Bildungschancen fairer gestalten: Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, führende Bildungssoziologin Deutschlands, im Interview

Die Soziologin Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger gehört zu den führenden Stimmen im Land zu Bildung, Arbeitsmarkt und Chancengleichheit. Im PROMAGAZIN spricht sie über die eigentliche Basis für Wirtschaftskraft, welche Bildungsreform sie gern verordnen würde und warum sie die Innovationsregion Hohenlohe für vorbildlich hält.

Bildungschancen fairer gestalten
Für Soziologin Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger fußt Wirtschaftskraft auf verlässlicher Betreuung, Pflege und Weiterbildung. Foto: David Ausserhofer

Frau Professor Allmendinger, wenn Sie auf die aktuellen PISA-Ergebnisse für Deutschland und die gesellschaftlichen Entwicklungen als Ganzes blicken: Was bereitet Ihnen mit Blick auf Deutschland mehr Sorgen – die Leistungseinbußen vieler Schülerinnen und Schüler oder die zunehmende Ungleichheit der Bildungschancen?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Mich beunruhigt ihr Zusammenwirken. Bei PISA 2025 verfehlt rund ein Fünftel der 15-Jährigen in Deutschland in allen drei Bereichen die grundlegenden Anforderungen. Zugleich prägt die soziale Herkunft den Bildungserfolg besonders stark. Es geht um berufliche Perspektiven, Gesundheit und Lebenserwartung, um Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und Vertrauen. Auf gesellschaftlicher Ebene sprechen wir über demokratische Stabilität.

Hat sich das deutsche Aufstiegsversprechen in den vergangenen zwanzig Jahren erfüllt?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Es stimmt, mehr Menschen erreichen einen mittleren Schulabschluss oder das Abitur, der zweite Bildungsweg eröffnet zusätzliche Chancen. Die soziale Auslese bleibt jedoch hart: Laut Bildungsbericht 2026 beginnen von 100 Kindern aus Akademikerfamilien 78 ein Studium, aus nichtakademischen Familien 25. Viele Kinder bekommen viel zu früh Grenzen gesetzt, bevor sie ihre Fähigkeiten überhaupt entfalten können. Hier entscheidet sich, wie glaubwürdig unser Aufstiegsversprechen ist.

Die Innovationsregion Hohenlohe als Vorbild für ganz Deutschland

Schauen wir nach Heilbronn-Franken, die Region der Weltmarktführer. Dort wird, unterstützt etwa von Unternehmer Dieter Schwarz, massiv in Bildung, Wissenschaft und Innovation investiert. Woran sollte Heilbronn-Franken den Erfolg seiner Bildungsinvestitionen in zehn Jahren messen?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Ich würde auf die Fortschritte derjenigen Kinder mit den schwierigsten Startbedingungen schauen. Deutlich mehr von ihnen sollten sicher lesen und rechnen, einen Abschluss erreichen und in Ausbildung oder Studium kommen. Dafür braucht es verbindliche Ziele und regelmäßige Rückmeldungen zum Lernfortschritt jedes einzelnen Kindes, damit die Förderung gezielt angepasst wird. Zugleich müssen die Abstände zwischen sozialen Gruppen schrumpfen. So könnte die Region der Weltmarktführer zum Vorbild für Bildungsgerechtigkeit werden.

Ein Schritt in diese Richtung wird in der Region schon getan: In der Innovationsregion Hohenlohe fördern Unternehmen im Schulterschluss mit Bildungseinrichtungen und Verwaltung von klein auf MINT-Kompetenzen. Ist das ein Vorbild für Deutschland?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Der Ansatz überzeugt mich: Unternehmen und Bildungseinrichtungen arbeiten zusammen, Auszubildende oder Experten begleiten Kinder als Lernpartner. Solche Angebote müssen zu den Menschen kommen: kostenfrei, mit gezielter Ansprache von Mädchen, Kindern aus einkommensarmen Familien und solchen, die zu Hause wenig Deutsch sprechen. Die Vorstellung von Frauen- und Männerberufen müssen wir entschieden überwinden. Öffentliche Bildung bleibt staatliche Verantwortung – privates Engagement kann sie bereichern.

„Wir brauchen Karrierewege, die zu unterschiedlichen Lebensverläufen passen“

Reicht es bei Fachkräftemangel aus, Spitzenforschung und Talente anzuziehen – oder muss der Blick weiter gehen?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Tatsächlich müssen wir zugleich die Menschen fördern, die bereits hier leben. Bis 2040 erreichen rund 13,3 Millionen der 2025 erfassten Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter. Wir brauchen qualifizierte Zuwanderung, gute Aus- und Weiterbildung. Talentförderung beginnt bei Kindern und Jugendlichen, die Unterstützung auf dem Weg zum Schulabschluss brauchen.

Was sollte die Region außerdem tun, um ihre Wirtschaftskraft zu erhalten?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Wirtschaftskraft setzt verlässliche Betreuung, Pflege und Weiterbildung voraus. Hochschulen, Betriebe und Arbeitsagenturen sollten gemeinsam längere, finanziell abgesicherte Bildungszeiten ermöglichen. Schweden fördert zum Beispiel unter bestimmten Voraussetzungen bis zu 44 Wochen Vollzeitweiterbildung mit einem gedeckelten Einkommensersatz. Die Vorstellung, Bildung gehöre in die Jugend, Karriere in die Lebensmitte und Rückzug ins Alter, ist überholt.

Welche Menschen werden in Unternehmen denn besonders häufig übersehen?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Ich denke besonders an Frauen nach langen Sorgephasen. Wer beruflichen Ehrgeiz an ständiger Verfügbarkeit misst, übersieht ihre Fähigkeiten. Unternehmen sollten mit einer 50-Jährigen genauso selbstverständlich den nächsten Karriereschritt planen wie mit einem 30-Jährigen. Auch bei älteren oder zugewanderten Beschäftigten müssen Können und Lernbereitschaft zählen. Wir brauchen Karrierewege, die zu unterschiedlichen Lebensverläufen passen.

Wie sich Bildungschancen fairer gestalten lassen

Welche drei Maßnahmen würden Sie den Verantwortlichen in Unternehmen der Region empfehlen, um mehr Mütter dauerhaft in qualifizierter Beschäftigung und Führung zu halten?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Erstens ist Gleichstellungspolitik auch Männerpolitik. Vorgesetzte müssen Väter bei Elternzeit und Sorgearbeit unterstützen und selbst Vorbilder sein. Zweitens braucht es verlässliche Arbeitszeiten und Kinderbetreuung. Drittens müssen wir Karriere neu organisieren: zum Beispiel mit Führungstandems, Weiterbildung auch für Teilzeitkräfte und Unterstützung beider Karrierewege eines Paares bei beruflichen Umzügen. Mehr Erwerbsarbeit von Müttern erfordert eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit.

Wenn Sie der Bundesregierung nur einen einzigen Bildungsreform-Schritt verordnen könnten, der Deutschland spürbar verändert und von dem auch Regionen wie Heilbronn-Franken profitieren: Welcher wäre das?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Ich würde mit den Ländern eine verbindliche Fördergarantie von der Kita an vereinbaren. Einrichtungen mit besonders vielen benachteiligten Kindern erhalten dann dauerhaft mehr Personal, Zeit und Mittel, abgestimmt auf die Lernentwicklung. Gleiche Bildungschancen verlangen ungleiche Unterstützung: Wer es am schwersten hat, muss am stärksten gefördert werden.

Und was wäre mit diesem Schritt das bestmögliche Ergebnis in 15 Jahren?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Wir hätten eine Generation, die ihre Fähigkeiten entfalten und ihre Zukunft mitgestalten kann. Unternehmen fänden mehr qualifizierte Beschäftigte, mehr Menschen könnten wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen. Unser Aufstiegsversprechen wäre glaubwürdig: Die Herkunft eines Kindes verlöre an Macht über dessen Zukunft.

Interview von Natalie Kotowski


Zur Person

Die Mannheimerin Jutta Allmendinger gehört zu den einflussreichsten Soziologinnen Deutschlands. Die Professorin prägte mit ihrer Forschung zu Bildung, Arbeitsmarkt und sozialer Ungleichheit zugleich Wissenschaft und politische Debatten. Die langjährige Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung ist aktuell Mitglied im Ethikrat, Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen und in zahlreichen Beiräten aktiv.


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