Der Wiederaufbau nach der Sturzflut

Helfer bringen in Braunsbach den Schlamm weg. Foto: Ufuk Arslan

Der Starkregen hat Ende Mai für viele Schäden in Heilbronn-Franken gesorgt. Eine Gemeinde, die es besonders schlimm getroffen hat, ist Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall. Mittlerweile kann Bürgermeister Frank Harsch wieder optimistisch in die Zukunft blicken.

Herr Harsch, Braunsbach hat unter der Sturzflut sehr gelitten. Wie hoch ist der Schaden in Ihrer Gemeinde?

Harsch: Man hat grobe Prognosen machen müssen. Die liegen bei 104 Millionen Euro. Da sind auch die Landstraßen dabei. Hierbei haben wir keine Unterscheidungen gemacht. Aber das ist für uns natürlich ein großer Batzen, ein Betrag, den eine kleine Gemeinde nicht stemmen kann. Das ist völlig unmöglich. Selbst eine Stadt hat da Probleme. Deswegen sind wir auf Unterstützung vom Land angewiesen.

Wo und wie haben Sie den Abend am 29. Mai verbracht?

Harsch: Ich war im Rathaus. Ich wollte noch eine Kleinigkeit bearbeiten und gleich heimgehen. Dann hat es angefangen zu regnen und es wurde immer stärker. Aber ich habe nicht gedacht, dass es so schlimm ist. Dann kamen Geröll, Dreck und Schlamm. Ich habe zuerst zwei Leute rein gelassen, die noch mit dem Motorrad unterwegs waren. Dann habe ich die Feuerwehrkameraden versucht anzurufen. Mein Auto ist weggeschwommen. Das war auf dem Parkplatz vorm Rathaus. Als die Flut nachgelassen hat, bin ich rausgegangen und habe geschaut, ob Menschen in Not sind. Aber das war lebensgefährlich.

Waren Sie auf solch eine katastrophale Situation vorbereitet?

Harsch: Nein, das ist unmöglich. Jede Katastrophe ist anders. Entscheidend ist nur, dass man möglichst die richtigen Entscheidungen fällt. Im ersten Moment hilft einem niemand. Man darf sich in einer Katastrophe nicht auf andere verlassen. Da ist man verloren. Man muss zuerst nach sich selber schauen. Viele Menschen haben einiges verloren, manche sogar alles. Aber die Hilfsbereitschaft war und ist sehr groß.

Wie haben Sie den Zusammenhalt empfunden?

Harsch: Die Hilfsbereitschaft war da. Am nächsten Tag sind schon Anfragen gekommen. Wir haben Essen, Schaufeln, Schubkarren, Getränke und einiges mehr angeboten bekommen. Wir haben dann koordiniert, wo was gebraucht wird. Die Baufirmen haben wir angerufen. Die sind sofort mit voller Mannschaft gekommen. Wir haben Angebote aus ganz Deutschland bekommen: Notstromaggregate, Pumpen, Fahrzeuge – alles wurde bereit gestellt. Wir mussten nur anrufen.

Aber es gab ja nicht nur Hilfen in Form von Sachmitteln.

Harsch:Die ehrenamtlichen Helfer sind genauso schnell gekommen wie die Angebote an Sachmitteln. An Spitzentagen waren Hunderte von Ehrenamtlichen da, die einfach gekommen sind. Vereine, Schulklassen und Co.: Das ist kaum zählbar. Gerade am Wochenende kamen auch viele in ihrer Freizeit. In Spitzenzeiten waren das schätzungsweise 700 Leute, die den Schlamm aus wildfremden Häusern geschippt haben.

Dazu kommen noch die vielen Spender, die Geld zur Verfügung stellen.

Harsch: Egal, ob es hohe oder kleine Beträge sind – das ist einfach stark. Im Prinzip kamen Spenden aus ganz Deutschland. Das ist die Folge der medialen Präsenz. Es kommen auch noch Briefe. Die Menschen schreiben, dass sie Geld überwiesen haben. So können wir versuchen, den Schaden der privat geschädigten Bürger etwas abzumildern, in dem wir ihnen etwas geben. Zurzeit haben wir eine Million Euro zur Verfügung. Damit kann man schon einiges machen.

Ist Braunsbach durch die Katastrophe zusammengewachsen?

Harsch: Diese Sturzflut hat Braunsbach schon verändert. Jeder, der da war, hat die Gemeinde positiv geprägt. Der Zusammenhalt war phänomenal. Die Gesellschaft hilft sich, das konnte man deutlich spüren. Dem Zusammenspiel von allen Beteiligten haben wir zu verdanken, dass wir schon so weit sind – einschließlich den Spendern, den ehrenamtlichen Helfern und auch dem Katastrophenmanagement.

Jetzt sind einige Wochen vergangen: Wie lang wird das Unglück in der Gemeinde noch zu erkennen sein?

Harsch: Wir müssen von einem Wiederaufbau sprechen. Das wird sicherlich drei bis vier Jahre dauern, bis alles erledigt ist. Wir müssen zuerst das größte Gefahrenpotenzial beseitigen.

Gibt es jetzt die Angst, dass sich solch ein Ereignis in Braunsbach wiederholt?

Harsch: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Aber ausschließen kann man das nicht. Es kann überall passieren. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Menschen jetzt Angst haben. Der Schreck ist noch da, aber das wird sich legen.

War das bisher Ihre größte Herausforderung als Bürgermeister?

Harsch: Ja, das kann man sagen. Aber wir schauen nach vorne und hier gibt es keinen Frust. Chancen und Visionen gehen mit dem Wiederaufbau einher.

Interview: Anja Gladisch