Zum 1. August berief Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel den erst 32-jährigen Marco Hess zum Ersten Landesbeamten des Hohenlohekreises. Für den ehemaligen Parlamentsrat zeigte sich schnell, wo politische Arbeit in Stuttgart und kommunale Realität im nach Einwohnern kleinsten Kreis im Ländle aufeinander prallen.

Herr Hess, Sie haben sich im Landtag als Parlamentsrat jahrelang mit den Themen Wirtschaft, Handwerk, Arbeit und Tourismus beschäftigt, Fraktionen und Abgeordnete beraten, an Gesetzentwürfen, Gutachten und Anträgen mitgearbeitet. Am 1. August sind Sie vom „Grünen Tisch“ der Landespolitik in die Realität von Kommunen im Hohenlohekreis gewechselt. Wie stark hat das Ihre Perspektive verschoben?
Marco Hess: Die Arbeit im Landtag hat mir viel Freude gemacht. Sie war geprägt von einem hohen Tempo, vom Ringen um die besten Ideen und davon, politische Positionen schnell und fachlich sauber auf den Punkt zu bringen. Man beschäftigt sich auch dort sehr tief mit den Rahmenbedingungen für Unternehmen. Der Wechsel in den Hohenlohekreis hat die Perspektive aber noch einmal verändert: Bei Besuchen in den Unternehmen erlebt man unmittelbar, was diese Rahmenbedingungen in der betrieblichen Realität bedeuten. Hinter jeder wirtschaftspolitischen Entscheidung stehen Menschen, die investieren, Arbeitsplätze schaffen, ausbilden und unternehmerische Verantwortung tragen.
Was hat sie dort am meisten beeindruckt, was von Stuttgart aus so vielleicht gar nicht sichtbar war?
Marco Hess: Besonders beeindruckt hat mich in meinen ersten Wochen die Verbindung aus wirtschaftlicher Stärke und tiefer regionaler Verwurzelung. Beispielsweise bei Jako in Mulfingen wird das sehr greifbar: Das Unternehmen ist international erfolgreich und zugleich Arbeitgeber, Ausbildungsbetrieb, Partner des örtlichen Vereinslebens und wichtiger Teil der Gemeinde.
Oder bei Schneider Bau in Öhringen. Da habe ich gesehen, mit welcher Innovationskraft ein traditionsreiches Bauunternehmen Themen wie moderne Bautechnik und Kreislaufwirtschaft angeht. Das sind keine abstrakten wirtschaftspolitischen Begriffe, sondern tägliche unternehmerische Praxis. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis meiner ersten Wochen: Hohenlohe ist wirtschaftlich wesentlich größer, als es auf der Landkarte wirkt.
Gemeinsam pragmatische Lösungen finden
Was wünschen sich die Unternehmer tatsächlich von Behörden und Politik auf Bundes- aber auch auf kommunaler Ebene?
Marco Hess: Vor allem Verlässlichkeit. Ein Unternehmer muss wissen, woran er ist. Das bedeutet klare Regeln, nachvollziehbare Entscheidungen und Verfahren, die nicht länger dauern als notwendig. Mein Eindruck ist, dass viele Unternehmer gar nicht erwarten, dass ihnen die Verwaltung jedes Problem aus dem Weg räumt. Sie erwarten aber zu Recht, dass wir Gestaltungsspielräume erkennen und nutzen. Ein Satz wie ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ darf in einer modernen Verwaltung keine ausreichende Begründung sein.
Und stattdessen?
Marco Hess: Wir müssen zuerst fragen: Was ist rechtlich möglich? Wie können wir zu einer tragfähigen Lösung kommen? Dazu gehört auch, ehrlich zu sagen, wenn etwas nicht geht – beziehungsweise, wie es geht. Ein klares und belastbares Nein ist für einen Unternehmer manchmal wertvoller als ein Verfahren, das sich monatelang hinzieht und am Ende zum gleichen Ergebnis kommt. Gerade im ländlichen Raum sehe ich darin einen Standortvorteil. Wenn Unternehmen, Gemeinde, Landkreis und Wirtschaftsförderung miteinander sprechen, bevor Probleme festgefahren sind, können wir vieles pragmatischer angehen. Mein Credo ist: nicht das Problem beschreiben, sondern die Lösung suchen.
Die Verwaltung als Partner für wirtschaftliche Entwicklung
Bei Petitionen im Landtag erlebt man das unmittelbar. Waren Sie mit solchen Situationen konfrontiert?
Marco Hess: Im Petitionswesen habe ich sehr unmittelbar erlebt, dass eine Vorschrift auf dem Papier durchaus nachvollziehbar sein kann und ihre Anwendung im konkreten Fall trotzdem zu einem Ergebnis führt, das niemand überzeugend erklären kann. Das hat meinen Blick auf Verwaltung geschärft. Selbstverständlich sind wir an Recht und Gesetz gebunden. Aber innerhalb dieses Rahmens gibt es häufig Ermessensspielräume und unterschiedliche Wege zum Ziel. Diese Spielräume sollte eine Verwaltung nicht ängstlich betrachten, sondern verantwortungsvoll nutzen.
Für die Unternehmen im Hohenlohekreis ist das durchaus relevant.
Marco Hess: Ja. Wer investieren möchte, kann mit einer klaren Auflage umgehen. Schwierig wird es, wenn Zuständigkeiten wandern, Anforderungen nacheinander gestellt werden oder niemand bereit ist, eine Entscheidung zu treffen. Ich wünsche mir deshalb eine Verwaltung, die sich zuständig fühlt. Nicht für jedes gewünschte Ergebnis, aber dafür, einen Vorgang vernünftig zu Ende zu bringen.
Kommunale Handlungsfähigkeit braucht eine solide Finanzierung
Sie haben schon im Alter von 20 Jahren kommunale Mandate übernommen und waren beispielsweise im Nachbarlandkreis in Ihrer Heimat als Gemeinderat aktiv. Konnte Sie in Ihren ersten Wochen als Erster Landesbeamter im Hohenlohekreis noch etwas überraschen – etwa die hitzige Debatte um die Sparbeschlüsse des Kreises?
Marco Hess: (lacht) Eine besonders lange Schonfrist hatte ich tatsächlich nicht. An meinem ersten Arbeitstag am 3. August fand bereits die Sondersitzung des Kreistags statt. Die finanzielle Lage der kommunalen Ebene ist inzwischen so ernst, dass es zwangsläufig zu Auseinandersetzungen kommt. Die 16 Städte und Gemeinden des Hohenlohekreises haben schon im Juni gemeinsam darauf hingewiesen, dass die kommunale Finanzausstattung mit diesen Aufgaben Schritt halten muss.
Wir dürfen uns nichts vormachen: Wenn Bund und Land Standards oder Leistungsansprüche festlegen, müssen die damit verbundenen Kosten dauerhaft finanziert werden. Die Menschen erwarten zu Recht funktionierende Schulen, Straßen, Busse, Krankenhäuser und eine leistungsfähige Verwaltung. Natürlich müssen wir auch bei uns selbst kritisch hinsehen, Strukturen hinterfragen und wirtschaftlich arbeiten. Das gehört zur Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler.
„Unternehmen brauchen Raum zum Wirtschaften“
Welches Thema sehen Sie derzeit als größtes Warnsignal für die wirtschaftliche Entwicklung des Landkreises?
Marco Hess: Dass Investitionen in Deutschland zunehmend hinterfragt oder verschoben werden. Hohenlohe lebt von Unternehmern, die über Generationen investiert, neue Produkte entwickelt, Mitarbeiter ausgebildet und ihre Standorte immer wieder erweitert haben. Wohlstand ist aber kein Naturgesetz. Wenn Energiepreise, Regulierung, Fachkräftemangel und langwierige Verfahren zusammenkommen und gleichzeitig die wirtschaftspolitische Verlässlichkeit abnimmt, verändert sich irgendwann die Investitionsentscheidung.
Sehen Sie dafür konkrete Anzeichen?
Marco Hess: Dass der deutsche Markt derzeit unter Investitionszurückhaltung und wirtschafts- und energiepolitischer Unsicherheit leidet, beschreiben auch viele Unternehmen in ihren jüngsten Geschäftsberichten. Das Gefährliche daran ist: Ein Standort verliert seine Stärke nicht über Nacht. Zunächst wird eine Maschine an einem anderen Standort angeschafft, dann eine Produktionslinie, irgendwann vielleicht die nächste größere Erweiterung.
Solche Entwicklungen bemerkt man oft erst, wenn sie sich bereits verfestigt haben. Deshalb müssen wir auf allen staatlichen Ebenen wieder stärker verstehen: Unternehmen brauchen Raum zum Wirtschaften. Leistung, Innovation und Investitionen müssen erwünscht sein. Davon hängen am Ende Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und unsere Möglichkeiten zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben ab.
Standorttreue trotz globaler Veränderung
Wie beurteilen Sie, dass mit ebm-papst eines der großen Familienunternehmen nun künftig unter neuer, US-amerikanischer Führung steht? Viele langjährige Mitarbeiter waren zunächst verunsichert, sie hatten erst aus den Medien davon erfahren.
Marco Hess: Zunächst muss man sauber unterscheiden: Vereinbart wurde die Übernahme von ebm-papst durch Madison Air. Die Transaktion steht noch unter regulatorischen Vorbehalten und soll nach Unternehmensangaben gegen Jahresende vollzogen werden. Es geht also um einen Eigentümerwechsel, nicht darum, dass von heute auf morgen die operative Führung des Unternehmens nach Amerika verlagert wird.
Mulfingen wird Hauptsitz der Unternehmensgruppe und ein bedeutender Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsstandort bleiben. Dass ein solcher Schritt bei Mitarbeitern zunächst Fragen und auch Verunsicherung auslöst, kann ich sehr gut nachvollziehen. Gerade bei einem Unternehmen, das über Jahrzehnte eng mit einer Familie und mit seiner Heimatregion verbunden war, ist das weit mehr als eine finanzwirtschaftliche Transaktion.
Deshalb ist Kommunikation in solchen Situationen enorm wichtig, soweit sie unter den rechtlichen Rahmenbedingungen möglich ist. Für mich ist entscheidend, was der Eigentümerwechsel langfristig für Mulfingen, die Arbeitsplätze, Forschung und Entwicklung sowie künftige Investitionen bedeutet. Die bislang öffentlich erklärten Zusagen zum Standort sind deshalb sehr wichtig.
Gleichzeitig wird man die weitere Entwicklung aufmerksam begleiten. Ebenso wichtig ist aber eine andere Perspektive: Dass ein internationaler Konzern bereit ist, erhebliches Kapital in ein Unternehmen aus Mulfingen zu investieren, zeigt auch, welche technologische Substanz hier entstanden ist. Unsere Aufgabe als Region ist, dafür zu sorgen, dass diese Substanz und möglichst viel zukünftiges Wachstum weiterhin hier ihre Heimat haben.
Heimatverbundenheit trifft Weltoffenheit
Wo liegt für Sie das größte Potenzial des Hohenlohekreises?
Marco Hess: In der Verbindung aus unternehmerischer Stärke und regionaler Bindung. Der Hohenlohekreis weist gemessen an seiner Einwohnerzahl nach Angaben des Landkreises die höchste Dichte an Weltmarktführern in Deutschland auf. Gleichzeitig besteht unsere Wirtschaft eben nicht nur aus einigen großen Namen. Ihr Rückgrat bilden zahlreiche Familienunternehmen, Mittelständler, Handwerksbetriebe und spezialisierte Zulieferer. Unternehmen bilden hier aus, unterstützen Vereine, engagieren sich vor Ort und investieren häufig über Generationen am gleichen Standort. Dazu kommen gute berufliche Schulen, der Campus Künzelsau und eine starke Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Kommunen und Bildungseinrichtungen.
Unser Potenzial liegt deshalb nicht darin, Hohenlohe zu etwas völlig anderem zu machen. Wir müssen das stärken, was diese Region erfolgreich gemacht hat, und es unter neuen Bedingungen weiterentwickeln: Flächen verfügbar machen, Infrastruktur modernisieren, Fachkräfte gewinnen, Genehmigungen beschleunigen und Innovation ermöglichen. Hohenlohe verbindet Heimatverbundenheit mit Weltoffenheit. Genau daraus kann die nächste Generation erfolgreicher Unternehmen entstehen.
Weltmarktführer, kurze Wege, hohe Lebensqualität
In vielen wirtschaftspolitischen Debatten dominieren aber die großen Zentren Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim. Wenn Sie einem Minister in Stuttgart drei Gründe nennen müssten, warum der Hohenlohekreis wirtschaftlich oft unterschätzt wird: Welche wären das?
Marco Hess: Durch meine Tätigkeit in der Landespolitik kenne ich viele Entscheidungsträger persönlich. Das kann für die Region kein Nachteil sein. Erstens würde ich einladen, einfach einmal durch unsere Unternehmen zu gehen. Gemessen an der Einwohnerzahl haben wir eine außergewöhnliche Konzentration weltweit führender Betriebe. Hinter vielen Produkten, die irgendwo auf der Welt in Maschinen, Gebäuden oder Produktionsanlagen eingesetzt werden, steckt Technik aus Hohenlohe.
Zweitens funktioniert hier etwas, das man in keiner Statistik vollständig abbilden kann: die kurzen Wege zwischen Unternehmen, Kommunen, Schulen, Hochschule, Kammern und Wirtschaftsförderung. Man kennt sich, spricht miteinander und übernimmt Verantwortung für die Region. Schauen Sie sich die Gemeinde Mulfingen beispielhaft an, welche Bedeutung erfolgreiche Unternehmen für eine vergleichsweise kleine Gemeinde haben.
Und drittens besitzt Hohenlohe eine Lebensqualität, die im Wettbewerb um Fachkräfte immer wichtiger wird. Wir haben starke Unternehmen und attraktive Arbeitsplätze, gleichzeitig Natur, Weinbau, Kultur und einen überschaubaren Lebensraum. Dazu kommt die Lage an A6 und A81 mitten in der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken. Vielleicht wird Hohenlohe auch deshalb manchmal unterschätzt, weil man hier eher macht als darüber zu reden.
Woran würden Sie in zehn Jahren erkennen, dass der Hohenlohekreis seine Hausaufgaben gemacht hat?
Marco Hess: Nicht an einer Broschüre und auch nicht an einem Ranking. Entscheidend wäre für mich, ob Unternehmer im Jahr 2036 weiterhin sagen: Die nächste Halle, das nächste Forschungsprojekt und die nächste größere Investition machen wir im Hohenlohekreis. Wenn Hohenlohe auch in zehn Jahren ein Ort ist, an dem Weltmarktführer ebenso selbstverständlich zu Hause sind wie erfolgreiche Handwerksbetriebe, junge Familien und Menschen, die hier ihre berufliche Zukunft sehen, dann haben wir vieles richtig gemacht. Hohenlohe ist stark verwurzelt und weit vernetzt. Die Region muss nicht zur Großstadt werden, um wirtschaftlich ganz vorn mitzuspielen.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Zum 1. August berief der stellvertretende Ministerpräsident Baden-Württembergs, Manuel Hagel, den studierten Juristen Marco Hess zum Ersten Landesbeamten des Hohenlohekreises. Zuvor war der 32-Jährige sechs Jahre lang Parlamentarischer Berater im Landtag, unter anderem für Wirtschaft, Handwerk, Arbeit und Tourismus sowie Petitionen.


