Vom Dorfverbund zur Großen Kreisstadt: Wertheim feiert 50 Jahre Gemeindereform

Am 1. Januar 1976 wurde Wertheim im Zuge der Gemeindereform zur Großen Kreisstadt. Das Jubiläumsjahr feiert die Stadt mit vielen kleinen Aktionen, die den gewachsenen Zusammenhalt symbolisieren, auf den Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez so stolz ist.

Große Kreisstadt Wertheim
Die Große Kreisstadt Wertheim liegt idyllisch an der Taubermündung in den Main. Foto: Adobe Stock/Kai

Ausgerechnet im Sommer des 50. Geburtstags „seiner“ Stadt will Wertheims Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez seine Karriere als Kicker beim FC Wertheim Eichel an den Nagel hängen: „Dann werde ich 38 Jahre alt. Das Ende des aktiven Fußballs ist dann irgendwann erreicht“, sagt er. Den sportlichen Ausgleich zur Arbeit am Rathaus-Schreibtisch will er sich künftig beim Biken verschaffen, denn „Radfahren kommt derzeit noch zu kurz.“

Die neue Sportart ist im Jubiläumsjahr die ideale Wahl – es könnte sogar sein, dass Herrera Torrez direkt nach seinem Kreisliga-Abschied auf den Drahtesel umsteigt: Am 25. Juli soll mit einer Radsternfahrt aus allen 15 eingemeindeten Teilorten das Jubiläum „50 Jahre Große Kreisstadt Wertheim“ gefeiert werden. „Da bin ich auf jeden Fall dabei – ich habe nur noch nicht entschieden, auf welcher Strecke ich mitfahre“, versichert der Oberbürgermeister.

Manche Streckenprofile seien hügeliger, andere – etwa aus Grünenwört – führten geradewegs am Main entlang. Eines haben alle 15 Routen Richtung Innenstadt gemeinsam: eine gewisse Grundkondition ist nötig, denn die Entfernungen sind teils beachtlich. Immerhin bewohnen die etwa 23.000 Wertheimer eine Fläche, die fast so groß wie Mannheim ist.  „Von Sonderriet oder Mondfeld ist man mit dem Fahrrad eine gute halbe Stunde in die Stadt unterwegs“, sagt Herrera Torrez.

Am 1. Januar 1976 wurde Wertheim zur Großen Kreisstadt

Die Versprengung kleinerer Dörfer auf „weiter Flur“ war vor mehr als 50 Jahren einer der Gründe, warum sich der damalige Bürgermeister der Stadt Wertheim, Karl Josef Scheuermann, im Dezember 1970 für eine Gemeindereform aussprach: „Zentraler Ort und Verflechtungsbereich gehören zusammen, die Zeit der Eingemeindungen ist gekommen“, sagte er auf einer Pressekonferenz.

Eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand sei die Zustimmung zu den Reformplänen bei vielen Akteuren gewesen, schätzt Herrera Torrez: „Der Verstand hat bei ganz vielen Menschen damals gesagt: Die dörflichen Einheiten im Umkreis sind zu klein, um eigenständig überlebensfähig zu sein. Das Herz der Leute hat sich aber weiterhin stark mit dem identifiziert, was direkt vor Ort passierte.“ Manche Ortschaften wie Reicholzheim und Höhefeld wehrten sich sogar zunächst gegen die Eingemeindung. So zog sich der Reformprozess bis zum 1. Januar 1976 hin – dem Tag, als Wertheim zur Großen Kreisstadt wurde.

Umso wichtiger ist Herrera Torrez nach eigenen Worten heute, dass die 15 ehemals eigenständigen Gemeinden mit eigenen Ortschaftsräten und Ortsvorstehern eine Stimme in der Verwaltung haben. „Wir können nicht erwarten, dass alle 15 Ortschaften ihre Individualität aufgeben“, räumt der Oberbürgermeister ein. Jede von ihnen hätte eigene Interessen.

Der Wertheimer Zusammenhalt soll auch das Jubiläumsjahr prägen

Trotzdem ist Wertheim kontinuierlich zusammengewachsen – aus Sicht des Oberbürgermeisters, weil viele Themen die Bürger aller Gemeinden betreffen: Schulplanung, Musikvereine und Volkshochschule, Arbeitgeber in der Großen Kreisstadt und gemeinsame Feiern wie das Altstadtfest oder die Michaelis-Messe.

Genau diesen „Spirit von Wertheim“, diesen Zusammenhalt, sollen auch die Highlights im Jubiläumsjahr verbreiten: Die Radsternfahrt, aber auch der Festumzug während der Michaelis-Messe am 3. Oktober, bei der jede Ortschaft mit einem Zug, teils sogar in Lokalkolorit geschmückten Festwagen, vertreten sein wird. Mit dabei sind auch zahlreiche Vereine oder ehrenamtlich aktive Institutionen.

Mit einer Festrede des ehemaligen Landesvaters Günther Oettinger war Wertheim beim Neujahrsempfang bereits hochkarätig ins Jubiläum gestartet. Über das ganze Jahr hinweg sollen weitere Vorträge zur Geschichte der Großen Kreisstadt folgen. Einer der Referenten wird Professor Stefan Gläser sein, Ehrenbürger und langjähriger Oberbürgermeister.

Dass sein Sohn Alexander, Geschäftsführer der Westfalenklinik-Gruppe, gleichzeitig an der Rettungsgeschichte des Wertheimer Krankenhauses mitschrieb – er ist auch Geschäftsführer des Bürgerspitals – beweist zusätzlich den Wertheimer „Spirit“ des Zusammenhalts und gemeinsamen Handels: „Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, geben die Wertheimer Vollgas, um dieses Ziel zu erreichen“, sagt Herrera Torrez.

Alltagshelden stellen ihre Heimat vor

Bis heute freut es ihn, wenn ihm bis gelegentlich Bürger persönlich für seinen Einsatz bei der Krankenhausrettung danken. Dass ihm und den zahlreichen Bürgern, Unterstützern und Förderern damit ein deutschlandweit einzigartiger Kraftakt gelungen sei, „macht mich glücklich und auch ein wenig stolz“. Als Held oder Ehrenbürger in spe will sich der Wertheimer Oberbürgermeister dennoch nicht sehen: „Das war doch Teil meiner Arbeit, dafür will ich keine Ehrung“, sagt Herrera Torrez.

Stattdessen sollen die Alltagshelden der Großen Kreisstadt anlässlich des 50. Geburtstags zu Wort kommen. In etwa 30 kleinen Videoclips – statt eines großen Imagefilms – werden das ganze Jahr über Persönlichkeiten aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ihre Heimat vorstellen.

Zwei bis drei dieser Kurzvideos sollen pro Monat auf der Internetseite der Stadt erscheinen, bis am Ende ein buntes Gesamtbild unter dem Motto: „Warum ich gern in Wertheim lebe“ entstanden ist. Für den Oberbürgermeister gehört das zu den schönsten Geburtstags-Projekten: „Darauf freue ich mich sehr, weil es unsere Vielfalt zeigt.“

Ein Blick in die Zukunft

Eine Sache beschäftigt Herrera Torrez: die Frage, wie das 100-jährige Jubiläum aussehen könnte. „Wenn ich an das Jahr 2076 denke, bin ich davon überzeugt, dass sich Wertheim weiterentwickelt hat – gesellschaftlich, baulich, aber auch in seinen Verwaltungsstrukturen“, sagt er. In den kommenden Jahrzehnten werde es auch weitere Kooperationen und möglicherweise weitere Zusammenführungen von kommunalen Verwaltungsstrukturen geben.

Nicht, um lokale Identitäten aufzugeben, sondern als notwendige Antwort auf künftige Herausforderungen wie eine effiziente Aufgabenerfüllung, Digitalisierung und neue Aufgaben der kommunalpolitischen Ebenen: „Auch in 50 Jahren wird unsere Stadt Wertheim heißen. Wie diese Stadt dann aussieht, das haben wir selbst in der Hand – so wie es auch in den vergangenen 50 Jahren der Fall war. Es macht Freude, ein Teil davon sein zu können.“                          

Natalie Kotowski

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