Mehr Cyberresilienz im Mittelstand: Diese 5 Maßnahmen sollten Unternehmen umsetzen

Cyberangriffe werden komplexer, KI verändert die Bedrohungslage und Lieferketten geraten zunehmend ins Visier von Kriminellen. Um ihre Cyberresilienz nachhaltig zu stärken, sollten mittelständische Unternehmen fünf wichtige Maßnahmen umsetzen.

Cyberresilienz im Mittelstand
Für mehr Cyberresilienz reicht Technik allein nicht aus. Entscheidend sind auch Governance, Risikomanagement und eingespielte Notfallprozesse. Foto: Adobe Stock/Narong

Der deutsche Mittelstand gerät zunehmend ins Visier von Cyberkriminellen. Gleichzeitig verschärft sich die Bedrohungslage durch KI-gestützte Angriffe und komplexe Attacken auf Lieferketten erheblich. Dennoch schätzen viele Verantwortliche die eigene Sicherheitslage zu optimistisch ein. Zwischen der Selbstbeurteilung der Cyberabwehr und dem durch Benchmarks bestätigten Schutzniveau klafft eine deutliche Lücke.

Zwar wächst das Bewusstsein für Cyberrisiken, und einige Unternehmen haben bereits belastbare Schutzmechanismen etabliert. In vielen mittelständischen Betrieben reichen die verfügbaren Budgets jedoch nicht aus, um ein professionelles Monitoring sowie erprobte Notfallprozesse zu implementieren. Dies geschieht trotz einer deutlich steigenden Schadensintensität erfolgreicher Cyberangriffe.

Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Trügerische Sicherheit: Der Mittelstand überschätzt seine Cyber-Resilienz“ von PwC Deutschland, für die 400 Führungskräfte aus mittelständischen Unternehmen befragt wurden.

„Viele mittelständische Unternehmen wiegen sich in falscher Sicherheit“

„Wir sehen ein ambivalentes Bild im deutschen Mittelstand, wenn es um die Gefahr von Cyber-Angriffen geht: Das Bewusstsein für IT-Sicherheit ist gestiegen“, so Uwe Rittmann, Partner Familienunternehmen und Mittelstand bei PwC Deutschland. „Gleichzeitig sind die getroffenen Maßnahmen angesichts der komplexen Bedrohungslage oft nicht angemessen, um Unternehmen nachhaltig zu schützen.“

Wie hoch ist das tatsächliche Schutzniveau im Mittelstand? Die befragten Führungskräfte bewerten den Reifegrad ihres Unternehmens in den meisten Bereichen als formalisiert beziehungsweise standardisiert oder sogar als optimiert. Damit ordnen sie sich in einem fünfstufigen Modell den beiden höchsten Reifestufen zu.

Konkrete Auswertungen von PwC-Reifegrad-Assessments sowie Erkenntnisse aus Incident-Response-Mandaten im Mittelstand zeichnen jedoch ein anderes Bild. In sämtlichen untersuchten Bereichen liegen die Benchmark-Ergebnisse um ein bis zwei Reifestufen unter den Selbsteinschätzungen der Unternehmen. Besonders deutlich zeigen sich die Defizite bei Richtlinien, Governance-Strukturen und einem systematischen Risikomanagement.

„Viele mittelständische Unternehmen wiegen sich in falscher Sicherheit. Der Mangel an systematischem Monitoring und Reporting verhindert einen vollständigen Blick auf die eigene Risikolandschaft“, erklärt Nial Moore, Leiter Cyber Security Mittelstand bei PwC Deutschland.

Erhöhte Ausgaben für Cybersicherheit geplant

Fast die Hälfte der Unternehmen plant, ihre Ausgaben für Informationssicherheit gegenüber dem Vorjahr zu erhöhen. Allerdings ist das Ausgangsniveau in Teilen so niedrig, dass die Budgets vieler mittelständischer Betriebe nicht zur Komplexität ihrer IT-Landschaften und den regulatorischen Anforderungen passen.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten. Während einige von ihnen Millionenbeträge in die IT-Sicherheit investieren, geben andere weniger als 50.000 Euro aus. Mit solchen Budgets lassen sich weder ein kontinuierliches Monitoring noch belastbare Notfallprozesse etablieren.

Veraltete Notfallpläne und fehlendes technisches Monitoring

Die teilweise geringen Investitionen schlagen sich in Defiziten bei den Abwehrfähigkeiten nieder. Zwar verfügen rund zwei Drittel der befragten Unternehmen über einen Notfall- und Incident-Response-Plan, doch nur etwa die Hälfte hat diesen innerhalb der vergangenen zwölf Monate praktisch getestet.

Auch beim Management von Lieferketten zeigen sich Schwachstellen. Viele Unternehmen haben sich vertraglich gegenüber ihren Partnern abgesichert. Technologiegestützte und datenbasierte Ansätze zur schnellen Identifikation von Bedrohungen sind jedoch noch wenig verbreitet. Zudem befindet sich der Einsatz KI-gestützter Abwehrlösungen in den meisten Unternehmen noch in einer frühen Entwicklungsphase.

„Die Bedrohungslandschaft befindet sich in rasantem Wandel. Um Resilienz in Zeiten KI-basierter Angriffe sicherzustellen, müssen Unternehmen ihre Abwehrfähigkeiten entschieden weiterentwickeln“, so Uwe Rittmann, Partner Familienunternehmen und Mittelstand bei PwC Deutschland.

Die Rolle der Künstlichen Intelligenz in Cyberbedrohung und -abwehr

Künstliche Intelligenz verändert die Bedrohungslandschaft grundlegend und stellt Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen. Die Hälfte der befragten Betriebe geht davon aus, dass KI die eigenen Abwehrfähigkeiten stärken wird.

Gleichzeitig nutzen Angreifer die Technologie bereits, um Angriffe zu automatisieren und in größerem Umfang durchzuführen. Dazu zählen etwa Phishing-Kampagnen mit stark personalisierten E-Mails. Darüber hinaus setzen Cyberkriminelle KI-Tools ein, um Schwachstellen automatisiert aufzuspüren und auszunutzen.

Die unkontrollierte Nutzung von KI-Tools innerhalb von Unternehmen verschärft die Herausforderungen im Zusammenhang mit Schatten-IT. Gleichzeitig steht die Absicherung der eigenen KI-Anwendungen, also die KI-Security, in vielen Unternehmen noch am Anfang.

Für zwei Drittel der Unternehmen, die ihre Ausgaben für Informationssicherheit erhöhen, zählen KI-bezogene Risiken zu den zentralen Treibern bei der Weiterentwicklung ihrer Sicherheitsarchitektur. Herkömmliche Schutzmechanismen allein reichen häufig nicht mehr aus, um dieser neuen Bedrohungsdimension wirksam zu begegnen.

Risiken für die Lieferkette rücken in den Fokus

Die Lieferkette zählt inzwischen zu den kritischsten Angriffsvektoren. Fast die Hälfte der Unternehmen hat bereits konkrete Cybercrime-Vorfälle im eigenen Lieferantennetzwerk erlebt. Ein Viertel berichtet zudem von negativen Auswirkungen auf das eigene Unternehmen.

Trotz dieser hohen Betroffenheit ist nur etwa jedes zweite Unternehmen in der Lage, Cyberrisiken innerhalb der Lieferkette schnell zu erkennen. Die Diskrepanz zwischen Bedrohungslage und Reaktionsfähigkeit macht deutlich, dass vertragliche Regelungen allein nicht ausreichen, um Sicherheitsrisiken wirksam zu adressieren. Erforderlich sind vielmehr technologische Ansätze für eine kontinuierliche Überwachung, um die Resilienz zu stärken.

5 Maßnahmen für eine höhere Cyberresilienz im Mittelstand

Um ihre Cyberresilienz zu stärken, sollten mittelständische Unternehmen die folgenden Maßnahmen in die Tat umsetzen:

Sicherheitsbudgets prüfen und anpassen

Unternehmen sollten ihre aktuellen Ausgaben für Informationssicherheit analysieren und prüfen, ob diese angemessen sind, insbesondere im Verhältnis zu den potenziellen Schäden durch Cyberangriffe. Die finanziellen Folgen selbst kleinerer Sicherheitsvorfälle werden häufig unterschätzt. Budgets für Informationssicherheit sollten nicht allein als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als notwendige Investition in die Betriebskontinuität.

Governance etablieren

Vor Investitionen in neue technische Einzellösungen sollten Unternehmen zunächst klare Richtlinien und ein systematisches Risikomanagement etablieren. Ein belastbares Governance-Framework bildet die Grundlage einer nachhaltigen Sicherheitsarchitektur. Fehlen strategische Leitlinien, bleibt die Wirkung technischer Maßnahmen häufig begrenzt. Daher sollte der Fokus zunächst auf der organisatorischen Reife liegen, damit technologische Investitionen zielgerichtet und effizient zur Verbesserung des Schutzniveaus beitragen können.

Notfallpläne testen

Notfallpläne sollten in festen Abständen überprüft und nicht lediglich als Dokumentation vorgehalten werden. Ein Plan, dessen letzte Erprobung mehr als ein Jahr zurückliegt, bietet im Ernstfall keinen verlässlichen Schutz. Regelmäßige Tabletop-Übungen oder Live-Simulationen helfen dabei, Schwachstellen in den Abläufen zu identifizieren. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, die Handlungsfähigkeit des Teams in Krisensituationen sicherzustellen.

Notfallpläne testen

Notfallpläne sollten regelmäßig überprüft werden und nicht ausschließlich als Dokumentation dienen. Liegt der letzte Test mehr als ein Jahr zurück, ist ihre Wirksamkeit im Ernstfall fraglich. Tabletop-Übungen oder Live-Simulationen sollten mindestens halbjährlich stattfinden. Regelmäßige Trainings helfen dabei, Schwachstellen in den Abläufen aufzudecken und die Handlungsfähigkeit der Teams in Krisensituationen sicherzustellen.

Lieferketten absichern

Die Sicherheit von Lieferanten sollte über rein vertragliche Regelungen hinaus durch datenbasierte Überwachungsprozesse erweitert werden. Angriffe über die Lieferkette stellen eine reale Bedrohung dar und erfordern proaktive Managementansätze. Technologiegestütztes Cyber Supply Chain Risk Management ermöglicht es, die Sicherheitslage von Partnern kontinuierlich zu bewerten.

KI-gestützte Abwehr aufbauen

KI-gestützte Erkennungssysteme sollten Teil der Sicherheitsstrategie sein, um der zunehmenden Bedrohung durch automatisierte Angriffe wirksam zu begegnen. Da Angreifer verstärkt auf Künstliche Intelligenz setzen, muss auch die Cyberabwehr technologisch entsprechend weiterentwickelt werden. Dabei kann der Einsatz eines Managed Security Operations Center (SOC) oder spezialisierter KI-Tools zur Anomalieerkennung sinnvoll sein. Die Automatisierung der Bedrohungsanalyse trägt dazu bei, die Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen und gleichzeitig das IT-Personal zu entlasten.

Red.


Zur Studie

Die PwC-Studie „Trügerische Sicherheit: Der Mittelstand überschätzt seine Cyber-Resilienz“ steht online zum Download bereit.


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