Erst Holz, dann Kunststoff

Ein familiäres Unternehmen: Die Mitarbeiter sind gerne Teil des Wirthwein-Teams. Foto: Wirthwein

Das familiengeführte Unternehmen Wirthwein aus Creglingen wird in diesem Jahr 70 Jahre alt. Die dritte Generation leitet die Geschäfte, die sich seit den Anfängen stark gewandelt haben.

Mit einem Holzdübel fing alles an: Der Dübel war das erste Produkt der 1949 gegründeten Firma Wirthwein. Eingesetzt wurde er im Eisenbahnoberbau für die Sanierung von Holzschwellen. Heute, 70 Jahre später, zählt die Bahn immer noch zu den Kunden von Wirthwein, aber die Geschäftsfelder und auch das Unternehmen selbst haben sich stark gewandelt. Die Wirthwein-Gruppe ist inzwischen mit weltweit 22 Unternehmen und rund 3650 Mitarbeitern in den Bereichen Automotive, Bahn, Elektroindustrie, Medizintechnik, Hausgeräte und Innenausbau aktiv. Das Erfolgsrezept ist gleichgeblieben: Kundenorientierung.

Als Mitte der 1960er Jahre die Bahn wegen höherer Geschwindigkeiten von traditionellen Holzschwellen auf Beton- oder Stahlschwellen umstellte, benötigte sie Kunststoff. Walter Wirthwein, der Firmengründer, stand damals vor der Entscheidung, beim Holz zu bleiben und die Bahn, den einzigen Kunden, zu verlieren, oder in den Kunststoff­spritzguss einzusteigen. Er änderte sein Geschäftsmodell und kaufte drei Spritzgussmaschinen. „Mein Großvater hat sich die Kunststofftechnik selbst angeeignet“, erzählt Marcus Wirthwein, Mitglied des Vorstands der Wirthwein AG. „Er hatte zwar Maschinenbau studiert, aber zu seiner Zeit gab es die Technik noch nicht. Gleichzeitig hat er den Werkzeugbau, also Spritzgussformen, die notwendig sind, mit aufgebaut.“

Udo Wirthwein prägte seit 1978 in zweiter Generation das Unternehmen. Er stellte es breiter auf, erschloss neue Geschäftsfelder und entwickelte es zu einer international agierenden Firmengruppe. Heute ist er Aufsichtsratsvorsitzender und überlässt seinen Söhnen Frank und Marcus Wirthwein gemeinsam mit Rainer Zepke die Führung der Wirthwein AG.

Kurze Lieferwege und schnelle Reaktionen fördern Wachstum

Beide Söhne sind praktisch in der Firma aufgewachsen. Das Elternhaus steht nicht weit entfernt vom Hauptsitz in Creglingen, an dem sich neben einer Fertigung auch die zentralen Dienste für die Holding befinden: Technik, Logistik, Einkauf, Buchhaltung. Weitere Produktionsstandorte befinden sich jeweils in der Nähe zu großen Kunden rund um die Welt. Darauf gründet sich der Erfolg von Wirthwein: Nah am Kunden sein – auf allen Ebenen.

Kurze Lieferwege und schnelle Reaktion auf Kundenwünsche haben Wirthwein groß gemacht. Aus Hightech-Kunststoffen werden Bauteile im Spritzgussverfahren gefertigt, die in Autos, in Hausgeräten und vielen weiteren Bereichen zum Einsatz kommen. Ob Lüfterräder oder Fensterzargen, jede gewünschte Form kann konstruiert werden. Und für die Bahn als Großkunden stellt Wirthwein weiterhin das Befestigungsmaterial für Schienen her – wie seit den Anfängen, nur heute komplett aus Kunststoff.

Und die Zukunft? „Digitalisierung spielt eine immense Rolle“, sagt Marcus Wirthwein. „Unsere Maschinen sind seit zehn Jahren vernetzt. Ich kann weltweit auf alle Maschinen zugreifen. Digitalisierung ist für uns sehr wichtig, um Prozesse zu optimieren.“ Künftig soll alles smart und digital ablaufen. Seine Vision ist, dass bald niemand mehr mit Zettel und Stift unterwegs ist. In Zukunft erhofft er sich noch viel mehr: „Es genügt nicht, mit einem Tablet durch die Fertigung zu laufen und dann von Industrie 4.0 zu sprechen.“ Er wünscht sich mehr Sensorik, komplette Vernetzung, Bauteile, die melden, dass sie ausgetauscht werden müssen und automatisch Ersatz bestellen. Auch manche Prozesse sind ihm noch zu starr, nicht interaktiv genug. Marcus Wirthwein will noch mehr Agilität in allen Bereichen.

Die Digitalisierung wird Veränderungen für die Mitarbeiter mit sich bringen. Doch Jobverlust muss niemand fürchten. „Durch die Digitalisierung werden sicher Stellen frei, aber wir werden niemanden entlassen. Wir haben Fachkräftemangel und brauchen immer gute Leute. Es wird neue Aufgaben geben und wir werden unsere Mitarbeiter intensiv schulen, um sie in anderen Bereichen einzusetzen.“

Umfangreiches eigenes Bildungangebot

Um den Bedarf an Mitarbeitern zu decken, bietet Wirthwein umfangreiche Aus- und Weiterbildungen an, kooperiert mit Hochschulen und Universitäten. Interdisziplinäre Lernprojekte sollen den Wissenstransfer zwischen den verschiedenen Abteilungen und den weltweiten Unternehmensstandorten sicherstellen.

Trotz seiner Größe und Internationalität ist das Unternehmen familiär geblieben. Das zeigt sich auch in den Planungen für die Feier des 70-jährigen Bestehens. Es soll ein Fest für die Mitarbeiter und ihre Familien werden, mit lockerer Atmosphäre und Spielstationen für die Kinder.

Dirk Täuber