interesse. Aber mit juristischen Personen ist es vermutlich nicht anders als mit natürlichen Personen: Man belügt sich manchmal gern selbst. Wenn man zugeben muss, dass ein früher akquiriertes Unternehmen doch nicht so ertragreich ist, vermittelt man, dass man eine Fehlinvestition getätigt hat. So ein Eingeständnis macht ein bestehendes Management typischerweise nicht so gern. Das wird dann meist den Nachfolgern überlassen.
Sie kommen mit vielen Unternehmen aus der Region in Kontakt – wie oft begegnen Ihnen Fälle, wo Bilanzkosmetik dem Unternehmen schaden könnte?
Tettenborn: Sich selbst zu belügen, ist in der nach wie vor prosperierenden Region nicht allzu stark nötig. Wir haben hier viele mittelständisch geprägte Unternehmen, die teilweise noch eigentümergeführt sind und in denen Tradition und Mitarbeiterverbundenheit noch wichtig sind. Risiken sehe ich eher bei kapitalmarktorientierten Unternehmen. Bei ihnen kann man die Stimmung sekundengenau am Börsenkurs ablesen. Wenn man alle zehn Minuten online nachsieht, wie die Lage in der Welt ist, wird man entweder depressiv oder bekommt Panik. Dass kapitalmarktorientierte Unternehmen in Heilbronn-Franken nicht ganz so stark vertreten sind, ist aus meiner Sicht eine große Stärke.
Was die Unternehmen in Heilbronn-Franken auszeichnet
Heißt das, in Heilbronn-Franken lassen sich Unternehmer nicht nervös machen und investieren immer noch stärker, als in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Tettenborn: Nervös werden sie natürlich irgendwann auch. Aber man sieht es in der Region: Obwohl die Wirtschaft abkühlt, überwiegt nach wie vor der langfristige Gedanke. Die Unternehmen hier beweisen den Willen, in der Region zu bleiben, indem sie investieren, Logistik- und Innovationszentren aufbauen, Kooperationen mit den Hochschulen eingehen. Diesen Einsatz würde man bei einem kapitalmarktorientierten Unternehmen nicht erwarten. Die bremsen ab. Dass sich die regionalen Player von kurzfristigen Effekten nicht so stark beeinflussen lassen, ist eine Riesenchance für uns und eine große Besonderheit unserer Region.
Bedeutet das, dass die Unternehmen in Heilbronn-Franken mit einem sehr hohen Goodwill-Pfund wuchern können – also viel immaterielles Kapital haben, das in den Bilanzen schlummert?
Tettenborn: Der Goodwill, der oft in aller Munde ist, wird in der Bilanz erst gezeigt, wenn ein Unternehmen ein anderes kauft und mehr erhält als das übernommene, greifbare Vermögen – weil es zum Beispiel den guten Ruf, den Mitarbeiterstamm oder das Know-how miteinkauft. Dieser Goodwill ist oft überbewertet – durch Fehleinschätzungen oder weil Manager den Kaufpreis immer höher treiben. Bei unseren regionalen Unternehmen ist Goodwill zwar auch vorhanden.
Aber, und das ist der wichtige Unterschied: Er ist selbst geschaffen. Er fußt dort nicht auf Übernahmen, sondern auf organischem Wachstum. Indem in Weiterbildung der Mitarbeiter investiert wurde, der Standort aufgebaut, die Vertriebsnetze gepflegt und Tochtergesellschaften gegründet wurden. Wenn man sich das genau anschauen würde, hätten unsere Unternehmen einen unwahrscheinlich großen Goodwill. Aber sie dürfen ihn aufgrund der Bilanzierungsregeln nicht in der Bilanz zeigen.
Stillstand bei der Mitarbeiterqualifizierung vermeiden
Aber auch ohne Verkaufsabsichten kann Bilanzpolitik eine probate Strategie sein, um weiteren Schaden von Unternehmen abzuwenden.
Tettenborn: Ja, es kann durchaus ehrbare Gründe geben, dass ein Unternehmen versucht, die eigene Lage in der Bilanz so schön wie möglich darzustellen. Nämlich, damit der Laden am Laufen bleibt. Etwa, wenn Unternehmen befürchten, dass eine Abwertung eine selbsterfüllende Prophezeiung wird und Kunden reagieren könnten mit: Oh je, denen geht es ja nicht so gut, die haben Verlust gemacht. Bei denen kaufen wir lieber nicht mehr. Dann kann daraus eine Todesspirale werden.
Also noch eine Gemeinsamkeit von Bilanzen und Bildung: Was Sie Todesspirale nennen, droht auch, wenn in puncto Qualifizierung Stillstand herrscht.
Tettenborn: Ich bin in der Prüfungskommission der Wirtschaftsprüferkammer. Bei einem so hoch komplexen und regulierten Themengebiet wie Bilanzpolitik und die Abbildung der wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens ist es klar, dass wir uns fortbilden müssen. In anderen Branchen ist das aber längst nicht so etabliert – und darin besteht aus meiner Sicht eine Gefahr, das beweisen auch Studien.
Wenn Mitarbeiter jahrelang keine neuen Impulse bekommen, und auf einmal kommt die große Transformation und das Berufsfeld ändert sich, kann der Wille zur Fortbildung sinken und sie werden zu Verweigerern. Aus meiner Sicht ist die wichtigste Botschaft an die Unternehmen: Auch wenn es Geld kostet, lasst die Mitarbeiter Zertifikate und Fortbildungen machen, damit sie das Lernen nicht verlernen.
Prof. Tettenborn: „Ich sehe einen starken Willen zur Innovation“
Wie sollten die Unternehmer in der Region in schwierigen Zeiten mit ihren immateriellen Ressourcen umgehen?
Tettenborn: Die Situation ist derzeit schon eine besondere. Deindustrialisierung in Deutschland droht aufgrund der bekannten Faktoren wie Lohn- und Energiekosten. Trotzdem sehe ich es positiv. Die jetzige Zeit ist ein Impuls, sich neu auszurichten. Wenn man sich künftige Erfolgspotenziale erhalten möchte, muss man sich regelmäßig neu erfinden: Geschäftsmodelle hinterfragen, sich breiter aufstellen oder sich fokussieren.
Wenn wir die Struktur, wie wir sie hatten, in Gänze konservieren, während sich die Welt weiterdreht, kann das nicht gutgehen. Nur wenn wir innovativ sind, in neue Produkte investieren und Mitarbeiter weiterbilden, haben wir die Chance, dass etwas dabei herauskommt, was wettbewerbsfähig ist. Umstrukturierungen tun weh, nicht jeder geht daraus als Sieger hervor. Aber sie sind nötig, damit es künftig erfolgreich weitergehen kann.
Wieviel Willen zu Veränderungen stellen Sie in der Region fest?
Tettenborn: Ich sehe einen starken Willen zur Innovation. Wir haben als HILL zum Beispiel gemeinsam mit dem Packaging Valley einen Packaging-Schwerpunkt für den berufsbegleitenden Master General Management (MBA) entwickelt, der ab März 2026 angeboten wird. Der Studieninfotag und die Master and More-Messe haben uns eine große Nachfrage nach den Weiterbildungsangeboten gespiegelt.
Was sind die drei wichtigsten Schritte, damit Unternehmen aus lebenslangem Lernen Kapital schlagen?
Tettenborn: Erstens Investitionsbereitschaft. Alles, was Know-how angeht, ist ein langfristiges Investment. Zweitens: Mut, von beiden Seiten. Sowohl seitens des Arbeitnehmers, der weiß, dass seine Tätigkeit sich ändern wird, als auch auf der Arbeitgeberseite. Drittens: Zuversicht und Mut zur Veränderung. Und beides braucht man immer im Leben, oder?
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Dr. Martin Tettenborn ist Professor für ABWL an der Hochschule Heilbronn, Prodekan an der Reinhold-Würth-Hochschule und in der Prüfungskommission für das Wirtschaftsprüferexamen. Er ist zudem Geschäftsführer des Heilbronner Instituts für Lebenslanges Lernen gGmbH (HILL), der Weiterbildungsinstitution der Hochschule.


