„Sicher ist nur, wer beweglich ist“: Was Heilbronn als KI-Hotspot und Start-up-Ökosystem besonders macht

Vor sechs Jahren kam Oliver Hanisch aus dem Silicon Valley nach Heilbronn, um die Campus Founders zu leiten. Seither hat sich die Region dynamisch entwickelt. Neue Forschungszentren und ein wachsendes Start-up-Ökosystem machen Heilbronn-Franken zu einem Hotspot für KI, Deep Tech und Unternehmertum – mit dem Ziel, eine führende Innovationsregion in Europa zu werden.

Seit seiner Rückkehr aus Kalifornien treibt Oliver Hanisch, Geschäftsführer der Campus Founders in Heilbronn, die Gründerszene in der Region voran. Foto: Campus Founders

Was hat Sie dazu bewogen, sich für Heilbronn und nicht für eine Metropole wie Berlin oder München zu entscheiden?

Oliver Hanisch: Ich habe das besondere Potenzial der Region erkannt und die Hoffnung gehabt, hier etwas Einzigartiges für Deutschland aufbauen zu können. Die Dynamik, die sich seitdem entwickelt hat, steht dem Silicon Valley in nichts nach.

Was hat sich denn in den vergangenen sechs Jahren verändert?

Hanisch: Als ich kam, war die TUM gerade erst gestartet. Campus Founders, die 42 Heilbronn, IPAI – all das gab es noch nicht. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklungen ist beeindruckend.

Und trotzdem sagen Sie: Wir stehen erst am Anfang. Warum?

Hanisch: Die jüngsten Ankündigungen zeigen, wie stark die Region inzwischen wirkt: Das neue Fraunhofer-Innovationszentrum HNFIZ wird anwendungsorientierte Spitzenforschung ermöglichen. Das Landesgraduiertenzentrum bringt Top-Talente nach Heilbronn. Die Max-Planck-Gesellschaft etabliert hier Grundlagenforschung, ergänzt durch die Max Planck Schools. Besonders freut mich, dass Imec – das weltweit führende Forschungsinstitut für Nano- und digitale Technologien – sich für Heilbronn entschieden hat. Das zeigt, welches Innovationspotenzial hier steckt.

Wenn Sie die vergangenen 25 Jahre betrachten – was waren die größten Umbrüche in der Technologiewelt?

Hanisch: In den letzten 25 Jahren haben wir in der Gründungs- und Technologiewelt mehrere tektonische Verschiebungen erlebt. Deutschland war dabei oft Nachzügler oder Beobachter, seltener Gestalter. Denn es ging um Geschwindigkeit, Risikobereitschaft, Mut und um Menschen, die einfach mal machen – aber nicht unbedingt um Perfektion.

Und heute?

Hanisch: Heute befinden wir uns in einem Umbruch, der von Deep Tech und KI, aber auch von Nachhaltigkeit getrieben ist. Das ist meiner Ansicht nach Deutschlands Moment. Unsere traditionellen Stärken – Ingenieurswesen, Präzision, anwendungsorientierte Forschung – zahlen sich in der Deep Tech-Revolution aus. Diesmal haben wir als Standort eine reale Chance, nicht nur mitzuhalten, sondern mitzugestalten. Das Spielfeld ist neu verteilt. Denn diese Bereiche erfordern nicht nur Geschäftssinn sondern auch fundiertes, wissenschaftliches Know-How und Forschungsinfrastruktur. Dazu kommt, dass Talente heute nicht mehr nur im Silicon Valley sitzen, sondern aus der ganzen Welt kommen. Das spielt auch uns in Heilbronn in die Karten. Bei unserem KI-Startup Accelerator erhalten wir bspw. über 50 Prozent der Bewerbungen von internationalen Startup-Teams. Wenn wir es also schaffen, diese mit den Unternehmen der Region und Investoren erfolgreich zusammenzubringen und in der Region zu halten, schaffen wir eine Situation, bei der jeder gewinnt. 

Viele sagen, Deutschland verliere im globalen Innovationswettlauf den Anschluss. Teilen Sie diese Sorge?

Hanisch: Wenn wir ehrlich sind, dann hat Deutschland im globalen Innovationswettlauf den Anschluss in vielen Bereichen schon verloren. Die entscheidende Frage ist: Wie reagieren wir jetzt? In den USA entscheiden Wagniskapitalgeber innerhalb weniger Wochen oder sogar Tage über Millionen-Investments. In China entstehen aus Forschung und Wissenschaft in wenigen Jahren globale Unternehmen. Und bei uns? Da vergehen oft zwölf Monate mit Förderanträgen, Zuständigkeitsdebatten und Absicherungslogik. Gerade erlebe ich dies hautnah bei den Investorenverhandlungen für ein Investment in ein vielversprechendes Deep Tech Startup in der Region. Das ist kein Vorwurf, das ist einfach Realität. Ich möchte nichts schwarzmalen und bin definitiv kein Mensch, der aufgibt. Ich sehe überall in Deutschland Talente, Forscher, und Teams mit Weltklasse-Ideen.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um das zu ändern?

Hanisch: Drei Dinge. Erstens Geschwindigkeit. Mutige Entscheidungen in Politik, Forschung und Wirtschaft. Innovation braucht kurze Wege. Zweitens Kapital mit Ambition. Investoren müssen auf Potenzial setzen, nicht auf maximale Sicherheit. Drittens Räume für Umsetzung und Zusammenarbeit. Heilbronn zeigt, wie das geht – mit IPAI, 42 Heilbronn, Campus Founders und anderen. Man muss sich aber aktiv einbringen, um davon zu profitieren.

Was muss sich im Denken ändern?

Hanisch: Wir sollten aufhören, uns mit uns selbst zu beschäftigen und die regionale Konkurrenz zu fürchten. Stattdessen brauchen wir ein Innovationsmodell, das auf Unternehmergeist, Verantwortung und Zusammenarbeit basiert – zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen.

Was hilft jungen Menschen dabei, den Mut zur Umsetzung eigener Ideen zu finden?

Hanisch: Manchmal braucht es nur jemanden, der junge Menschen motiviert, einfach loszulegen. Wirklich sicher ist heute nur, wer beweglich ist, lernt und gestalten kann. Das entsteht, wenn junge Menschen die Freiheit und das Vertrauen bekommen, eigene Ideen zu verfolgen.

Und was hindert junge Menschen aktuell daran?

Hanisch: Leider ist unser Bildungssystem noch stark auf lineare Karrieren ausgerichtet. Wir brauchen einen Perspektivwechsel: Unternehmertum muss in Schulen und Hochschulen erlebbar werden. Junge Menschen brauchen Vorbilder, die zeigen, dass man etwas wagen und dabei gewinnen kann – und dass Scheitern kein Versagen ist, sondern eine wertvolle Lernerfahrung.

Mit dem IPAI und dem Bildungscampus entstehen solche neuen Zukunftsorte. Wie wichtig ist die enge Verzahnung von Wissenschaft, Unternehmertum und Technologie?

Hanisch: Diese enge Verzahnung ist absolut entscheidend. Zukunft entsteht dort, wo Forschung nicht im Elfenbeinturm bleibt, sondern gemeinsam mit Gründern, Unternehmen und Investoren in marktreife Produkte umgesetzt wird. Dass sich das in Heilbronn an diesen zwei Hotspots so konzentriert, schafft kurze Wege und einen engen Austausch. Insbesondere in den Bereichen KI und Deep-Tech wird die Zusammenarbeit essenziell sein, um das vorhandene Innovationspotential auch tatsächlich auf die Straße zu bringen. Gerade Deep-Tech-Spin-offs benötigen lange Entwicklungszyklen, hohe Anfangsinvestitionen und Kapitalgeber, die bereit sind, in komplexe Technologien mit hohem Risiko zu investieren. Dann können daraus aber Innovationen entstehen, die die Basis unseres wirtschaftlichen Erfolgs für die nächsten 25, 50 oder 100 Jahre bilden.

Wie lässt sich in einer traditionell geprägten Region diese offene Innovationskultur etablieren – ohne lokale Stärken zu verlieren?

Hanisch: Indem man Veränderung mit Respekt vor dem Bestehenden verbindet. Heilbronn-Franken hat enorme Stärken: Mittelstand, Verantwortung, Verlässlichkeit. Diese Werte widersprechen Internationalität und Innovation nicht. Wenn wir neue Perspektiven integrieren, ohne das Gewachsene zu überrollen, entsteht Vertrauen und Offenheit.

Was möchten Sie mit den Campus Founders in den kommenden Jahren erreichen?

Hanisch: Wir wollen eine Kultur etablieren, in der Unternehmertum kein Sonderfall ist, sondern Teil der DNA.

Und Ihre Vision für die Region Heilbronn-Franken im Jahr 2050?

Hanisch: Wenn alle Stakeholder-Gruppen – also Unternehmen, Universitäten, Startups, Investoren und die öffentliche Hand – sich als Teil des Innovations-Ökosystems verstehen und sich einbringen, wird Heilbronn-Franken eine der führenden Innovationsregionen Europas. Wir haben die Chance, eine Region zu gestalten, die zeigt, wie aus Zusammenarbeit echte Innovation und die nächste Generation erfolgreicher mittelständischer Unternehmen entsteht.

Interview von Teresa Zwirner


Zur Person

Oliver Hanisch ist Unternehmer, Investor und Geschäftsführer der Campus Founders in Heilbronn. Nach über einem Jahrzehnt im Silicon Valley, wo er unter anderem als CEO des German Accelerator tätig war, bringt er heute seine internationale Erfahrung in den Aufbau eines innovationsgetriebenen Ökosystems in der Region Heilbronn-Franken ein. Sein Ziel: Unternehmertum als festen Bestandteil der regionalen DNA zu verankern und Heilbronn zu einem europäischen Hotspot für Zukunftstechnologien zu machen.


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